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von und für Zaubernde

Das Bahnhofskino sprengt die Konventionen des Kinobesuchs. Einmal im Monat werden in Moabit absurde schöne Filme gezeigt und dabei Schnaps getrunken. Alles ist erlaubt und alle haben sich lieb. Was wollen die Veranstalter damit bezwecken?

Kino bedeutet Handy aus, Popcorn, Klappe halten. Die Veranstaltungsreihe „Wir Kinder vom Bahnhofskino“ findet einmal im Monat im Filmrauschpalast statt. Hier ist alles anders. Im Mai haben wir uns das mal angeschaut. Es folgt die Hommage eines liebestrunkenen Trashjüngers.

Das Bahnhofskino

Die Idee des Bahnhofskinos ist nicht neu: in den 70er und 80er Jahren waren solche Kinos der beste Ort, um Trash-, Splatter- und Erotikfilme zu schauen. Ursprünglich waren diese Aktualitätenkinos tatsächlich in Bahnhöfen – bis die Bundesbahn ihr Konzept änderte und begann, Bahnhöfe in Kaufhäuser mit Gleisanschluss umzubauen. Der Ruf der Bahnhofskinos war nicht besonders vorteilhaft, vor allem wegen des Images der gezeigten Filme.

Den „anrüchigen Charme“ der damaligen Etablissements will der Filmrauschpalast nun wieder aufleben lassen, sagt Mathis Raabe. Er ist ein Nachfahre des damaligen Bahnhofskinos und mitverantwortlich für das Event in Moabit. Worin bestand der Charme dieser Kinos, die „von örtlichen Perversen im Regenmantel oder betrunkenen Jugendlichen“ besucht wurden, wie Mathis beschreibt?

Das Konzept ist simpel und schön: Was im Kino sonst gar nicht geht, ist für einen Abend lang erlaubt. Alle kommen und gehen wann sie wollen, laute Unterhaltungen sind ebenso legitim wie exzessives Trinken. Nur rauchen im Kinosaal ist verboten, so viel Gegenwart muss sein.

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Die Kinder vom Bahnhofskino

Die drei Veranstalter des Events sind Mathis Raabe, Ipke F. Cornils und Leonhard Balk. Cornils studiert in Berlin Theaterwissenschaft, Balk Filmwissenschaft und Raabe hat sein Studium erfolgreich abgebrochen. Was sie verbindet? „Die Liebe zum abseitigen Kino“, sagt Cornils. Eine diskriminierende Unterscheidung von Hoch- und Tiefkultur ist ihnen zuwider. Ebenso jene zwischen U- und E-Kultur (“Unterhaltung” Vs. “ernstzunehmende Kultur”).

Kürzlich stand der Vorwurf im Raum, sie würden „Ultra- und Outsider-Kunst wie Wegwerfmüll für Kino-Hipster“ behandeln, wie das Magazin Indiekino behauptete. Die Kritik richtete sich auch gegen den Trashbegriff, den die Bahnhofskinder benutzen. Cornils weist diesen Vorwurf zurück: „Wir verstehen ‚Trash‘ nicht als Müll oder Wegwerfkunst, sondern eher als einen Kanon oder eine Bezeichnung von einzigartiger, subversiver Film-Kunst“.

Wegwerfmüll für Kino-Hipster“ – Kontroverse ums Bahnhofskino im Indiekino Magazin.

Er kann aber verstehen, dass der informelle und unkonventionelle Rahmen für manche ein Problem ist. Trotzdem: „Uns interessiert dieses andere Kino-Dispositiv und es hat ja auch einen gemeinschaftsstiftenden Moment, wenn man mit seinem Nachbarn reden darf“. Der Kinobesuch als Gemeinschaftserlebnis. Unprätentiös und offen, für Neue wie auch für Trashnerds der ersten Stunde.

Wie lässt sich das Konzept am besten Zusammenfassen? Für Cornils ist ihr Event „Kino mit Rock’n Roll- oder Punk-Spirit“. Und weiter: „Wir bringen die Filme raus aus dem Feuilleton und zurück auf die Straße“. Es geht nicht darum, nur die Film-, Theater- und Medienwissenschaftler im Publikum zu begeistern. Die Liebe fürs Abseitige soll im besten Fall auch bei Neulingen entflammen.

 

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Der Abend beginnt

Um 22 Uhr beginnen die Bahnhofskinder den Kinoabend mit Begrüßungsschnaps. Während Plaudereien geht es auf dem “Second Screen” bereits feucht-fröhlich zu. Auf einem kleinem Bildschirm an der Bar läuft “Flesh Gordon” – die Porno-Parodie auf den Science-Fiction Pulp Klassiker “Flash Gordon”.

Zum Filmstart auf dem “First Screen” sind im Kinosaal fast alle Stühle besetzt und Cornils verteilt eine weitere Runde Schnaps. Dankend greifen Hände die 2-cl Plastikbecher vom Tablett, das nach und nach durch den Saal wandert. In ihrer Eröffnungsrede preisen Cornils, Raabe und Balk die Filme an. Ebenso das Bier und den Schnaps (“Bei Staropramen kann man derzeit eine Reise gewinnen!”).

Cornils erfüllt nebenbei noch seinen Bildungsauftrag und regt zur kritischen Reflexion über den Trash-Gedanken an. Schließlich wird der erste Film des Abends, Ed Woods Klassiker “Plan 9 from Outer Space”, häufig als “schlechtester Film aller Zeiten” bezeichnet. Sollte man den Film aufgrund dieses Stigmas als “Wegwerfkunst” betrachten?

Vor den Filmen kommen Filmchen. Eine Trailershow leitet den Abend ein. Vor allem der zu “The Giant Spider Invasion” sorgt für Lacher. Gigantische Spinnen aus dem All – und das aus der Zeit vor teuren Computeranimationen.

Teddybären, Zombies und Vampire

“Plan 9 from Outer Space” ist ein Klassiker des Trash. für die Nostalgiker, die in ihren Sesseln versunken genüsslich an Bieren nippen, ist der Film ein alter Hut. Wer kennt nicht die Geschichte um Aliens, die mithilfe von Vampiren und Zombies zum Wohle des Universums die Menschheit vernichten wollen? Ufos mit sichtbarer Schnur, obskure Wechsel von Tag und Nacht und ein großartiger Erzähler, der den Plot mit gehörig Pathos füllt. Liebenswürdig und schön bis zum Ende.

Nach dem Film gibt es wieder Schnaps und ich bereue, dass ich am nächsten Tag arbeiten muss. Zum Trost legt eine junge Frau unvermittelt ihre Hand auf meinen Oberschenkel, bevor sie sich mit Cornils über Genderfragen und queere Zombiefilme austauscht. Hier gehören eben alle zur Familie.

Die Hände des Schicksals warten auch im nächsten Film auf ihren Einsatz: “Manos: The Hands of Fate”. Hier sind sie weniger freundlich gesinnt und werden vom bösartigen “Master” für satanische Rituale missbraucht. “Robot Monster” bietet schließlich Teddybären mit Astronautenhelmen, die die Menschheit ausrotten wollen. Death to all Humans! Der Saal hat sich mittlerweile deutlich geleert. Manche kämpfen mit dem Sekundenschlaf, andere sind schon ins Land der Träume abgeglitten. Als “Robot Monster” endet, ist es nach drei Uhr morgens.

Wie geht es weiter?

Das Bahnhofskino findet jeden Monat statt. Im Juni zeigen die Bahnhofskids „Summer Camp Movies“ (der erste Film wird eine Freiluftvorführung), gefolgt von „verrückten Wissenschaftlern“ im Juli. Eine absolute Empfehlung für alle, die Trash lieben, wertschätzen und offen sind für eine etwas andere Kinoerfahrung.

Das Letzte „Taste the Waste Spezial“ könnt ihr hier nachlesen.

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