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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Eine Spielhölle bietet ihren Besucherinnen mehr als man auf den ersten Blick annehmen möchte und kann der eigenen Existenz durchaus einen tiefergehenden Sinn geben.

Es sind Orte, die das Glück zwar nicht versprechen, aber doch erahnen lassen. Es sind Orte voller Sehnsucht und Hoffnung auf das schnelle Geld. Es sind aber auch Orte, an denen täglich mitzuerleben ist, wie schmal der Grat des Schicksals ist, der Licht- und Schattenseite des Lebens voneinander trennt. Wir alle kennen sie und wenn man eine verhältnismäßig belebte Hauptstraße in den Innenbezirken Berlins – die Kantstraße in Charlottenburg, die Turmstraße in Moabit, die Hermannstraße in Neukölln – durchstreift, so sind sie bei bewusstem Hinschauen nicht zu übersehen, obgleich sie, derart eingebettet in das natürliche Stadtbild, im gleichen Zuge nicht einmal mehr weiter auffallen.

Was nicht glänzt, ist auch kein Gold

Ganz unabhängig davon, ob man schon einmal selbst die Türschwelle eines solchen Etablissements passiert hat oder nicht, so wird der gesellschaftliche Diskurs, der sich um diese Kreuzungen öffentlichen Lebens gebildet hat, nicht gänzlich an einem vorübergegangen sein. Denn: Es wird über das Glücksspiel gesprochen, gerade aufgrund jener gefühlten Omnipräsenz in der Öffentlichkeit. So machen gesellschaftlich anerkannte Vertreter des Fußballs, welche in großen Teilen der Bevölkerung anerkannt sind (Oliver Kahn) oder zumindest einmal waren (Lothar Matthäus), in Funk und Fernsehen Reklame für diese Branchen. Dass die Akzeptanz eines solchen Wirtschaftszweigs, dessen Erfolg ausschließlich auf dem finanziellen Verlust anderer Menschen basiert, noch weiter gefördert wird, wirft bei vielen Leuten Fragen bezüglich der ethischen und moralischen Mitverantwortung von Institutionen und Personen der Öffentlichkeit auf.

Aus diesem Grunde eines vorneweg: Glücksspiel kann süchtig und abhängig machen. Ebenso ist es kein Geheimnis, dass im Jahr 2013 berlinweit bei 93 Prozent dieser Einrichtungen kriminelles Verhalten festgestellt wurde, unter anderem im Bereich des Jugendschutzgesetzes.

Trotzdem erfüllen sie eine essenzielle gesellschaftliche Funktion, die im gemeinhin geläufigen Bild, welches sie als Tempel des ohnehin sündhaften Glücksspiels darstellt, die lediglich einen Nährboden für das kriminelle Milieu bilden, unterzugehen scheint.

Das unendlich zeitlose Interieur

Betreten wir also gemeinsam einen solchen Ort. Der Boden: häufig terrakottafarben gefliest, zum Teil aber auch mit grauem Rauhfaserteppich bestückt. Das Mobiliar: ebenso funktionale wie preiswerte schwarz furnierte Tische aus Pressholz. Je Tisch vier dazu passende Stühle, in der Regel mit weinrotem Kunstleder aufgepolstert. Auf den Tischen: Kugelschreiberstiftboxen mit einem dicken Packen an Wettscheinen und gut gefüllte Aschenbecher. Die Wände sind übersät von Bildschirmen, welche die wechselnden Quoten anzeigen und die relevanten Live-Spiele übertragen. Darüber hinaus eine zunächst profan erscheinende Korkpinnwand. Doch die Eingeweihten wissen und bei näherem Hinsehen erkennen es alle: Es ist die Ruhmestafel. Sie zeugt von Glücks-pilzen oder gewieften Zockerinnen, die der Fortuna aus einer Neuner-Kombi-Livewette mit zwei Euro Einsatz 1500 Euro abgerungen haben.

Die zu diesen mythischen Geschichten hinzugehörenden Wettbelege sind, nun in leicht angegilbtem Zustand und von den Zeichen der Zeit mitgenommen, penibel angepinnt – quasireligiös aufgeladen, da sie die versammelte (Wett-)Gemeinde in ihrem Streben nach »Glück« bestärken und somit der Selbstvergewisserung der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns dienen.

Der tiefe Sinn

Eine zentrale Stellung – räumlich wie ideell – nimmt der Tresen der Tippabgabe ein. Dient er auf den ersten Blick nur einem einzigen Zweck, nämlich der Realisierung dessen, wofür man nun mal da ist – dem Spiel, der Herausforderung des eigenen Fatums – so wohnt ihm noch eine zweite, entscheidendere Funktion inne. Er fungiert als ein Ort der sozialen Begegnung und interkulturellen Kommunikation. Die Menschen tauschen sich unter dem Deckmantel des Spiels auf der Metaebene über die persönlichen Probleme und Sorgen des eigenen Lebens, aber auch über Erfolge sowie Weltansichten aus.

Die Monologe über einen Wettschein, der durch einen ohnehin unverdienten Ausgleich in der siebten Minute der Nachspielzeit verloren wurde, erwecken dabei jedoch häufig den Anschein, dass die Wette selbst – unabhängig ob Triumph oder Verlust – nur als Anlass herhält, um über das eigene Leben zu referieren und sich mit seinen Mitmenschen darüber auszutauschen. In diesem Zusammenhang werden die Wagnisse des Spiels ausdiskutiert und Möglichkeiten ausgelotet, die darauf abzielen, Erkenntnisse zu gewinnen, die man wiederum außerhalb des Wettbüros anwenden kann. Dass hierbei auch kulturell bedingte Mentalitätsunterschiede – die ethnische Vielfalt eines Wettbüros lässt sich wohl nur mit dem biblischen Jerusalem vergleichen – aufeinandertreffen, führt dazu, dass das Wettbüro auch zu einem gesellschaftlichen Begegnungsort wird, der auch eine integrative Funktion erfüllt. Durch Gespräche über das Wetten; durch Gespräche über das Leben.

Silvan Pischnik

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