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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Japan ist für viel kranken Scheiß bekannten, kann aber auch mit extrem restriktiven Traditionen und komplexen Geschichten aufwarten. Hier geht’s aber um kranken Scheiß – Sex, Exorzismus und Kettensägen-E-Gitarren. Ein Bericht vom B-Movie in Hamburg bei der dritten japanischen Filmnacht.

Das B-Movie

Versteckt in einem Hinterhof in St.Pauli findet sich seit 1987 das B-Movie. Das Ticket für den Trashabend kostet 3.50€ plus Spende. Da bleibt viel Geld für ebenfalls billiges Bier und Schnaps. Das B-Movie ist ein unabhängiges und ehrenamtlich organisiertes Kino, das vor allem kleinere unbekannte Filme zeigt. Genre-, Trash-, Underground- oder Experimentalfilme findet man im Programm. Zu vielen Filmen gibt es bei der Vorführung kleine Einführungen von am Film beteiligten Menschen oder Diskussionsrunden im Anschluss. Das Konzept funktioniert: Ungewöhnliche Filme mit schlauen Gesprächen und viel Bier.

Japanese Film Festival

Präsentiert wird dieser Abend vom Japanese Film Festival Hamburg. Auch hier arbeiten ehrenamtliche Mitarbeiter, die versuchen uns die versunkenen Schätze der japanischen Filmkunst näher zu bringen. Da der Großteil der japanischen Filme sehr von den westlichen Filmnormen abweicht, ist der Markt in Deutschland extrem klein und die meisten Filme werden von begeisterten Fans mit Untertiteln versehen. Für die Rechtschreibung innerhalb der Untertitel ist das zwar nicht von Vorteil, dafür gibt es nahezu keine Distanz zwischen Filmemacher und Konsument.

Einleitung des Abends

Als Eröffnung des Abends lief ein Trailershowreel, indem sich Menschen in fleischfressende Killer-Roboter-Pflanzen verwandeln und mit Maschinengewehrnippeln ballern. Ein Geysir aus dem mehrere Tausend Liter Fake-Blut spritzen. Der Saal lacht. Anschließend jagt eine Horror-Gothic-Lolita einen armen japanischen Jungen durch einen Wald. Noch mehr Blut spritzt.

Der Moderator tritt auf die Bühne und beschreibt den Ablauf des Abends: »Euch erwarten drei anspruchsvolle Filme, die verschiedenste gesellschaftliche Phänomene Japans beleuchten und dabei soziokulturelle Problematiken des Landes kritisieren.« Das klingt plötzlich ganz anders als erwartet und auch als die Trailershow vermuten ließ. Der Moderator stellt klar: »Drei Mal die volle Packung Irrsinn aus Japan: Sexuelle Obsessionen, grotesker Exorzismus, jaulende E-Gitarren-Kettensägen!« Die Welt ist also doch noch in Ordnung. Es werden noch einige DVDs verlost und dann geht’s los mit dem ersten Film.

New Neighbor

Die junge Sekretärin Ayano wird täglich von Arbeitskollegen und wildfremden Männern sexuell belästigt. Gleichzeitig drängt ihrer Mutter sie, doch endlich einen reichen Mann zu heiraten. Die negativen Erfahrungen prägen ihr Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität. Die Geschichte setzt ein als eine junge Frau ins Nachbarapartment einzieht.

Durch die Wände erlebt Ayano fortan unfreiwillig die sexuellen Eskapaden ihrer Nachbarn. Zuerst, verstört durch den ständigen Lärm und das offene Ausleben ihrer Sexualität, entwickelt Ayano nach und nach ein Interesse an ihrer Nachbarin, aber auch an ihrem eigenem Körper und ihrer Sexualität. Eines Nachts schleicht sie sich in die Wohnung nebenan.

Sie wird erwischt und  ihre Nachbarin fordert Ayano auf endlich zu ihrem inneren Tier zu stehen. Ayano wird wütend und die beiden Frauen duellieren sich wie zwei Jedi-Ritter aus Star Wars mit riesigen Dildos, die im Zimmer der Nachbarin herumliegen. Ayano gewinnt den Kampf und schlägt die Nachbarin nieder. Als diese zu Boden geht, küsst Ayano sie.

Einen Schnitt später sehen wir Ayanos Wohnungstür und hören laute Sexgeräusche. Ein anderer Nachbar klopft wütend an, um sich zu beschweren. Die Tür geht auf und der Nachbar entdeckt die Tote Ayano mit aufgeschlitztem Bauch. Ende.

Verwirrt beginnt ein leises Klatschen im Kino. Wieso die junge Frau am Ende sterben musste, wird nicht so ganz klar. Bis auf die letzte Szene könnte man den Film fast als eine Coming-of-Age Geschichte bezeichnen. Ayano auf dem Weg zu einer freieren Sexualität, im Kampf mit der Gesellschaft und verinnerlichten regressiven Moralvorstellungen.

Nach einer kurzen Pause leitet der Moderator in den nächsten Film ein. Jetzt wird es etwas tiefgründiger. Legen wir also kurz Adornos Minima Moralia aus der Hand und sind gespannt.

Mukuro – Sweet Home Inferno

Nozomi ist eine typische Teenagerin, die die Schule scheiße findet und gegen ihre Eltern rebelliert. Was sie jedoch besonders macht: Sie hat krasse Nackenschmerzen. Nozomis Mutter erscheint ihr Verhalten reichlich suspekt – die mysteriösen Nackenschmerzen auch. Es muss sich um einen Dämonen handeln. Prompt engagiert sie einen Exorzisten. In einem brutalen Ritual wird Nozomi von ihrer eigenen Familie zerhackt.

Die Familienmitglieder freuen sich dabei die ganze Zeit, weil es Nozomi endlich besser gehen wird. Sie grinsen und hacken. Dazu läuft richtig guter psychedelischer Rock. Als Nozomi dann wie durch ein Wunder wiederaufersteht, will sie sich rächen und es fliegen Köpfe. Der Saal tobt. Ob es dabei um die sarkastische Interpretation von elterliche Liebe oder die trashigen Effekte und den geilen Soundtrack geht, wissen wir nicht.  Es werden wieder DVDs verschenkt und als Rausschmeißer läuft:

Neo Kesshitai

Das Schulmädchen Neo muss vor ihren Mitschülern kotzen und wird deswegen gemobbt. Als Selbstfindungstrip baut sie eine Kettensäge an ihre E-Gitarre und startet einen blutigen Feldzug. Niemand kann sie aufhalten. Als sich Gott ihr in den Weg stellt, sticht sie ihm die Augen aus und schreddert ein cooles Solo. Der Film nutzt viele Farbfilter, gute Effekte und sieht sehr künstlerisch aus. Blutfontänen und fetziger Sound erzeugen eine treibende Stimmung. Der Film ist so hübsch, dass die knapp 15 Minuten vorbeirasen. Vielleicht liegt’s aber auch am mittlerweile sechsten Bier.

Das 19. Japan Filmfestival Hamburg wird vom 23.-27. Mai stattfinden. Wenn ihr also Lust habt auf japanische Filmkunst und in der Stadt seid, schaut doch mal vorbei. Wer weiß, möglicherweise trefft ihr euren Lieblingskettensägenschwinger.

Außer dem Japan Filmfestival gab es in der letzten Woche folgende Themen…

Das Herz der Woche ging an Silvio Berlusconi. Der verrückte Motherfucker…

Außerdem: Ein Trashklassiker, der am Freitag im Moabiter Bahnhofskino gezeigt wird: Samurai Cop.

Und in der Sneak? Vom Oscar verschont geblieben und trotzdem gut: »The Florida Project«

Trump geht immer: »10 Dinge, die das Weiße Haus noch mitteilen lassen wird«

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