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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Nach dem Fall der Mauer verkündete der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das Ende der Geschichte. Der Kapitalismus hatte gesiegt, der Systemkampf sei nun auf Ewigkeit entschieden. Der Staatssozialismus in Sowjetunion und DDR wurde von Coca Cola und Taylor Swift zermatscht. Doch während Trumps Wahnsinn Amerika durchwuchert, erheben sich Hammer und Sichel erneut. Wer wird die ideologische Weltherrschaft dieses mal erringen?

2014 veröffentlichte das kanadische Studio »Hyper Hypo Productions« das Spiel »Adventure Capitalist«. Jetzt erschien der Nachfolger »Adventure Communist« und der Kampf um die Welt geht von vorne los.

Adventure Capitalist

Als angehender Kapitalist startet ihr nur mit einer Zitrone bewaffnet. Durch Klicken auf ein Icon, quetscht ihr dann erbarmungslos alles Leben aus der unschuldigen Zitrusfrucht. »Wenn das Leben dir Zitronen gibt, dann mach Limonade draus« (Adam Smith). Dadurch verdient ihr Geld, kauft schließlich eine zweite Zitrone und dann zehn weitere.

Marx hat diesen Vorgang der einfachen Zirkulation und Profitmaximierung in der Formel »G-W-G’« dargelegt. Doch warum müsst ihr eigentlich die Zitrone selbst ausquetschen? Anscheinend wurden im Spiel die doppelt freien Lohnarbeiter vergessen, die sich selbst zu Markte tragen, um ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Doch halt: Kurz bevor euer Finger abstirbt, habt ihr genug Money um einen Manager einzustellen. Dieser quetscht fortan für euch Zitronen. Der dumme Manager ist weder gewerkschaftlich organisiert, noch hat er einen Betriebsrat hinter sich. Ihr könnt ihn also gepflegt bis aufs Blut ausbeuten.

Vor allem weil ihr selber keinen Finger mehr krumm machen müsst (die unsichtbare Hand kümmer sich jetzt um alles), fühlt sich der Aufstieg vom Arbeiter zum Bourgeois fantastisch an. Um immer höhere Gewinne per Klick zu kriegen, kann man nach der Saftproduktion außerdem Zeitungen verteilen lassen, Pizza ausfahren, Autos verkaufen und schließlich Öl-Industrieller werden. Das »Humankapital« zum ausbeuten bekommt ihr leicht, schließlich habt ihr das alleinige Macht-Monopol.

Allerdings müsst ihr selber anfangs oft selbst schuften, bis ihr endlich einen Knecht habt, der für euch arbeitet. Dann müsst ihr nur noch Kohle ausgeben, um noch höhere Dividenden zu kriegen. Endlich könnt ihr das Geld für euch arbeiten lassen! Christian Lindner Modus – aktiviert!

Zwischenfazit

Trotz seiner Comic-Grafik zeigt Adventure Capitalist sehr realistisch die Ausbeutung der Arbeiterklasse. Auch wenn ich als Produktionsmittelbesitzer das nur aus Erzählungen kenne. Vergessen wurde die immanente Krisenanfälligkeit des Kapitalismus. Trotzdem wird treffend gezeigt, welch zugerichtete Subjekte die neue Ordnung hervorbringt: Sie fühlen zuerst ihre Unterdrückung, und freuen sich dann aber, wenn sie andere ausbeuten und ausnutzen können. Fahrradfahren – nach oben buckeln, nach unten treten!

Als Spieler muss ich aber manches bemängeln. So kann ich andere Online-Spieler nicht als Arbeiter einstellen. Natürlich freue ich mich, wenn eine Maschine für meinen Champagner arbeiten muss, aber noch mehr würde ich mich freuen, wenn ein echter Mensch seine Lebensenergie in einem meiner Sweatshops opfert. Nicht mal Streiks kann ich gewaltsam niederknüppeln lassen. Sowieso hätte ein bisschen mehr Gewalt dem Spiel gut getan. Wie schrieb Marx: »Der Kapitalismus kam blutverschmiert zur Welt«.

Adventure Communist

Als frischer Parteiführer habt ihr Geld als Zahlungsmittel abgeschafft. Stattdessen freuen sich eure Kameraden über gemeinsame Ressourcen, die ihr nach den Regeln der Vernunft gewissenhaft und gerecht verteilt. »Jeder nach seinen Bedürfnissen« und so. Ihr könnt Kartoffel anbauen lassen, Land der kapitalistisch-verseuchten Nachbarländer annektieren und eine starke Rote Arbeiterarmee ausbilden. Die Ressourcen sind unterschiedlich schwierig zu erlangen – Kartoffeln habt ihr immer zu viele, Gewehre immer zu wenig.

Leider hat das bekanntermaßen mit dem Lebensmittelüberschuss im historischen Staatssozialismus nicht geklappt. Dafür ist euer Utopia in Adventure Communist das reinste Schlaraffenland. Ein fieser Bug hat sich allerdings eingeschlichen: Aus den Unmengen von Kartoffeln kann kein Vodka gebrannt werden.

Neben den materiellen Ressourcen rekrutiert ihr über die Zeit Genossen, die ihr in den verschiedenen Arbeitsgebieten einsetzen könnt. Manche werden Soldaten, die meisten dürfen Kartoffeln ausgraben. Es gibt auch die möglich Ärzte auszubilden, aber sobald ihr genügend Ärzte für die Parteispitze habt, könnt ihr die Universitäten getrost schließen. Wer braucht schon Intellektuelle? Die Partei weiß schon bescheid. Bekanntermaßen hat sich auch dieser Ansatz historisch bewährt.

Im direkten Vergleich

Spielerisch bieten beide Spiele wenig Neues und erinnern stark an Farmville. Es gibt keine Möglichkeit irgendwas falsch zu machen, und damit keine Herausforderung. Im schlimmsten Fall erhaltet ihr nur weniger Geld oder Kartoffeln. Einzig der Humor schafft es ein wenig Spaß reinzubringen. Gerade die Communist-Version des Spiels haut kontinuierlich Seitenhiebe über die glorreiche Partei raus und das nicht nur innerhalb des Spiels. Die Entwickler posten ständig neue Memes auf ihrer Twitter-Seite von denen ihr einige hier im Artikel findet. Die Capitalist-Version trumpft dafür mit Events, bei denen ihr z.B. die Ostereierproduktion des Osterhasen outsourcen musst.

Was tun?

Letztlich funktionieren beide Spiele nach  kapitalistischer Manier, so das auch Communist Adventure nur eine satirische Mogelpackung ist: Ihr spielt zwar kostenlos, müsst aber für Einkäufe im Shop Echtgeld bezahlen. Spart euch also das Geld für ein ZurQuelle Abo. Der Gebrauchswert ist deutlich höher und wir werden gemeinsam eine gerechtere Weltordnung erstreiten!

Außer Adventure Communism gab es in der letzten Woche folgende Themen…

Jens Jessen von der Zeit fühlt sich bedroht. Und zwar von einem totalitären Feminismus. Hier Leonies Kommentar.

Vanessa und Laura waren in einer Ausstellung. Ein Spiel mit Realität und Fiktion. Mehr hier.

Und in der letzten Sneak: The King

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