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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Rei Momo, das erste Soloalbum des Talking Heads-Frontmanns David Byrne, ist eine der vielen Platten, die ich dank der Sammlung meiner Mama kennen und lieben gelernt habe.

Von der Genialität von Talking Heads wollen wir hier gar nicht erst anfangen … Doch jede, die diese Powertruppe und Byrnes himmlisch-verkorksten Gesangsstil kennt, wird sofort den ihnen gemeinsamen Geist erkennen: Die Musik ist leichtfüßig und erhöhend, klingt stark nach Jamsession, ist spontan und spielerisch. Doch David Byrne macht solo nicht einfach auf Talking Heads, nur ohne die Kohle teilen zu müssen. Stattdessen nimmt er uns mit auf eine Reise durch Mittel- und Südamerika. Jeder Track auf dem Album bedient sich dabei eines anderen Stils: Cumbia, Salsa, Cha-Cha-Cha, Rumba, sie alle und mehr sind auf der Platte vertreten, ohne dabei aber schreckliche Erinnerungen an Standardtanzkurse wachzurufen.

Das Ganze ist ein ziemlich emanzipiertes Projekt für die westliche Popmusik-Welt des Jahres 89: Groovige Bongos, heiße Rhythmen, lustige bis traurige Texte mit ordentlich Schneid ergänzen sich allesamt perfekt und wissen zu prägen, vor allem dann, wenn sie schon im Kindesalter aufgesogen wurden. Das Erscheinungsjahr der Platte, 1989, ist übrigens auch mein Erscheinungsjahr. Und neben mir legte sich meine Mutter damals auch Rei Momo zu, und zwar auf CD. Das war damals der heiße Scheiß in Sachen Technik, zumindest im mindestens zehn Jahre hinterherhinkenden Süden der Republik. Ich konnte also gar nicht anders, als die Scheibe im Kinderbettchen rauf und runter zu hören. Und dafür bin ich meiner Mutter heute unendlich dankbar. Denn was hätte alles schief laufen können, wenn sie etwa Heino oder Rex Gildo gehört hätte! Dann wär es jetzt wohl das Ferienhaus im Schwarzwald und nicht der Trip nach Peru, und statt Schallplattenverrücktheit und der Suche den fettesten Beats ein Premium-Account bei Spofity. So aber wurde aus mir aber jemand – Rei Momo und meiner Mama sei Dank – der von sich behaupten kann: „I know sometimes a man is wrong.”

Deshalb: Glaubt und konsumiert nicht alles, was ihr seht, lest, und vor allem nicht das, was ihr hört. Um die nächste Ecke wartet vielleicht der geilste Scheiß – es gibt unendlich viel zu entdecken. Warum sich also von Arcade Fire in den Gehörgang kotzen lassen, wenn Cymande sich so anhört, als würde Venus persönlich an deinem Ohrläppchen knabbern? Warum mit Adel Tawil im musikalischen Braunschweig sitzen, wenn euch die Los Destellos nach Iquitos einladen? Das schöne an dem Ganzen ist: Es war noch nie so einfach wie heute. Für eine Weltreise müsst ihr nur Youtube aufmachen und auf Play drücken. Und wenn ihr dabei die Augen schließt und plötzlich mit einem Pisco Sour am Amazonas sitzt und Cumbia aus einem Paar Boxen dröhnt, dann seid auch ihr meiner Mama und David Byrne zu Dank verpflichtet.