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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Das große Problem mit der Wohnung sind nicht die Mitbewohnerinnen, die anderer Leute Milch leertrinken. Das große Problem mit der Wohnung ist das Putzen. Eine Meditation über die Vergeblichkeit menschlichen Ordungsstrebens.

Putzen ist sinnlos 

Putzen ist eine sinnlose Tätigkeit und reine Verschwendung an Zeit und Energie, eine nie abgeschlossene Sauarbeit, während man sich eigentlich Lustvollem hingeben könnte. Kaum hat man alles durchgefeudelt, kommen sogenannte Freunde zu Besuch, die gedankenlos auf die Dielen aschen und Bier über die Cocktailsessel kippen. Und nach ein paar Tagen lässt der hinterlistige Staub sich schon wieder gleichmäßig auf Vorhängen, Bücherregalen, Topfpflanzen und Plastik-Klimbim nieder.

Jedesmal saugt man den Staub der letzten Woche weg, nur dass Platz gemacht werde für den Staub der nächsten. Man verliert täglich. Nämlich Hautschuppen, Sekretkrusten, Haare von jederlei Wuchsort. Alles fällt schwerkraftgelenkt zu Boden, wird von Türwinden, Lüftchen und Verwirbelungen zusammengetrieben und ballt sich, zusammen mit dem Pöbel des Grundes, den wir Staub nennen, zu gräulichen Wollmäusen. Solange wir leben, geht das so.

Es gibt Dreck, den wird man nicht los. Auf Zahnbürsten tummeln sich die gleichen Fäkalkeime wie auf Klobrillen. Man weiß, dass es so ist und tut, als wäre nichts. Und gerade in Betten reichern sich hohe Ekelkonzentrationen an: Hausstaubmilben, Schweißrückstände, Pilzsporen und Samenflüssigkeit. Milben und ihre Exkremente kommen unterhalb von 1.200 Höhenmetern in jedem Haushalt vor. Unausrottbar, anspruchslos, atombombensicher, das treueste Haustier. Als ihr natürlicher Feind gilt das Silberfischchen. Im Modersiff einfach tausende Silberficker anzüchten, hat sich das Milbenproblem erledigt. Dafür halt Silberfischchenproblem. Ganz ohne Trade-offs geht’s eben nicht.

Putzen ist gefährlich 

Gelangen Putzmittel der potenteren Sorte aus Versehen in Augen und Nase, gesellt sich zur Beraubung des Augenlichts der unwiederbringliche Verlust des Geruchssinns. Mal ganz abgesehen davon, dass manche Aggroreiniger Krebs erregen und die Umwelt schädigen. Beim Fensterputzen riskiert man, aus dem 4. Stock zu fallen, vom Bürgersteig gekratzt und in den nächsten Krankenhausgulag geschaufelt zu werden, wo Bakterienhorden ihr multiresistentes Unwesen treiben.

Zum Glück kann das leicht vermieden werden: Statt wie ein Depp mit Sidolin Streifenfrei zu hantieren, hält man seine Fenster mit einer überlegenen Technik der Formel 1 sauber und überklebt die Fenster einfach mit Klarsichtfolie innen und außen (Obacht, wirft leicht Blasen). Wenn man mehrere Schichten Folie übereinander anbringt, braucht man bei Bedarf nur die oberste abzuziehen und die Sicht ist wieder ungetrübt.

Totale Maschinenreinigung 

Gibt es eine Endlösung der Putzfrage? Hat Gott deswegen den Saugroboter erfunden? Ein Haushaltsgerät, mit dem man mit geringstmöglichem Aufwand künftig das ganze Heim zu reinigen im Stande wäre? Holzfußböden und Kachelfugen schon, aber was ist mit ranzigen Backöfen, verkalkten Kloschüsseln, hohen Fenstern? Vielleicht doch besser einen Kärcher? Mit 3.000 Bar mal so richtig den Muschelbewuchs aus der Badewanne entfernen? Fett den Abfluss entmoosen?

Für RICHTIG hartnäckigen Dreck raten die Experten zu einem Sandstrahlreiniger. Der empfiehlt sich aber nur für recht grob zu reinigende Räumlichkeiten. Bohrinseln zum Beispiel. Oder im Braunkohleabbau. So eine normal verdreckte WG-Küche kann man hinterher wegschmeißen, dafür ist sie hübsch sauber. Macht man das regelmäßig, geht es schnell ins Geld.

Entropie: keinen Fick geben 

Entropie, ein Angeberwort, was das genau heißt müsste man erst mal auf Wikipedia nachlesen. Irgendwie fasert alles aus, wenn Entropie ist. Es schweift ab, wird unkontrollierbar, und wahrscheinlich ist dieser ganze Sauhaufen, in dem wir uns täglich suhlen, ein gutes Beispiel für Entropie. Sich der Entropie aktiv entgegenzustellen, etwa durch tägliches Aufräumen oder wöchentliches Putzen, bedeutet, sich mit der Natur anzulegen.

Das kann böse enden und man darf sich nicht wundern, wenn die Natur zurückschlägt, zum Beispiel in Form eigener Kinder oder Erdbeben, die einem zeigen, wo die Entropie den Most holt. Wer eins wird mit der Natur, findet sich einfach mit der Entropie ab. Akzeptiert man die Schmutzwäschehaufen im Schlafzimmer erst mal als physikalische Unausweichlichkeit, wird alles leichter. So unterwirf dich der Natur und lebe fürderhin auf einer höheren Existenzstufe: in lässiger Unordentlichkeit, die an Schlamperei grenzt.

Staub zu Staub im ewigen Reinigungskreislauf 

Im Laufe der Zeit nimmt überall die Unordnung zu, wenn man keine Energie reinsteckt. Das verschimmelte Essen im Abwaschbecken riecht süßlich nach Verwesung. Wo man hintritt, bekommt man nicht nur krümelige Füße, sondern hinterlässt saubere Fußstapfen. Mehrmals täglich denkt man »Verdammt, schon wieder in die gleiche klebrige Kaffeepfütze getreten« oder »Eigentlich unpraktisch, dass die Pfandflaschen der letzten fünf Monate genau vor der Wohnungstür stehen« – wie’s halt ist, wenn lang genug Königin Entropie ihr Zepter schwang.

Als wäre das nicht genug, holen wir uns Müll von der Straße, nennen die Straße Flohmarkt und den Müll Cocktailsessel, in dem ein Zoo wimmelt aus Motten, Kakerlaken, Sackratten und Bettwanzen.

An den Schuhen holt man das verpisste Berlin in die Wohnung. Berlin, eine kaputte Stadt, die nur noch von Hundescheiße, Easy-Jet-Set-Kotze und Maklerseuche zusammengehalten wird. Alles schwappt hier rein, der Wintermatsch, der ganze Dreck legt sich wie ein schmieriger Film auf die Seele eines jeden empfindsamen Menschen.

Umgeben vom dreckigen Elend wedelt man eine Obstfliegenwolke beiseite, weint ins faulige Spülwasser und bedauert, niemals den bescheuerten WG-Putzplan eingehalten zu haben. Jetzt ist die kritische Verdreckungsmasse erreicht, die Tatendrang auslöst. Man greift zu Glitzi dem Schrubberspülschwamm, zum Wischmop mit Kugelgelenk-Technologie und zum Staubsauger mit 10.000 Watt am Rohr. Kündigen dazu noch Familie oder der Heizungsableser ihren Besuch an, bringt das zusätzliche Putzbeschleunigung in Flash-Attacken. Danach reicht’s erst mal für die nächsten drei Monate. Oder vier. Oder bis wir dereinst selbst in Flusen zerspellt von dannen gehen.