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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Das »trans« nicht immer auf das Geschlecht bezogen sein muss, zeigt der Fall von Rachel Dolezal. Und er polarisiert. Transrace ist halt was anderes als Transgender. Oder?

1976 gewinnt Caitlyn Jenner olympisches Gold im Zehnkampf der Männer. Prompt ist sie Nationalheldin. Denn Caitlyn bringt nicht nur eine Medaille samt neuem Weltrekord mit nach Hause, sondern besteigt das Siegertreppchen noch vor der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion. Amerikas Ehre war gerettet. Das ist in Zeiten des kalten Krieges und kurz nach der Schmach in Vietnam natürlich sehr wichtig. Dringend braucht es traditionell denkende, republikanische Heldinnen, die der Nation sechs Kinder aus drei Ehen schenken und selbstverständlich gegen die Homo-Ehe wettern – der fleischgewordene amerikanische Traum aus weißem Testosteron.

Boom, C’est Le Shock!

Doch fast vier Dekaden später der Schock: Der Mensch, den alle als Bruce Jenner kennen, lebte jahrelang in anonymer Transidentität. Eine transgender Frau also, die in einem Körper, mit dem sie sich nicht identifiziert, olympisches Gold holt. Und das in einer der Disziplinen, die gemeinhin als besonders männlich betrachtet werden. Im Juni 2015 outet sie sich und erzeugt dadurch einen riesigen Medienrummel. Mit einer Fotostrecke in der Vanity Fair unter dem Titel Call me Caitlyn nimmt sie finalen Abschied von Bruce.

So viel Mut und Ehrlichkeit wird unter anderem mit dem ESPY Award für athletische Errungenschaften ausgezeichnet. Es geht natürlich im Speziellen darum, was Caitlyns Outing für die Transgender-Gemeinschaft bedeutet. Ereignisse wie dieses deuten darauf hin, dass Transidentität der gesellschaftlichen Akzeptanz immer näher kommt. Für Caitlyn bringt das Outing und die positive Resonanz ein völlig neues Lebensgefühl. Sie muss jetzt keine Herrenanzüge mehr über ihrer Spitzenunterwäsche tragen, wenn sie in Talkshows erscheint. In einem Post-Outing Interview mit Ellen DeGeneres trägt sie stattdessen eine schicke weiße Bluse und einen stylischen Bleistiftrock. Sie erklärt der Talkmasterin, weshalb sie als bekennende Republikanerin bis vor einigen Jahren noch gegen die Homo-Ehe war und das Konzept nach wie vor nicht ganz für voll nimmt. Aber Schwamm drüber, denn es geht ja schließlich darum, dass sie Dank der breiten Akzeptanz nicht mehr lügen muss.

It Don’t Matter if You’re Black or White

Fernab all der Aufmerksamkeit sitzt Rachel Dolezal in Spokane, Washington vor ihrem Fernseher und weint mitfühlend, als sie von Caitlyns Outing hört. Auch sie ist eine transidente Frau. Weil der Mut zum Outing fehlt, bricht sie 2006 den Kontakt zu ihren Eltern ab und zieht mit ihren Söhnen nach Washington State. Dort kann sie so leben, wie sie sich schon immer fühlt.

Als Schwarze engagiert sie sich im lokalen Vorstand der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), unterrichtet Africana Studies an der Uni und setzt sich gemeinsam mit der örtlichen Polizei gegen rassistisch motivierte Diskriminierung ein. Außerdem ist sie Künstlerin und verdient mit ihren Bildern, die einen klaren Fokus auf afroamerikanischer Kultur und Geschichte legen, gutes Geld. Auf diesem Weg kann sie sich auch mit den Erfahrungen ihrer Leute auseinandersetzen.

Ein gutes Beispiel ist ihr Gemälde The Shape of Our Kind. Es zeigt ein Segelschiff auf offener, stürmischer See und will die Verfrachtung afrikanischer Sklaven nach Amerika thematisieren. So weit so gut, oder eben leider nicht. Was Rachel noch nicht ahnt, als sie Caitlyns Weg auf der Mattscheibe verfolgt, ist, dass auch sie kurz vor dem Outing steht. Den Job übernehmen allerdings ihre Eltern.

Die Eltern lassen die schwarz-weiße Katze aus dem Sack

Ruthanne und Lawrence Dolezal wollen nicht länger akzeptieren, wie ihre Tochter die Leute in ihrem Umfeld belügt, weil sie ihre Transidentität verheimlicht. Sie lassen die Katze aus dem Sack und sorgen dafür, dass Rachel und ihr Gesamtwerk ebenfalls im Juni 2015 öffentliches Interesse erwecken. So bekommt in diesem Zusammenhang auch das eben erwähnte Gemälde einige Aufmerksamkeit.

Googelt man nämlich J.M.W. Turners 1840 veröffentlichtes Bild The Slave Ship, sieht es so aus, als habe Rachel eine Malen-nach-Zahlen-Version als ihr eigenes verkauft. Abgesehen davon, dass es verwundert, wie eine so offensichtliche Kopie bisher niemandem auffallen konnte, liegt der Plagiatsvorwurf auf der Hand. Doch es hagelt weitere Vorwürfe für Rachel. Anlass sind ihre Geburtsurkunde und Jugend.

Nicht, weil sie im Körper eines Mannes geboren wurde und vorgibt, eine Frau zu sein. Die längste Zeit ihres Lebens hat sie als Weiße verbracht und erlebt, auch wenn sie heute behauptet, sich schon immer als Schwarze gefühlt zu haben. »Transrace«, nennt das Rachel, »kulturelle Aneignung
und Täuschung«, sagen andere.

Aber wo liegt das Problem? Trans hin oder her. Mensch ist Mensch, und Caitlyn akzeptieren wir doch auch, oder? Außerdem sind Rachels Bilder wirklich schön und ihr Engagement für Gleichberechtigung ist echt. Tja, der Teufel steckt im Detail. Transgender Frauen dürfen bis heute nicht im Frauenteam antreten. Und auch wenn Rachel sich wirklich so fühlt, die Erfahrungen auf denen ihre Kunst basiert, haben weder sie in ihren Jahren als Weiße noch die Millionen Amerikanerinnen seit der ersten Entführung von Afrikernern nach Amerika gemacht.

Mareike Vogt