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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Mit Westworld ist der Hype wieder da. In ewiger Wartezeit und mit kryptischen Teasern wurde der:die gemeine Bingewatcher:in geil gemacht und bekommt jetzt eine Show geliefert, die das Inception der Fernsehunterhaltung werden könnte: Die HBO-Serie Westworld.

Ist sie nicht nur von Jonathan Nolan co-geschrieben (eben auch Co-Autor von Inception, Interstellar und wie sie alle heißen), trägt sie doch auch die DNA in sich, die sein jüngeres filmisches Werk auszeichnet: Die visuell gargantueske und äußerst angenehm konsumierbare Aufarbeitung einer philosophischen Fragestellung.

Aber bleibt Westworld auf dem Philosophie-für-Arme-Niveau stehen, oder hat es vielleicht eine viel profundere Aussage? Eine, die sich erst nach längerem dösigen Grübeln eröffnet? Ein paar Folgen sind raus (in Deutschland nur illegal streambar, versteht sich) und zQ-Senf ist abzugeben. Hört her.

Dolores (Evan Rachel Wood) weiß noch nicht, was sie erwartet: Böses. (c) HBO
Dolores (Evan Rachel Wood) weiß noch nicht, was sie erwartet: Böses. © HBO

Diffuse Erinnerungen an vergangene Betriebssysteme der Westworld

Die Westworld ist ein Freizeitpark für die gesamte Familie, der die:den Besucher:in in eine Wild-West-Landschaft verfrachtet. Darin verspricht sie ihr hier die Erfüllung ihrer kühnsten (versautesten, schizoidesten, gewalttätigsten) Träume verspricht. Möglich wird dies, indem die Westworld von tausenden menschenähnlichen Robotern bevölkert wird.  Die werden Hosts genannt und laden sie:ihn — die Besucher:in — auf Abenteuer jeglicher couleur ein (oder aufs Zimmer, je nach Belieben).

Zu Beginn der Serie laufen ein paar Hosts aus dem Ruder. Sie sehen ihre vorgesehene Programmierung, die Guests zu bespaßen, nicht mehr als ihr oberstes Prinzip an. Das freut die Managerin des Parks, Theresa (Sitte Babett Knudsen), nicht. Der Park ist ein kapitalistisches Unternehmen und keine Spielwiese für erkenntnistheoretische Melancholiker wie Designer Bernard (Jeffrey Wright) oder Ehrendirektor Dr. Ford (Anthony Hopkins). Die umgeben sich gern mal privat mit den Hosts (die Hosts natürlich vollkommen nackend, wir sind hier bei HBO) und benutzen sie als wehrlose Stichwortgeber für ihre Überlegungen über die menschliche Natur.

Und die kleinen Glitches sind keine Einzelfälle. Auch Southern Belle Dolores (Evan Rachel Wood), die erste aller Hosts und bevorzugte Gesprächspartnerin von Bernard, scheint sich an Ereignisse  aus älteren Versionen ihres Betriebssystemes zu erinnern. Eigentlich sollte sie die schon lange nicht mehr auf der Platte haben. Und wir fragen uns, ob die Hosts gerade dabei sind, eine Identität zu entwickeln. Oder gar zu Menschen zu werden.

Der Grundkurs-Philo-Stoff macht Spaß, weil die Serie mit dem pfiffigen Gegensatz hypermoderne-Zukunft versus staubige-Western-Welt spielt und die Musik dieses Prinzip sehr sexy aufgreift.

Auch das gibt es in der Westworld: Grandiose Aussichten. © HBO
Auch das gibt es in der Westworld: Grandiose Aussichten. © HBO

Hosts und Guests in der Westworld. Autoren auf Betten

Gleichwohl stolpert Westworld über das Problem, das der Autor auch schon mit Inception hatte: Die kalte pseudo-Cleverness der ganzen Nummer, die wenig Raum für emotionale Bindung an die Besatzung lässt. In Inception war es die Frage, wo der Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit liegt und wie man beide auseinanderhält. Das wurde dann an der gähn-Backstory mit Marion Cotillard illustriert. Die Prämisse ist klasse und die Welt außerordentlich intriguing, aber menschlich fühlt der Autor sich im Regen stehen gelassen. Es ist wie das Verlangen des Geschichtslehrers, sich mittels wissenschaftlicher Texte empathisch auf die Gräuel der Nazizeit einzulassen.

Er — der Autor — liegt dann während einer Episode, wie eingangs vorgewarnt, lang gemacht auf seinem Bett. Er starrt auf den Laptop und als seine Gedanken abschweifen (Masturbation? Schlafen?) und er sich ziemlich sicher ist, dass er so eine Serie wesentlich besser schreiben könnte; als er sich in der glossy Spiegelung des Bildschirmes sieht, versteht er plötzlich. Diese Show ist nicht nur die generische Neuntklässler-Brainfuck-Klitsche für die er sie gehalten hat. Sondern auch ein ziemlich hintergründiger Kommentar auf unser Verhältnis zu und den Konsum von Entertainment im Allgemeinen oder TV-Serien im Speziellen.

Mehrmals beklagen sich in der Serie die Autor:innen der Westworld (also die Planer:innen des Freizeitparks) darüber, dass die Guests nur für die billigen Thrills kämen: Sex, Drugs und Meucheling Robots. Sähen sie denn gar nicht, wie pervers sie eigentlich sind? Es wird darüber debattiert, wieviel Menschlichkeit ein fiktionaler Charakter (ergo Host) braucht. Beziehungsweise wieviel davon die Besucher:innen aushalten.

SIr Anthony bei der Unterhaltung mit einem Nackidei-Untersuchungsobjekt © HBO
SIr Anthony bei der Unterhaltung mit einem Nackidei-Untersuchungsobjekt © HBO

Ist Berlin eine Westworld? Sind wir die Roboter?

Und wir können uns selbst fragen: Wie sehr wollen wir (also wir hippen Berliner Studentinnen) wirklich hochqualitative Unterhaltung mit authentischen Charakteren und anspruchsvollen Storylines? Kommen wir, wenn wir uns Stuff reinziehen (Stuff hier stellvertretend für alles, was mit Kunst/Unterhaltung zu tun hat), nicht doch nur für die Befriedigung niederer Triebe im Mantel der Hochkultur?

Es ist interessant zu beobachten, wie Nolan und Co-Autorin Lisa Joy diese Meta-Versuchsanordnung auffächern. Wie die Macher der Welt die Hosts und die Welt als ihre Babys betrachten, und beinah freudsche Projektionsmechanismen stattfinden. Dr. Ford spricht jeder:m geplagten Autori:en aus dem Herzen, wenn er schildert, wie wunderbar die ersten Jahre des Freizeitparks waren: „Keine Gäste, keine Meetings, reine Kreation.“

Aber was passiert nun, da die Figuren (die Hosts) in der Serie ein Eigenleben entwickeln? Ist es nicht der Traum von Kreativen, Figuren und Welten zu erschaffen, die so echt sind wie die wirkliche Welt? Oder ist uns das zu viel? Wie viel Wirklichkeit halten Zuschauer:innen aus? Und können Macher:innen ihre Babys von der Leine lassen und sie sich autark weiter entwickeln lassen? Werden Figuren in der Zukunft einmal durch unsere Laptopbildschirme hindurchsteigen und es sich in unserer echten Welt bequem machen (oder haben sie das schon)?

Als er den Laptop dann zuklappt und sich den brummenden Schädel reibt, ist der Autor ganz froh, dass Westworld selbst noch nicht so echt ist, wie die Show es vielleicht gerne wäre. Das wäre ihm am Ende eines harten Arbeitstages zu viel. Er richtet das Kissen und freut sich, dass es im Serienuniversum noch keine neunmalklugen Kritiker:innen gibt, die den Freizeitpark mit meta-kulturkritischen Kommentaren analytisch filettieren wollen. Das wäre nicht zum Aushalten.