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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Wir besuchen den Preis für Popkultur. Es gibt viel Livemusik von ausgezeichneten Künstlern und viele Auszeichnungen von Künstlern. Ein Querschnitt durch die aktuelle deutsche Poplandschaft. Aber was kann das, was da ausgezeichnet wird?

Ich habe wirklich versucht, mich vorzubereiten, aber ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Im Internet gab es keine Programmübersicht für den Preis der deutschen Popkultur. So habe ich nur das Wissen über die Live-Acts und die zu vergebenden Preise. Aber deswegen bin ich ja auch hier. Ich möchte wissen: Was bewegt die deutsche Poplandschaft? Was sind die Trends, woran stößt man sich, wagt man es, kontrovers zu sein?

Der Einlass gestaltet sich dabei ähnlich schwierig wie die Übersicht über das Abendprogramm. Es gibt zwei Schlangen vor dem Berliner Tempodrom, dem Veranstaltungsort des Preises für Popkultur. An der einen stehen nur schicke Menschen an, sie ist lang. An der anderen stehen Menschen an, die aussehen wie ich. Sie ist sehr lang. Ich wähle die erste. Die endet an einem „VIP“-Schild.

Unterteilt wird die Arena des Tempodroms in Zaungäste und VIP-Lounge. Die oberen Ränge sehen den Promis beim Essen und Trinken zu. Das kurze Schlangestehen scheint diese ganz hungrig gemacht zu haben.

Meine Nachbarin ist gefesselt von KIZ. Maxim fasste sich wohl öfters an die Nase, bemerkt sie. Zudem hat Casper einen Kuchen. Das ist spannend, aber was ist denn nun relevant an diesem Abend – die Preise? In reinster Fließbandabfertigung werden diese zwischen den Drei-Song-Liveacts vergeben.

Böhmermann wird ausgezeichnet – wie jedes Jahr

Jan „Böhmi“ Böhmermann ist nicht da, bekommt aber zwei Preise – zum einen für seine Persiflage auf die deutsche Popmusik „Menschen Leben Tanzen Welt“; zum anderen für die „Schönste Geschichte“ mit NEO Magazin Royal und dem Ding mit Max Giesinger und dieser deutschen Musikindustrie – also praktisch zweimal für die gleiche Arbeit.

Letztes Jahr gewann Böhmermann übrigens den Preis „Schönste Geschichte“ mit seiner „Schmähkritik“. Irgendwie dreht sich hier alles im Kreis. Die Moderatorin Hadnet Tesfai kommentiert treffend: „Der Preis geht eigentlich an uns – an alle Rundfunkgebührenzahler.“

Böhmi schickt ein paar Dankesworte: „Die Preise habe ich nur bekommen, weil ich mich mit einem Rechtsanwalt darum gekümmert habe. Das sind quasi eingeklagte Preise. Und nächstes Jahr möchte ich drei Preise. Dann komme ich auch wirklich – versprochen.“

Die Beginner heimsen den Preis für das beste Album („Advanced Chemistry“) ein und stellen fest, dass sie dann wohl den Vorschusslorbeeren des letzten Jahres („Bestes Musikvideo“) gerecht geworden sind. Gratulation! Auch an Feine Sahne Fischfilet, die aus MckPomm angereist sind, und sich eine Auszeit von den selbst organisierten Dorffesten nehmen. Für die gibt es den Award der besten Kampagne. Und von ihnen dann das Versprechen, so lange mit geilen Aktionen das braune Land aufzumischen, wie es Feine Sahne Fischfilet geben wird.

Fast nur Männer erhalten den Preis für Popkultur

Auffällig ist allerdings, dass so oft dieselben Menschen nominiert sind. Und das sind fast nur Männer. Die Höchste Eisenbahn zum Beispiel oder Von Wegen Lisbeth. Gewonnen haben sie nichts. Trotzdem: Die beste Band, das beste Album und die beste Liveshow liefern wohl nur Jungs ab. Zumindest laut der Nominiertenliste.

Dafür sind die Girls ganz stark im newcomen. Zum Beispiel diese Alice Merton, die ihre eigene Designerin am Start hat.

Schon letztes Jahr war die Gewinnerliste des Preis für Popkultur ziemlich männlich. MC Philipp Gütering (Deichkind) bemerkte dies in seiner Dankesrede für den Preis der besten Liveshow: „Ich würde mich freuen, wenn beim nächsten Mal mehr Frauen dabei wären“. Dieses Jahr war Deichkind, eine Männerkombo, wieder in der Kategorie nominiert.

Ziehen wir Bilanz: Live-Acts: Fünf Jungs beziehungsweise Boybands und ein Duo, bestehend aus Fatoni und Mine (eine Frau). Außerdem: Joy Denalane. Nominierungen (mit Ausnahme von „Lieblings-Solokünstler*in“ und „Gelebte Popkultur“): 38 Boys und Boybands und acht, bei denen wenigstens eine Frau inkludiert ist. Preise: Elf Mal Boys und zwei Mal Alice Merton. Aber immerhin – Moderation: Zwei Frauen, 0 Mann.

Was ist Pop, was ist Rock und wo liegt der Unterschied?

Die Flammenwerfer Rammstein gewinnen den Award für die beste Liveshow. Die haben das Konzept des Preises aber noch nicht so ganz verstanden. So heißt es in der Dankesrede, es sei komisch einen so offiziellen Preis zu bekommen, weil sie ja eigentlich eine knallharte Rockband seien. Und die seien ja eher dazu da, Chaos zu stiften und keine Preise zu gewinnen.

So wollen sich die Veranstalter mit dem Preis zwar einerseits der subversiven Seite der Popkultur widmen aber dann andererseits doch auch ein bisschen dem Mainstream anbiedern. Das Konzept wirkt wenig stringent, als würde man die Preise per Zufallsprinzip vergeben. Glückwunsch! Aber wofür eigentlich?

Das Konzept des Preis für Popkultur scheint eine Nummer zu großmäulig geplant, denn natürlich kann man auch hier nur einen Querschnitt durch die deutsche Pop-Landschaft ziehen. Doch leider offenbarte dieser 2017 eine ganz neue Ebene an Einfallslosigkeit. Hätte denn ein bisschen mehr Diversität so weh getan? Und wenn es nur ein paar Frauen gewesen wären? Für einen Preis, der sich auf die Fahne schreibt, komplett transparent zu sein, gibt er sich rund um die Auswahl der Nominierten doch etwas bedeckt.

Deshalb verlasse ich das Tempodrom weniger euphorisch, als ich es betreten habe. Der Hintern tut weh von vier Stunden auf harten Tribünen-Stühlen und das Ohr brummt noch von dem Casper-Kreischen zwei Plätze weiter. Das nächste Mal dann doch lieber Fernsehabend. Da gibt es auch Pop.

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Bild: Stephan Flad