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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Im Jahre 2018 werden gut 500.000 Menschen hierzulande ohne festen Wohnsitz sein. Ein Viertel von ihnen sind obdachlose Frauen, denen sich im Alltag ganz spezifische Probleme stellen. Wie sehen diese aus und wie geht man damit um? Wir haben nachgefragt.

»Wenn ich meine Tage habe, gehe ich einfach betteln und kaufe mir davon Binden«, lacht die junge Frau und schiebt sich einen Löffel Grünkohl mit Brühwurst in den Mund. Sie ist Mitte Zwanzig, kommt aus Polen und spricht fließend Englisch. Sie hat kurze braune Haare und trägt einen schwarzen Anorak, graue Leggins und Stulpen über den Turnschuhen. Man sieht ihr nicht an, dass sie seit über einem Jahr auf der Straße lebt. »Duschen ist auch kein Problem, da gibt es ja Einrichtungen», erneut lacht sie.

Wenn die Berliner Obdachlosenhilfe auf Tour geht, kommen viele, um sich etwas vom Essen zu holen, das die Freiwilligen zuvor liebevoll gekocht haben. Frauen sind hier in der Unterzahl und auf dreißig männliche Obdachlose kommen nur drei oder vier Frauen, darunter ein paar Seniorinnen. In Deutschland sind etwa 25 Prozent aller Obdachlosen Frauen. Viele von ihnen versuchen, die Normalität möglichst lange zu wahren. Dabei ist nichts von dem, was sie täglich durchleben, wirklich normal. Das größte Problem ist natürlich die Versorgung und Unterkunft, doch auch die kleinen Dinge, an die man zuerst gar nicht denken würde, erinnern immer wieder an das Chaos und die Entwürdigung, der sie ausgesetzt sind: Ein Tampon etwa muss im Busch gewechselt werden oder in einem Gemeinschaftsbad einer Unterkunft, beides Orte, die nur wenig Hygiene bieten. Diejenigen, die es schaffen, ihre äußere Fassade aufrechtzuerhalten, gehen auch manchmal in einem Restaurant auf Toilette oder duschen im Schwimmbad. Es gibt viele Tricks um sich selbst gewisse Standards zu erhalten.

»Ich kaufe mir keine Kondome: Wenn ich Sex haben will, zähle ich einfach die Tage aus.« Und wieder lacht die junge Frau.

Obdachlose Frauen müssen ihr Vertrauen zurückgewinnen

Viele Frauen sind durch Erlebnisse wie sexuelle Übergriffe vor oder während ihrer Obdachlosigkeit traumatisiert. Viele kommen aus gewaltdominierten Beziehungen. Als wäre das nicht bereits genug Leid, fehlt es ihnen jetzt an Schutz, leben sie im Chaos und fühlen sie sich schmutzig. Wie gehen sie damit um?

»Wie Studien gezeigt haben, reagieren Männer auf schwierige, traumatisierende Erlebnisse viel eher mit Suchterkrankungen, Frauen verfallen eher in andere Symptomatiken, um ihre Situation aushalten zu können, oder die durch das Aushalten selbst bedingt sind«, erklärt Frau Aust, Leiterin des Sozialdienstes bei FrauenbeDacht, einer Frauenunterkunft im Wedding. Aus diesem Grund bietet FrauenbeDacht auch psychologische Unterstützung an. Die Frauen sollen dabei vor allem dazu bewegt werden, Hilfe anzunehmen und Ärzte aufzusuchen.

»Die Frauen haben viele schlechte Erfahrungen gemacht und sind sehr misstrauisch. Manche haben auch schon Krankenhausaufenthalte hinter sich, während derer sie sich sehr abgestempelt gefühlt haben. Viele haben auch die Hoffnung verloren. Wir wollen ihr Vertrauen in die angebotene Hilfe wieder aufbauen und sie auf ihrem Weg in die Hilfsangebote begleiten«, erzählt eine junge Psychologin, die seit einem Jahr in der Unterkunft arbeitet.

Männer sind hier nicht erlaubt, Frauenbesuch auch nur bis 22 Uhr. Die Frauen dürfen hier solange wohnen, bis sie wieder eine eigene Wohnung gefunden haben. Manchmal geht das ganz schnell, manchmal dauert es Jahre und einige kehren auch zurück, weil Mietschulden sie erneut in die Wohnungslosigkeit drängen.

Die schwierige Rückkehr in die Normalität

Nicht alle Frauen können oder wollen in solchen Unterkünften leben und viele suchen Schutz in einer Zweckbeziehung, innerhalb derer man sich gegenseitig unterstützt und beschützt. Sehr häufig werden diese Beziehungen jedoch von Drogenkonsum begleitet, denn die sorgen wenigstens eine Zeitlang für ein gutes Gefühl und lassen Schmutz und Angst vergessen. Sie sind aber häufig auch der Anfang einer Abwärtsspirale.

Von den jungen Frauen, die sich bei der Obdachlosenhilfe Essen holen, befinden sich alle in einer langjährigen Beziehung. Sie schnattern, essen und lachen; keine Spur von Verzweiflung. Vielleicht weil sie erst am Anfang ihrer Obdachlosigkeit stehen.

Die älteren Damen sitzen abseits und löffeln schweigend ihre Schalen aus. Sie haben oft schon dreißig Jahre Alkoholabhängigkeit hinter sich. Alle Frauen hier sind stark, keine Frage, doch manchmal ist einfach schon zu viel kaputt gegangen und es kommt auf das Verhältnis von Kraft und Verletzlichkeit an, auf persönliche Voraussetzungen, wie gut oder schlecht die Frauen mit ihrer Situation umgehen. Kann nach solchen Erfahrungen überhaupt wieder ein eigenes Leben geführt werden? Die Psychologin lächelt: »Es ist ein anstrengender, langer Weg, aber unwahrscheinlich ist es nicht. Sonst hätte alles, was wir hier machen, keinerlei Sinn.«

Franziska Schulz