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Das gesellschaftskritische Popmagazin

In »Alte weiße Männer« erforscht Sophie Passmann ein derzeit viel beschworenes Feindbild. Die Objekte ihrer Feldforschung: Männer in Machtpositionen. Feminismus trifft auf Sexismus und Beißreflexe bedrohter Männlichkeit – aber auch auf so manche positive Überraschung.

Vermessung eines Feindbilds

Passmann möchte herauszufinden, was einen alten weißen Mann ausmacht. Denn nicht jeder Mann der weiß ist und alt ist automatisch auch ein alter weißer Mann. »Das Gefühl der Überlegenheit gepaart mit der scheinbar völligen Blindheit für die eigenen Privilegien macht für mich eher dieses Feindbild aus«, schreibt Passmann. Gegen dieses Feindbild schreibt sie an, indem sie einige Mitglieder der (gefährdeten) Gruppe befragt. Als selbstbezeichnete Netzfeministin kennt Passmann »das kommunikative Grundrauschen in sozialen Netzwerken« nur zu gut. Das sei jedoch »höchstens die Illusion eines echten Dialogs«. Passmann will wirklichen Dialog:  In Cafés, verglasten Büros, bei Picknicks, auf Terrassen und an Seen führt sie Gespräche mit – mehr oder weniger – mächtigen Männern.

»Sind Sie ein alter weißer Mann?«

Ob aus der Politik oder der Popkultur, ob Chefredakteur des »Zeit Magazin« oder Passmanns Papa – die Frage »Sind Sie ein alter weißer Mann und wenn ja – warum?«, müssen sich alle gefallen lassen. Die Antworten variieren stark. Sascha Lobo zeigt sich aufgeklärt und (selbst-)kritisch: »Dieser alte weiße Mann gehört zu der am wenigsten diskriminierten Gruppe in der westlichen Zivilgesellschaft. (… ) als weißer alter intelligenter reicher Mann sind alle Türen, die ab Werk geöffnet sein können, auf.«

Der Alt-68er Rainer Langhans befindet sich am anderen, unteren Ende des Aufgeklärtheitsspektrums: »Als Frau zu wissen, was man will, ist wahnsinnig schwer, und du könntest mit meinen Frauen reden: Sie tun sich sehr, sehr schwer damit. Aber meiner Ansicht nach wird ihnen irgendwann auffallen, dass sie nicht die Männer verändern können, wenn sie sich nicht zuvor selbst verändern.« Wie diese Selbstveränderung auszusehen hat, weiß er als Mann und ehemaliger obskurer Sex-Guru der »Kommune 1« vermutlich am besten.

Frauenquote JA | NEIN | VIELLEICHT

Häufig begegnet Passman in ihren Gesprächen das Argument, mit der Zeit würde schon alles für alle gerecht werden. Für Ex-BILD-Chefredakteur Kai Diekmann ist es eine Generationenfrage: wenn Papa auch mal den Abwasch gemacht hat, übernehme Sohn das so. Auch Modeblogger Carl Jakob Haupt »würde das zu hart reingreifen«, wenn eine Quote die Jobverteilung in Unternehmen regelte. Gleichberechtigung, ja klar, aber die dürfe nicht von oben verordnet werden.

Passmann spricht sich vielmehr für eingreifendes Handeln aus und glaubt nicht, dass sich alles von selbst verbessert. Oder wie die österreichische Journalistin und Autorin Doris Knecht in einer Rezension zu dem Buch treffend formuliert: »Wenn jetzt nicht reingegriffen wird, ist in 30 Jahren alles noch gleich. Passmann ahnt das.«

Nach erfolglosen Sommermonaten, in denen Passmann versucht hat Männer in Machtpositionen von der Frauenquote zu überzeugen, kommt Juso-Chef Kevin Kühnert: »Wer Frauen erst gleichbehandelt, weil ein Gesetz ihn dazu zwingt, behandelt Frauen in allerletzter Konsequenz nicht gleich.« Zähneknirschend gibt Passmann ihm Recht. Das eigene Handeln reflektieren und mit anderen Menschen über Missstände reden sei der Weg, so Kühnert, und erfolgversprechender als auf Twitter rumzuwüten.

Den Wandel nicht als Hindernis verstehen

»Die wirklich Guten, die Klugen, die Erfolgreichen, die werden jeden Wandel mitmachen, den wir Frauen oder wer auch immer ihnen abverlangt. Sie sind so gut, weil sie den Wandel immer als Umstand und nie als Hindernis betrachtet haben.« So schätzt Passmann auch Sternekoch Tim Raue ein. In dessen Restaurant erstarrt sie ob der Schönheit des Essens. Sie unterhalten sich über die Boysclub-Sternekoch-Branche, in ganz Deutschland gibt es nur eine Frau mit zwei Sternen. Raue berichtet von einem Essen von Personalvorständen, bei dem er die Herren nach Gründen für Gehaltsunterschiede bei Männern und Frauen fragte. Sie konnten keine nennen.

»Alte weiße Männer« lässt einen lachen und gelegentlich die Augen verdrehen ob der Aussagen, die schon ausgemustert wurden und die trotzdem immer wieder zum Dienst antreten. Es macht Spaß, mit Sophie Passmann einen Sommer durch die Republik zu reisen und in ihr Gehirn gucken zu dürfen. Wie sie mal innerlich augenrollend, mal amüsiert und mal begeistert den Antworten ihrer Gesprächspartner lauscht. Passmann schafft es, auf kluge und witzige Weise ihre Gesprächserfahrungen zu beschreiben, sodass man sich fühlt als säße man mit am Tisch.

»Der alte weiße Mann bleibt eine vage Idee, ein zwischenmenschliches Gefühl, ein Habitus«. Passmann zeigt, wie sehr er aus der Zeit gefallen und trotzdem noch so fest in unserer Gesellschaft verankert ist. Doch ihr Abschlussplädoyer bleibt hoffnungsvoll und lösungsorientiert: »Wir werden noch viele Jahre über den Sinn oder Unsinn von Feminismus streiten. Lasst es uns wenigstens klug tun, ohne uns selbst oder das Gegenüber ständig mit Feindbildern zu langweilen.«

 

»Alte weiße Männer«, Sophie Passmann, 12€, KiWi Verlag.

Sophie Passmann ist im Ensemble des Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann und Radiomoderatorin bei 1LIVE. Sie hat Politikwissenschaften und Philosophie studiert, ist 25 Jahre alt und trinkt sehr gerne Riesling.