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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Dieser »Text« spielt »ironisch« mit Klischees, um »überkommene« Rollenbilder ›aufzubrechen‹ und zum »›Denken‹« »»anzuregen««.

Nehmen wir an, man könnte willentlich sein Hirn neu organisieren. Warum sollte man das wollen? In der Schule musste man Geschichten lesen, die nannten sich Parabeln. Das sind Erzählungen, die etwas bedeuten, was nicht drinsteht. Tagelang kann man sich über die Botschaft streiten, und jeden normalen Menschen macht das so wahnsinnig, dass man seinem Gehirn für immer verbietet, jemals wieder auf symbolischer Ebene zu funktionieren. Zwar wird das Leben dadurch leichter, dafür checkt man die Hälfte nicht mehr.

Dinge, die mit Kunst zu tun haben, kann man dann überhaupt nicht mehr verstehen. Dichtung etwa, bei der man 1 Hendiadyoin von 1 Pleonasmus unterscheiden können muss. Ungefähr so ähnlich verhält es sich mit der Ironie: etwas sagen aber was anderes meinen, Widerspruch auf kleinstem Raum.

Mehltau über der Sprache

Dieser verwirrenden Doppelbödigkeit dürfte die nicht ganz unberechtigte Klage über Leute geschuldet sein, bei denen man nicht auf den ersten Blick sagen kann, wo sie hingehören, ob sie also die idiotische Kleidung und den Schnauzer aus ironischen Gründen tragen oder vollen Ernstes.

Da wird man ganz schön aufs Glatteis geführt! Doch das ist ja gerade das Spaßige an der Ironie, dass man nie so ganz genau weiß, ist das »No Regrats«-Tattoo, die Neonkrawatte mit Windows-95-Logo, der Anzug aus Kunstrasen nun Ausdruck Oscar Wildescher Raffinesse oder eher das Sich-Nicht-Scheren um Modeerscheinungen? Und wer sein Outfit nur nach funktionalen Gesichtspunkten wählt, wonach Kleidung nur dazu dient, zu wärmen und die Scham zu bedecken, der steht sowieso ganz weit abseits der uneigentlichen Schmunzel- und Schenkelklopferkreise. Vielleicht zeigt sich in dieser Ahnungslosigkeit der einzig wahre Ausdruck von Cool.

Seitdem Ironie ein alle Lebensbereiche durchdringendes Phänomen geworden ist und sich wie Mehltau über die Kommunikation gelegt hat, leidet die Verständigung. Mit Verständnisproblemen konfrontiert sieht man sich zum Beispiel, wenn man eine Uhr oder so Schnickschnack in einem Laden namens UHRANUS in der Kastanienallee kaufen möchte. Es ist unklar, was die sich bei dem Namen gedacht haben. Ironische Gratwanderung? Ist der Anus-Teil lustig gemeint, Uhren für den Arsch? Pulp Fiction? Oder ist das ein unangenehmes Aufeinandertreffen von Wortspielhölle und Esoterik, das vor lauter Planetenverblasenheit die Arschkomponente gar nicht wahrnimmt? Nachfragen lohnt sich wahrscheinlich nicht, denn die nachträgliche Umdeklaration von Dummheit zu Ironie ist eine Erfindung der Berliner (siehe Heinrich Heine, Reise von München nach Genua, Kapitel 3).

Ich selber möchte manchmal meine Wohnzimmerwand ironisch »unironisch« mit einem Palmenstrand tapezieren oder googel »ironisch zum tropical island fahren cool oder so 2007?«.

Oasen der Ironiefreiheit

Ironie ist sicher ein untrügliches Zeichen für Zurechnungsfähigkeit. Aber zuallererst will sie beherrscht werden: Wer auf Facebook Postings mit »Ironie on/off« rahmt, ist grundsätzlich mega-off. Dann hat sie in manchen Dingen auch schlichtweg nichts verloren. Ein Zuviel der aufdringlich ironisierenden Distanzierungsgesten, wenn einfach alles lächelnd auf die Müllhalde geworfen wird, führt zu einstudierten Topcheckerposen, zum ewigen Kenne-ich-schon, blasiertes Habe-ich-durchschaut.

Zum Glück gibt’s Enklaven der Ironiefreiheit, zum Beispiel die lustvolle Hingabe zum Sport. Beim Spiel geht es darum, dass man sich eins mit der Natur, dem All fühlt, untrennbarer Zusammenklang von Wahrnehmung, Körper, Handlung. Wie angenehm es ist, mit Leuten zu spielen, die mit heiligem Ernst bei der Sache sind und nie auf die Idee kämen, Sätze zu sagen wie: »Soll doch hauptsächlich Spaß machen«, sondern: »Komm, hol ihn!« rufen. Oder: »Schööön!« Oder: »Konzentration, Leute!«

Das alles absolut beseelt, mit schmerzenden Gelenken in der prallen Sonne. Und der Erkenntnis, dass nichts so glücklich macht wie Ballspiele: Dieses Gefühl, mit einer Mannschaft auf dem Platz zu stehen und für die Dauer des Spiels an nichts als das nächste Tor, den nächsten Angriff zu denken. Wenn sich auf dem Bolzplatz spontane Mannschaften aus lauter Leute zusammenfinden, die sich außerhalb des Platzes kaum was zu sagen haben und daher immer nur Leder und Schweiß reden. Großes Glück, reine Wonne. Am Sport perlt Ironie ab wie Wasser am Federbürzel einer Ente.

Grenzen der Ironie

Bisher blieben augenzwinkernde Ironievolten vornehmlich auf die Akte der Kommunikation beschränkt. Aber wie steht es um die Sphäre des Handelns? Robert Gernhardt zufolge gibt es keinen ironischen Orgasmus. Oder ist ironischer Sex das neue Ding, kann man doch mehrdeutig mit so richtigen Arschlöchern ironisch schlafen und es lustig finden, wenn die es gar nicht merken, dass sie voll verarscht werden?

Was ist der nächste Schritt? Ironisch CDU wählen? Werden bald ganze Stadtteile von Anzug und Schlips tragenden Ex-Assi-Punks bewohnt, die durch tadellosen Leumund und unauffälliges Benehmen ihren Nachbarn seit Jahren ein Schnippchen schlagen? Familiengründung aus Jux, Kinderkriegen »aus Scheiß«, unernste Bausparverträge, Kichern übers eigene Leben im Reihenhaus (»perfekte Tarnung unter Spießern!«), unangepasste Renitenzler, die aus Witz das Treppenhaus fegen und Blumen verschenken als Lausbüberei, Rippenknuff, Nackenschalk?

Rebellion in Burberry-Jacke? Ironischer Sexismus? Ironisch zur Arbeit fahren? Ironisch ein »Marketing Professional« werden mit Haargel und Manschettenknöpfen? Ironische Firmengründung? Sich sonntags »ironisch« so »richtig« »bürgerlich« ab 20 Uhr 15 den Rundfunkbeitragsoutput »gönnen«? Ironisch dieses Dschungelcamp gucken, diesen zutiefst öden und uninteressanten Mist, den ihr ironiegestählten Topchecker euch ironisch reinzieht oder zweifach ironisch gebrochen oder siebenfach?

10 Sekunden lang ironisch »headbangen«, wenn irgendwo Gitarrenmusik ertönt? Noch das letzte Quentchen Ironie aus Final Countdown von Europe rausquetschen? Monokeltragende Babys, die ironisch mit Messer und Gabel ihren Brei verspeisen? Ironisch einen Hummer fahren (oder einen Fiat Panda, je nachdem)? »Nette Überraschung« sagen, auch wenn es in Wahrheit weder nett noch eine Überraschung war? Den oder die Liebste mit »Schatz« ansprechen und dabei zwei Mal Gänsefüßchen mit gekrümmten Fingern in die Luft pantomisieren? WITZIG GEMEINTE KLINGELTÖNE, DIE TOTALE VERDIDDLUNG VON ALLEM???????

Falls ihr diesen Text doof findet, dann ist er nur ironisch gemeint gewesen!!!! ;–)