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von und für Zaubernde

Wir haben den deutschen Meister des Trashs Jörg Buttgereit getroffen. Manche kennen ihn durch seinen sagenumwobenen Film über die Liebe zu Leichen „Nekromantik“ oder seine „Captain Berlin“ Comics. Ein Gespräch über die politische Dimension des phantastischen Films, guten Trash und Buttgereits Werk.

Du inszenierst gerade ein Theaterstück in Essen, das die sogenannte Flüchtlingskrise mit dem Zombiemotiv verbindet. Wie politisch ist für dich das Motiv des Zombies?

Sehr politisch. Ich hatte die Gelegenheit mit George A. Romeo zu sprechen (im Grunde dem Vater der modernen Zombiefigur). Er sagte, er hätte die Figur des Zombies benutzt, um Sachen transportieren zu können. Sonst hätte ihm niemand zugehört. 

Er hat versucht einen populären Weg zu finden, also sich in die Phantastik oder in Genres zu begeben, um politische Themen zu behandeln. Das schien mir nachvollziehbar, weil ich auch meine ersten politischen Gedankengänge als Kind durch Horror- oder Science Fiction-Filme bekommen habe.

 

In deinem Hörspiel „Das Märchen vom unglaublichen Super-Kim aus Pjöngjang“ fällt die Frage, ob Rambo ein Propagandafilm ist. Wie würdest du sie beantworten?

Also ich habe den eigentlich nie als Propaganda gesehen, weil ich nicht weiß, wofür der Propaganda gewesen sein soll. Es geht ja um einen Vietnamheimkehrer, der zu Hause nicht so empfangen wird wie er sich das vorgestellt hätte (im ersten Rambo zumindest). Man könnte sagen eine prollige Version von „Taxi Driver“. 

Rambo würde ich heutzutage sogar eher als linkspolitisch einordnen. Früher war das bestimmt nicht so – da lief der einfach unter “Actionfilm”. Aber aus heutiger Sicht hat der eher eine linke Gesinnung würde ich sagen.

Heutzutage kommen ältere Filme, die neu veröffentlicht werden und früher indiziert, gekürzt oder beschlagnahmt waren oft ungeschnitten raus. Was denkst du: warum ist die Zensur liberaler geworden?

Ich glaube gar nicht, dass das liberaler geworden ist. Die Filme altern einfach. Man erkennt in älteren Filmen heute eher einen Spiegel auf die Gesellschaft, zu dem Zeitpunkt als sie gemacht wurden. Das lässt auch irgendwelche alten Horrorfilme heute fast schon politisch relevant erscheinen, weil sie ja auch etwas abbilden. Gerade ist „Tanz der Teufel“ („Evil Dead“) [Horrorfilm aus dem Jahr 1981, Anm. d. Red.] ab 16 freigegeben worden, der ewig lange auf dem Index war.

Wenn man sich den Film ansieht, muss man sagen, dass der wahrscheinlich keinen Jugendlichen heute mehr aus der Fassung bringen könnte. Man sieht ihm eben an, dass er per Hand mit allerlei Küchenutensilien gemacht wurde. Der wirkt heute wie ein Kunstfilm, der keinen Anspruch darauf hat realen Schrecken zu verbreiten. Das wirkt alles sehr künstlich – aber auch künstlerisch. Der Film ist immer noch super – aber er ist auf eine andere Art und Weise super.

 

Kannst du neueren (und teilweise auch extremeren) Horrorfilmen etwas abgewinnen?

Ja, klar! Klar, wenn da jetzt immer die gleichen Sachen passieren, die ich schon tausendmal gesehen habe, dann langweile ich mich. Viele Horrorfilme gucke ich auch nicht mehr. Ich habe total viel Spaß daran auch noch Horrorfilme zu entdecken, die schon älter sind und die ich noch nicht gesehen habe. Mir scheinen manche Filme, die extrem sind in dem was sie darstellen können, nicht so extrem wie die Themen, die früher beleuchtet wurden. Die auch einfach politisch völlig unkorrekt sind.

Neulich habe ich im „Geheimnissvollen Filmclub Buio Omega“ in Gelsenkirchen eine Hongkong-Produktion gesehen. So ein einen Bruce-Ploitation-Film mit Bruce Le (so ein Bruce Lee Klon). Das ist wirklich eine ganz krude Gangster/Kung-Fu Mischung. Der war dermaßen frauenfeindlich, da würdest du heute für gesteinigt werden. Und bei dem war das vollkommen mühelos, weil die sich gar keinen Kopf darum gemacht haben.

Solche Sachen finde ich total interessant: Dass sich gesellschaftlich so viel geändert hat, dass selbst ein Terence Hill und Bud Spencer Film heute extrem rassistisch rüberkommt. Da hab ich neulich auch einen in dem Filmclub gesehen. Der war voll mit ausländischen Gangster Stereotypen, das könntest du heute nicht mehr machen. Diese Filme waren damals Unterhaltung, aber die repräsentieren natürlich einen Zeitgeist, der heute total strange ist.

„Nekromantik“ war wohl dein erfolgreichster Film. Hast du manchmal das Gefühl, dass du sehr auf ihn reduziert wirst und wenn ja: stört dich das?

Das kommt darauf an, wo ich mich bewege. Wenn ich in den USA auf einer Horror Convention sitze, dann kennen die eher „Nekromantik“, weil der da erst vor ein paar Jahren auf Blu-Ray rausgekommen ist. Da sind meine alten Filme präsenter, als sie es früher waren. Wenn ich aber im Ruhrpott Theaterstücke machen, geht da ein Publikum hin, das die Filme zum Teil gar nicht kennt. Und die Leute, die „Captain Berlin“ Comics lesen, sind nicht unbedingt vertraut mit den Horrorfilmen.

 

Weißt du schon was dieses Jahr von dir an Projekten zu erwarten ist?

An „Captain Berlin 7“ arbeiten wir gerade und ansonsten mache ich vielleicht einen Videoclip für eine norwegische Black Metal Band. Da bin ich mir aber noch nicht sicher. Das wird auch nichts wirklich Metal-mäßiges, das wird eher ein Naturfilm glaube ich (lacht). Ansonsten bin ich jetzt gerade erst fertig mit den „Lebenden Toten“ in Essen und genieße, dass ich gerade nicht so viel machen muss.

 

Gibt es Filme auf die du dich persönlich freust, wie z.B. den neuen Godzilla Film von Tōhō?

Ja, den fand ich super! Ich habe ihn schon sehen können. Der ist auch extrem politisch – gerade für japanische Verhältnisse. Das ist eigentlich ein Film über Fukushima. Ende des Jahres kommt sogar noch eine japanische Animationsserie mit Godzilla, soweit ich informiert bin. Auf den neuen „Alien“ freue ich mich, weil der wieder von Ridley Scott ist. Auch wenn der bestimmt trashig wird. Aber hab ich ja nichts gegen (lacht). Das ist dann halt Edeltrash.

Es sind auch eine Menge tolle Filme in letzter Zeit rausgekommen. Ich bin eigentlich gerade total happy mit der Filmlandschaft. Auf das neue Reboot von „Spiderman“ freue ich mich natürlich als Comicfan. Auch wenn die Filme jetzt so perfekt sind, dass es schon fast wieder langweilig wird. Ich habe immer den Reflex, wenn ich aus so einem neuen Marvel Film komme, mir danach eine schöne alte „Batman“ Folge aus den 60er Jahren anzusehen, um die Naivität wieder zurückzukriegen.

Vermisst du da manchmal die Zeiten von Bahnhofskino und Super 8?

Das lebt ja in Veranstaltungen wie dem „Geheimnissvollen Filmclub Buio Omega“ weiter. Oder einfach in der Tatsache, dass viele Sachen jetzt auch auf DVD und Blu-Ray erscheinen. Also ich bin einer der Leute, die regelmäßig Audiokommentare für Godzilla DVDs machen. Da passiert eigentlich mehr als früher.

Früher war ich frustriert, dass ich nur mit 2-3 Leuten über die Godzilla Filme reden konnte, weil ich sie in den 70ern im Kino gesehen habe und man überhaupt nichts gekriegt hat. Man konnte keine Bilder kaufen, man konnte in den Magazinen nicht darüber lesen, man konnte die Filme nicht zu Hause haben. Das war total frustrierend. Heute kann man das alles. Deswegen bin ich eigentlich heute noch viel nerdiger drauf als damals.

 

Was bedeutet für dich „Trash“?

Da fällt mir doch noch ein Projekt ein, was ich wahrscheinlich demnächst mache. Also zum Anfang des nächsten Jahres im Theater Dortmund. Dort werde ich vielleicht eine Talkshow-Reihe, in der es mehr oder weniger auch um Trash geht, versuchen zu etablieren. Ein Talkshow-Format mit Gästen bei dem es darum geht, was Trash eigentlich ist. Mir ist bei Trash wichtig, dass er nicht so gewollt ist und man sich nicht über Sachen lustig macht.

Die „Trash-Meister“, wie Edward D. Wood [US-Filmregisseur der 50er-70er Jahre, Anm. d. Red.], die haben gedacht sie machen große Filme und wollten keine Trashfilme machen. Da liegt oft der Schlüssel: Das Filme erst dann guter Trash sind, wenn die Filmemacher nicht wissen, dass sie Defizite haben (lacht). Ed Wood ist immer großartig, wenn er seine Grenzen überhaupt nicht einsieht.

 

Also kannst du Filmen wie „Sharknado“ eher nichts abgewinnen?

Ne, da langweile ich mich. Das Versprechen wird auch nicht eingehalten: das ist nicht trashig, weil niemand glaubt, dass er was Großes vollbringt. Das Tolle bei den Ed Wood Filmen ist, dass der versucht hat großes Kino zu machen und nicht gesehen hat, dass diese Pappteller, die er uns für fliegende Untertassen verkaufen will, nicht funktionieren. Und er macht einfach so weiter, als ob nichts geschehen ist. Das ist echt groß, da kriege ich Tränen in den Augen.