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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Während in Berlin ein Großaufgebot der Bundespolizei die Hausbesetzer in der Rigaer Straße besucht, lebt man in der Zeppelinstraße in Potsdam in fast spießbürgerliche Manier friedlich vor sich hin.

Wenn der Kremser in Potsdam auf Schlössertour geht, kommt er vor dem Schloss Charlottenhof an den Fassaden der Zeppelinstraße vorbei. Der Touristin zeigt sich dann ein völlig verkommenes und bunt beschmiertes Haus, das brutal mit aller zuvor bestaunten Potsdamer Pracht bricht. »Zufrieden sind wir damit nicht!«, kommentiert dazu der Kutscher und Tourführer. Aber tatsächlich wohnen Menschen in der Zeppi 25. Es ist ein sogenanntes Ausweichprojekt der Stadt mit Nutzungsüberlassung durch Pachtvertrag – die wohl inzwischen gebräuchlichste Art, Komplikationen einer illegalen Hausbesetzung zu vermeiden.

Auch wenn das Thema im Zuge der fortschreitenden Gentrifizierung aktueller denn je ist, kann man die besetzten Häuser in Potsdam und Berlin heute an zwei Händen abzählen. Sie wurden weitestgehend legalisiert: Ein Status, der vielen aus der Szene unheimlich bleibt, so auch einem, der lieber und leider namenlos bleiben möchte, weswegen wir ihn einfach »Loona« nennen wollen. »Es ist ein Unterschied, ob es nun heißt, ›Deine Klotür muss 30 cm nach rechts gesetzt werden, weil das Bauvorschrift ist‹ oder man sich statt einer Tür für einen Vorhang entscheiden kann.« Ein Haus zu besetzen und fernab von Bauaufsichtsbehörden zu agieren, ist eben nicht mehr so einfach.

Der Punk der Hausbesetzer ist verelendetem Mainstream gewichen

In den 80er Jahren gab es eine große Hausbesetzungwelle in Westberlin, nachdem die Flächensanierungspolitik des Senats ihre Wirkung entfaltet hatte und große Wohnungsnot herrschte. Zur Wendezeit gab es eine solche Welle auch im Ostteil der Stadt, da die Westberliner Polizei noch nicht befugt war, in der DDR für Recht und Ordnung zu sorgen. Doch größere Räumungsaktionen wurden während dieser Hochphasen trotzdem immer wieder durchgeführt.

Heute hört man von hausbesetzenden Rentnerinnen, die sich gegen ihre Verdrängung an den Stadtrand wehren oder von Aktivistinnen, die sich nach dem Motto: »Wenn Menschen auf der Straße schlafen müssen, werden leerstehende Häuser eben besetzt«, für Flüchtlinge stark machen. Solche ›Zwischenfälle‹ sind allerdings für gewöhnlich eine Zeitungsmeldung später schon vergessen.

Schönheitsreparatur statt Urlaub am Ballermann für Hausbesetzer

Die Bewohner der Zeppi 25 verhalten sich eigentlich recht ruhig. Ihre gemeinsame Aufgabe besteht darin, das denkmalgeschützte Gebäude und das Grundstück am Leben zu erhalten: Es werden Entrümpelungen durchgeführt, feuchte Mauern abgeklopft, Fenster abgedichtet, Außenwände isoliert, Leitungen verlegt, Böden ausgebessert, Wände gestrichen. Urlaub falle aufgrund größerer Baustellen so manches Mal flach.

Fast alle hier haben Abitur, ein paar studieren, wieder andere gehen arbeiten. Jana* hatte das Haus während ihres Studiums auf dem Weg zum Neuen Palais entdeckt und schon damals den Wunsch gehegt, dort einzuziehen. Sie liebt die Geselligkeit, das Zusammensein mit den Menschen, die ihre Vorstellungen von einer alternativen Lebensweise teilen.

Ihre Vision vom fairen Wohnen für alle sei keineswegs utopisch. Mieten und damit verbundene Restriktionen seien vielmehr eine kapitalistische Erscheinung und verwerflich, weil Wohnen eines der menschlichen Grundbedürfnisse darstellt. Man müsse ganz einfach genossenschaftlich bauen, auf Beteiligungsart. Nach Amortisierung der Kosten könne man gegebenenfalls weiter zahlen, um so eine finanzielle Basis für weiteren Wohnraum zu schaffen.

Carl*, auch ein Bewohner der Zeppi 25, würde eine richtige Hausbesetzung der legalen Variante vorziehen: »Warum sollen wir jemandem ein Prunkschloss bauen und ihm dafür auch noch Geld geben?«, fragt er in Anspielung auf die Pflichten, die ein Pachtverhältnis mit sich bringt. Allein die Renovierung der mehrfach kritisierten Fassade würde sich auf eine fünfstellige Summe belaufen.

Potsdam verhandelt nicht fair, aber Berlin treibt den Pflock ins Herz der Szene

Das Veranstaltungszentrum La Datscha wirbt mit dem Slogan: »Potsdams besetztes Haus mit Havelblick!« Das Zentrum unterhält ein Beachvolleyballfeld, eine Fahrradwerkstatt sowie einen antikapitalistischen Umsonstladen (kein Verkauf, kein Tausch). »Jede Stadt sollte so etwas haben, dann sind die Linken beschäftigt!«, hat mal einer gesagt. Auch wenn die ›Zeppis‹ diese Meinung nicht teilen, gefällt sie ihnen allemal besser als die aktuelle Politik in Berlin.

In der berüchtigten Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain betreibt Till* aus der Zeppi eine Schmiede. Er ist legal dort, muss also um seine Werkzeuge nicht bangen, aber das gilt für die anderen meist nicht. Erst Mitte Januar drangen etwa 500 Polizisten in das besetzte Haus in Friedrichshain ein. Drei Leute, die zuvor einen Polizisten niedergeschlagen hatten, waren wohl darin untergetaucht. Im Zuge der Durchsuchung stellte man einige Pflastersteine sowie Krähenfüße und weiteren Sperrmüll sicher. Wer sich durch die Rigaer bewegt, muss mit Kontrollen rechnen, Blaulicht wird nicht gerne aber häufig gesehen. In der Zeppi bleibt man von derlei Schikane weitgehend verschont. Zumindest bisher.

Anne Schönemann

(*Alle Namen von der Redaktion geändert.)