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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Nach drei Jahren ist die Band Laing wieder da. Leadsängerin Nicola Rost hat mit uns über das Jetzt, das Früher, das Dazwischen – Konstanten, Veränderungen und die Faszination der Neuentdeckung geredet.

ZurQuelle Magazin: Ihr seid wieder da, habt eure ersten Konzerte nach langer Pause gespielt. Was meinst du, ist euch das Comeback geglückt?

Nicola Rost: Also ich finde es erstmal lustig, dass ihr das ein Comeback nennt. Ich verbinde Comebacks mit Leuten, die länger weg sind, älter, berühmter. Bei uns war es so: Ich wollte eigentlich nur eine kleine Pause machen, weil wir acht Jahre lang nur Konzerte gespielt, Platten gemacht, Songs geschrieben und Shows geprobt hatten. Alles lief immer gleichzeitig, das eine ging in das andere über. Es war kaum Zeit, einmal Luft zu holen.

Mein Fazit ist: Es war ein gutes Comeback. Die Pause war nicht zu lang, denn es kann ja auch passieren, dass du zu lang weg bist und somit auch die Leute nicht mehr erreichst, die mal deine Musik toll fanden.

Was war dann der Anlass, diese Pause einzulegen?

Während wir für das erste Album noch relativ viel Zeit gebraucht hatten, weil uns die ganze Infrastruktur fehlte, ging es mit dem zweiten sehr schnell. Aber statt erst mal innehalten zu können, hieß es dann auch relativ bald schon wieder: »So, jetzt brauchen wir auch die nächste Platte«. Da hatte ich das Gefühl, ich bräuchte eine Pause und nahm mir vor, ein Jahr lang nichts zu machen. In dieser Zeit aber habe ich es dann so genossen, einmal nicht funktionieren zu müssen, dass es am Ende zweieinhalb Jahre wurden.

War die Pause also nur deine persönliche Entscheidung?

Nein. Wir haben damals als Band riskiert, auf eine bestimmte Schiene zu kommen, die wir dann hätten bedienen müssen.

Eure Fans sind also noch da. Was habt ihr, neben der Besetzung, noch verändert?

Viele Dinge habe ich anfangs intuitiv getan, ohne sie wirklich zu verstehen. Das ist natürlich reizvoll und geht vielleicht auch nicht anders. Doch in einem Beruf, bei dem man sich so sehr nach außen wagt und sich – auf der Suche nach Liebe sozusagen – der Kritik aussetzt, ist es wichtig, auch eine gewisse Sicherheit zu finden. Dinge zu hinterfragen, um dann zu sehen, dass der intuitive Ansatz auch der vernünftige ist, macht mich sicherer, in dem was ich tue. Dadurch werden die Sachen auch besser. Und die Resonanz der Leute scheint uns Recht zu geben.

Doch wenn sich trotz dieser Reflexionsphase nicht viel verändert hat, wiederholt ihr euch dann nicht selbst?

Ich habe über Brüche nachgedacht und viele Dinge ausprobiert. Zwischendurch war ich total verunsichert, was ich eigentlich machen möchte. Dann habe ich aber gemerkt, dass mein ursprüngliches Gefühl das ist, worauf ich am sichersten bauen kann. Deshalb vertraue ich darauf, dass diese Weiterentwicklungen dann doch den Unterschied markieren.

Wie viel Raum lässt euch das Label?

Ich hatte da immer viele Freiheiten. Ich hatte großes Glück, dass sie alles supporten und mich auch gut finden. Im Zweifel hätten sie gern mehr Einsicht in den Prozess, da ich schon sehr abgeschottet arbeite.

Kann man sich als Produktionsszenario noch immer dich an deinem Computer vorstellen?

Mehr oder weniger, ja. Ich habe auch mal andere Musiker eingeladen, um mit ihnen zu arbeiten. Aber wenn man es runterbricht, entstehen die Songs, allein mit meinem Computer.

Dabei bedienst du dich gern bei anderen Liedern. Laings bekanntestes Lied »Morgens immer Müde« ist ein Cover von Trude Herr aus dem Jahr 1960. Und auch »Camera«, der Titelsong des neuen Albums, ist an ein Lied von Bill Ramsey angelehnt. Geschehen diese Inspirationen zufällig oder setzt du dich hin und suchst danach?

Popmusik speist sich auch von dem, was es musikalisch schon gab. Sie zitiert sich immer wieder, wird durch den Wolf gedreht und entsteht dadurch neu. Das finde ich spannend. Cover sind zwar relativ verpönt. Aber: Erstens liebt das Publikum Songs, die es kennt. Das kann helfen, wenn du als neuer Act durch die Gegend tourst. Wir hatten neben »Morgens immer Müde« noch eine Version von »Alles nur geklaut«. Anfangs machten wir uns noch drüber lustig und dachten: Was für ein peinlicher Song, weil er diese Fröhlichkeit der 90er Jahre in sich trägt. Wenn man in den 90ern groß geworden ist, hat man ja im Zweifel noch eine Distanz dazu, weil man es schon mal voll durchlebt hat und nicht auf die Ideen kommt, es romantisch zu verklären.

Aber dann…?

…habe ich mich hingesetzt, den Song angehört und ein Cover gebaut, das aber in die Gegenrichtung geht. Der Song gab keine Hip Hop-Attitüde her – dafür war mir das »eo, eo« nicht cool genug, also habe ich es weggelassen. Ich war trotzdem fasziniert, was für ein guter Song das ist. Du kannst damit machen, was du willst, und er funktioniert. Und es war ziemlich geil, einen Song, den alle mitsingen können, in einer völlig eigenen Version zu spielen.

Wie hat das Publikum reagiert?

Alle haben mitgesungen! Das ist so ein geiler Moment, wenn das Publikum dich abfeiert, aber auch den Song. In diesem Moment gehört der Song irgendwie allen. Deswegen mag ich es, wenn Menschen dir durch neue Versionen etwas zeigen, was du noch nicht wusstest oder kanntest. Und jeder, der hier groß geworden ist, kennt den Song von den Prinzen. Deshalb texte ich auch auf Deutsch.

Kannst du alle Lieder in eine neue Form covern?

Aus Bill Ramseys Lied »Mach ein Foto davon« habe ich zum Beispiel kein direktes Cover gemacht. Ich habe nicht geschafft, einen neuen Song daraus zu machen. Es klang noch immer wie ein 60er-Jahre-Schunkel-Schlager. Damit kann ich mich musikalisch gar nicht identifizieren, aber mit dem Song an sich schon. Wohl auch, weil er bereits in seiner Altbackenheit so absurd wirkt, wenn man ihn heute hört.

Heute klingt er wie ein sarkastischer Kommentar auf die Gegenwart. Das Lied ist aber in einer Zeit entstanden, als spontane Fotografien unmöglich waren; es gab ja kaum Kameras. Den Kontrast zur heutigen Zeit konnte ich nicht übersetzen. Das, was mich faszinierte, wäre verloren gegangen. Deshalb habe ich was Neues geschrieben.

Was ist es, das einen Song für dich coverbar macht?

Nicht alles, was untergegangen ist, war schlecht. Vielleicht hat es einfach nicht seinen Platz gefunden. Mich reizt das. Einen coolen, erfolgreichen Song muss ich nicht covern. Ich muss nicht die zig-fachste Version von Flugzeuge im Bauch singen. Das ist schon ein cooler Song. Mich reizen eher Songs, deren Coolness noch nicht aufgedeckt wurde. Das sind Songs, die ein Comeback verdienen.

Beitragsbild: Ben Wolf

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