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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Seit mittlerweile zwei Jahren servieren die »Kinder vom Bahnhofskino« jeden Monat feinste Spezialitäten der abseitigen Filmkunst an Trash-Gourmets und kulturelle Allesfresser. Am 14.12. feiern sie ihr Jubiläum. Diesmal dabei: Troma, eine Produktionsfirma, ohne die es Trash wohl nie in den Mainstream geschafft hätte – und die selbst nie dort hin wollte.

Die treuen Trash-Jünger warten schon im Vorraum. Bekannte Gesichter grüßen sich, stoßen mit Willkommens-Schnäpschen an. Die Luft ist noch frisch – trotz der ersten Rauchwolken. Alle wissen: Es wird eine harte, alkohollastige und verrückte Nacht. Auch der Olli aus Wolfsburg ist schon angereist – so wie jeden Monat. Endlich wieder Bahnhofskino!

Spiel nicht mit den Bahnhofskindern!

Schon beim Eintreten fühlen sich die Besucher willkommen: Ipke F. Cornils hat den Charme eines Kellners eines griechischen Restaurants, der jeden Gast einzeln und mit einem offenherzigen Lächeln begrüßt, als hätte der Laden heute nur für sie oder ihn geöffnet. Der großgewachsene Mathis Raabe steht meist hinter der Theke und wirkt wie ein routinierter Barchef aus Sankt Pauli. Seine große Liebe ist der Alkohol – das merkt man sofort. Leonhard Balk ist der Mann im Hintergrund, eher unauffällig und doch immer zur Stelle, wenn er gebraucht wird.

Raabe, Cornils und Balk, die Organisatoren des Bahnhofskinos, lieben abseitige Filme. Und sie teilen ihre Liebe so gern wie ihren Schnaps. Das Event, das einmal im Monat im Berliner Filmrauschpalast stattfindet, hat deswegen mittlerweile eine treue Anhängerschaft. Ein Fan hat sich sogar schon ein T-Shirt mit ihrem Logo bedrucken lassen – ein Exhibiotionist, der seinen Mantel aufreißt. Also das Logo, nicht der Fan.

Drei mysteriöse Frauen, die psychedelische Pornofilme produzieren, hinterließen beim 7. Bahnhofskino zum Thema: »Sex-Report« ihre Karte – vielleicht Raum für eine zukünftige Zusammenarbeit? Raabe war begeistert: »Das hat mich gefreut, dass diese Szene von der Veranstaltung mitbekommen hat«.

Bahnhofskids
Mathis Raabe (links), Leonhard Balk (Mitte) und Ipke F. Cornils.

Im echten Leben studieren oder studierten die Macher des Kinos: Cornils hat gerade seine Masterarbeit über Christoph Schlingensief abgeben, Balk widmet sich der Filmwissenschaft und Raabe hat erfolgreich abgebrochen. Jetzt betreibt er freiberuflichen Kulturjournalismus. An den Abenden des Bahnhofskinos unterstützen sie zusätzlich Sophia Derda und Sascha Roll vom Team des Filmrauschpalasts. Dann lassen Cornils, Raabe und Balk ihre bürgerlichen Identitäten hinter sich und werden zu den drei Bahnhofskindern. Schnapsfanatisch, laut, wahnsinnig.

Schnaps statt »psssscht!«

Das Publikum lallt bis spät in die Nacht durch den Kinosaal – was genauso akzeptiert ist wie zu kommen und zu gehen wann man möchte. Ab und an ertönt ein ironisches »Pscht!«, gefolgt von »höhö«. Cornils mimt den Animateur, wenn der Saal zu leise ist. »Was hier los, seid ihr eingeschlafen oder was?«, ruft er in den Saal.

Je später es wird, um so häufiger fallen die Augen zu. Ab und an steigen Rauchschwaden auf und benebeln die Sicht der hinteren Reihen. Dann stürmt Balk in den Raum und interveniert – ein paar Regeln gibt es doch. Und mit dem Brandschutz ist nicht zu spaßen.

Den Bahnhofskindern ist wichtig, dass es allen gut geht und eine entspannte und offene Atmosphäre herrscht. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen. Cornils erinnert sich noch reumütig an den Abend als sie »Mädchen mit Gewalt« zeigten und sich einige Frauen im Publikum unwohl fühlten – der Film thematisiert eine Vergewaltigung. »Das ist wirklich nicht das Ziel unserer Veranstaltung, auch wenn wir provokante FIlme nicht scheuen«, erklärt er.

Zwischen den Filmen quetscht sich Sophia Derda mit einem beladenen Tablett durch die gefüllten Reihen. Alle wissen, was das heißt: »Schnaps!«, ruft sie und findet viele dankende Abnehmer. Nun sind die Reihen noch voller, um nicht zu sagen: dicht.

Das Publikum auf Sofas und Fußboden ist bunt gemischt: Studierende, Hipster, Filmfreaks oder Leute, die sich in angenehmer Atmosphäre betrinken wollen. Beim letzten Filmabend zum Thema »Blaxploitation« kam sogar eine ältere Dame. Bei Raabe löste das gewisse freud’sche Komplexe aus: »Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich um sie vielleicht besonders kümmern oder rechtfertigen, warum es bei uns so wild zugeht«. Letztendlich hatte sie aber Spaß, so wie alle anderen. Am selben Abend kam auch ein Uni-Kurs mit seiner Dozentin, die sich gerade mit dem »Blaxploitation«-Genre befassten.

Trashfilme und B-Movies sind also mehr als ein fragwürdiges Hobby von einsamen Sonderlingen. Sie sprechen heute ein breites Publikum an – auch außerhalb vom Bahnhofskino.

Zwischen Surf Nazis und Fassbinder

Dr. Keyvan Sarkhosh erforschte in einer Studie im Jahr 2016 Trashfilme und deren Fans. Als »kulturelle Omnivoren«, also »Allesfressern«, bezeichnet er die Freunde obskurer Filmkunst. Die Studienteilnehmer, auf die Sarkhosh stieß, waren überdurchschnittlich intelligent – hatten also Abitur, teilweise sogar Promotionen. Anstatt  naserümpfend auf Trashfilme herabzublicken, würdigten sie diese genauso wie Klassiker, die unter dem Label »Arthouse« klassifiziert werden. Trash-Fans unterscheiden also nicht zwischen Hoch- und Popkultur, sondern springen zwischen verschiedenen Formaten. »Die Bezeichnung wurde als Qualitätsurteil verwendet«, sagte Sarkhosh.

So sehen es auch Raabe, Cornils und Balk: »Wir verstehen ‚Trash‘ nicht als Müll, sondern als einen Kanon einzigartiger, subversiver Film-Kunst«, sagte Cornils. Für ihr Jubiläum zeigen die Bahnhofskinder Filme von »Troma«. Die amerikanische Produktionsfirma produziert seit 1974 Filme und hat Titel wie »Surf Nazis Must Die«, »Cannibal! The Musical« oder »Bloodsucking Freaks« hervorgebracht.

Was qualifiziert Troma für das Bahnhofskino-Jubiläum? Mathis Raabe fasst es zusammen: »Troma steht bis heute für B-Film-Unterhaltung der untersten Schublade«. Freudig kündigt Raabe »Low-Budget-Produktionen voller Sex, Splatter, und derbem Humor, aber auch einer guten Prise Gesellschaftskritik« an. Damit passt Troma perfekt ins schnapsgetränkte Ambiente des Bahnhofskinos.

Cornils, Raabe und Balk haben für ihr Event wie immer drei Filme ausgesucht. »Eine Superhelden-Parodie, eine Shakespeare-Parodie und ein Fast Food-kritisches Zombie-Musical«, sagt Raabe.

The Toxic Avenger

Die »Superhelden-Parodie« erreichte zu seiner Zeit in den 80ern einen gewissen Kultstatus. »The Toxic Avenger« handelt von Melvin Junko, einem Nerd, der als Reinigungskraft in einem Fitnessstudio arbeitet. Als Besucher ihn mobben, muss er muss sich durch einen Sprung aus dem Fenster retten und landet in einer Tonne mit radioaktiven Abfall. Natürlich mutiert er zum Superhelden.

Der Schweizer Filmkritiker Achim Menze schrieb in einem obskuren Fanzine der späten 80er, der Film sei ein »wahres Kuckucksei der Subversion« und verteile »Seitenhiebe auf den stumpfsinnig-brutalen Alltag (nicht nur) der US-Gesellschaft«. Aber auch ein Autor der New York Times würdigte den »maniacally farcical sense of humor«.

Trash im Mainstream

Heute kennt kaum noch jemand »Troma« – zumindest in Deutschland. Dabei sind viele Schauspieler, die ihre ersten Auftritte in Troma-Filmen hatten, heute Stars. Samuel L. Jackson spielte in »Def by Temptation« (1990) mit. Der Troma-Film – gedreht, produziert und geschrieben von einem gewissen »James Bond III« – zeigt »K«, der nach New York geht um ein Filmstar zu werden. In einer Bar trifft er auf einen bluttrinkenden weiblichen Dämon, der Männer verführt und ermordet. Bei »Sizzle Beach USA« mimt Kevin Costner einen Womanizer am Strand von Malibu. Weitere spätere Weltstars, die ihre ersten Gehversuche bei Troma machten, sind Oliver Stone, Robert DeNiro und Dustin Hoffman.

Die Ästhetik von Troma ist zudem heute in den Mainstream eingesickert. James Gunn, der Autor von »Tromeo and Juliet« – der auch beim Bahnhofskino gezeigt wird –, brachte mit »Guardians of the Galaxy« typische Troma-Trash-Elemente nach Hollywood. Auch in Superhelden-Filmen wie Deadpool ist der Einfluss unverkennbar: Selbstironisch, brutal mit Charakteren, die mit der Grenze zwischen Film und Zuschauer spielen.

Troma selbst ging es jedoch immer darum mit wenigen Mitteln Eigenes zu schaffen, sich künstlerisch auszuprobieren, Spaß zu haben – und auf durchgeknallte Art kritisch zu sein. Und ja: Dieser anarchistische Charme passt perfekt zum punkigen Kino-Dispositiv, das Cornils, Balk und Raabe im Sinn haben. Oder in Cornils Worten: »Troma-Filme sind einfach der Inbegriff von Trash und daher wie für uns gemacht.« Und das ist eine Ehrung.

Mehr von Troma? Lest unsere Rezensionen!
Spidarlings, Hectic Knife, Tromeo and Juliet und der schönste Hundefilm aller Zeiten: Doggie Tails.

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