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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Die Welt liebt Fußball. Für viele ist er die Welt. Aber muss der WM-Titel deshalb folgerichtig die Weltherrschaft sein? Was ist zu halten von den vielen Kriegsmetaphern im Sport und der psychologischen Kriegsführung in der Presse?

Deutschland 2014: Mario Götze erzielt den Siegtreffer und rettet die Nation! Wir sind Weltmeisterin, wir sind endlich wieder wer! Genau einhundert Jahre nachdem Deutschland jubelnd in den ersten Weltkrieg marschierte und sich gleich danach im zweiten Versuch noch tiefer in die Scheiße ritt, hängen wieder massenhaft deutsche Fahnen aus den Fenstern. Dazu mussten wir nur Brasilien überrennen (das Wort Blitzkrieg fiel in der Presse etliche Male) und im Entscheidungsspiel die Granate über die schwache Flanke ins Ziel befördern. Miro Klose ward »der neue Bomber der Nation«, Neuer »der Torwart aus Stahl« und alle zusammen zeigten sie uns bei der Siegesfeier auf der Straße des 17. Juni wie die »Gauchos« gehen: Gebückt, sie gehen gebückt. Die Deutschen jedoch gehen erhobenen Hauptes und sind endlich, endlich wieder stolz auf ihr Land.

Fußball: Ein Sport und tausend Fettnäpfchen

Selbst die Deutsche Nationalmannschaft ließ es sich im »Eifer des Gefechts« nicht nehmen, ihre Gegner zu verspotten. Das war ziemlich intolerant und peinlich. Die DFB-Elf waren aber nicht die einzigen, die sich zu fragwürdigen Äußerungen hinreißen ließen und jede, die nur 90 Minuten während der WM in einem Lokal mit Spielübertragung verbracht hat, ob nun Altberliner Eckkneipe oder hippe Bar in Neukölln, kann das bestätigen. Allerdings hört es vor der Kneipentür nicht auf, geschweige denn an der deutschen Landesgrenze: Die Bild präsentierte Frankreich vor dem Spiel auf der Titelseite als Brathähnchen, die englische Sun packt alle Jahre wieder den hässlichen Deutschen samt Pickelhaube aus, die Twitter- und Facebookbeiträge zum Spiel USA gegen Japan sollen hier nicht wiedergegeben werden. Wer aber auf Geschmacklosigkeit und Atombombenwitze steht, kann das Zeug gerne googlen.

Warum aber wird für die Beschreibung von Sport diese Rhetorik verwendet? Die Verantwortung, möchte man annehmen, tragen einzelne Idiotinnen, Boulevardblätter und Onlinetrolle, die von Provokationen leben. Betrachtet man die für den Fußballbericht benutzte Sprache, wird schnell klar, dass die Verbindung zwischen Krieg und dem allerliebsten Ballsport der Welt schon immer bestand: Angriff, Verteidigung, Schuss, Flanke, Treffer, Gegner, Sieg, Niederlage. All das sind Kriegsmetaphern, die uns gar nicht mehr als solche auffallen. Als der Fußball zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasant an Bekanntheit gewann, waren sie jedoch bewusst gewählt: Kriege und die Militärsprache stellten eine für alle Europäerinnen nachvollziehbare Größe dar, Übertragungen im Radio oder Berichte in der Zeitung waren so allgemein verständlich. Es lag aber auch an der Nähe beider Gegenstände: Sport war schon immer ein Kräftemessen von Konfliktparteien in Friedenszeiten: Ganz früher waren es im Clinch stehende Poleis, später verfeindete Ritter, dann Staaten und Nationen.

Ob man nun die Meinung vertritt, dass die Sprache die Realität beeinflusse oder die Realität unsere Sprache: beides ist schon lange miteinander vernetzt und die Grenzen sind nicht leicht zu ziehen. Fast genauso alt wie die Kriegsmetaphern im Fußball sind auch viele der Ressentiments, die alle Jahre wieder salonfähig werden. Eben dann nämlich, wenn die »Erzfeinde« auf dem Spielfeld aufeinandertreffen. Sei es nun Holland, England oder Frankreich gegen – na klar: Deutschland.

Nationalismus ist Nationalismus ist Nationalismus – auch im Fußball

Auf der anderen Seite steht die vielbeschworene integrative Wirkung des Fußballs. Fußballer und Fans feiern gemeinsame Erfolge, der Respekt voreinander wächst, Özil, Khedira oder Boateng sind gemeinsame Vorbilder. Das transportiert eine wichtige Botschaft: Wir sind ein Team, egal welcher Herkunft wir sind. Und die Welt sieht »unsere Jungs« und bewundert sie. Dennoch: Auch ein angepasster, salonfähiger Nationalismus bleibt Nationalismus. Sich unter einer Fahne zu vereinen, heißt auch immer, andere auszuschließen, sich gegen sie zu positionieren. Solange dies sportlich geschieht, mag vielleicht darüber hinweggesehen werden. Bei weitem nicht alle Fans schüren Hass und wärmen alte Vorurteile auf. Ein bisschen Gestichel, danach werden Hände gereicht: Man zeigt gegenseitigen Respekt und alles ist gut? Es wird ja angenommen, dass kriegerische Handlungen zum Wesen des Menschen gehören. Leider scheinen sich kriegerische Konflikte im weltweiten Blick in den letzten Jahren zu mehren und die Zukunft mag nicht zu optimistisch betrachtet werden.

Ohne das Kicken sähen die Dinge aber vielleicht noch schlimmer aus. In jedem Fall: Da wir von beidem noch nicht die Finger lassen können, könnte das zynische Fazit lauten: Wenn schon Krieg, dann doch lieber mit Ball.

Samuel Krist