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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Ein wütender Promi-Veganer, gratis Pommes und süße Tiere. Warum Attila Hildmanns Burgerevent zum absurdesten Werbezirkus wurde und es trotz Waffenstillstand zwischen Koch und Journalisten zu gezückten Messern kam, hat unsere Autorin auch nach einer Nacht drüber schlafen nicht verstanden.

Das Medienecho der letzten Woche hat im Hause Hildmann sicherlich für alles andere als einen gesunden Blutdruck gesorgt. Seine Kochshow mit einem Neonazi, Let´s Dance und Anti-Flüchtlings-Parolen sind da glatt zu Schuppenflechten der Vergangenheit geworden. Hier die frischesten Ereignisse aus der Skandalküche:

Die Wurzel allen Übels

Am Anfang war das Wort einer Tagesspiegel-Journalistin, die es wagte, Hildmanns Bistro und seine Süßkartoffelpommes nicht zu mögen. Daraufhin tippte Attila in Rage seine Facebook-Pinnwand mit Beleidigungen voll. Der „dreckige Kackartikel“ sei voller Unwahrheiten und der „Journalistin“ gehörten die labbrigen Pommes „in die Visage gestopft“. Huppsa. Für sie und die gesamte Tagesspiegel-Sippe gab es Hausverbot. Dieser niederschmetternden Strafe folgte allerdings ein so farbenfroher Medienboom, dass Atti anscheinend nicht anders konnte, als sich gehörig geschmeichelt zu fühlen.

Dieses war der erste Streich und der zweite folgt sogleich

Der nächste brillante Schachzug ließ nur zwei Tage auf sich warten: Auf seiner Lieblingsplattform nahm er nicht nur das strenge Hausverbot wieder zurück, er forderte auch alle Journalisten auf, sich in seiner „nach Öl stinkenden Frittenbude“ einzufinden und seine Burger selbst zu testen. Er könne nämlich mit Kritik eigentlich ganz super umgehen. Nur wenn die Journalisten wieder Bullshit fabrizieren würden, würde er “diesmal komplett ausrasten.” Diese Ansage wurde begleitet von einem Foto des Kochs mit einer Pumpgun im Anschlag. Zudem macht er die Ankündigung, er würde, wenn die Mehrzahl der Journalisten nach der Verköstigung noch immer Fleischburger bevorzugen, live vor den Kameras ein Steak verspeisen.

Pommes umsonst? Nichts wie hin da!

Nach dieser liebreizenden Einladung zu Tische, garniert mit der Neuigkeit einer taufrischen Strafanzeige wegen Bedrohung, stehen am Mittwochnachmittag genug skandalnudlige Journalisten vor dem Charlottenburger Bistro und hoffen auf erneute Ausraster. Und Pommes für umme? Ihr kennt ZurQuelle: Ob brutal in die Fresse gestopft oder hübsch angerichtet, das lassen wir uns nicht entgehen!

Das vegane Pressedinner

Dass sich dieses öffentliche Burgeressen als gruselige PR-Kampagne herausstellen würde war schon vorher klar. Dass man sich diesem Ort als Mensch mit Prinzipien an diesem Nachmittag lieber nicht nähern sollte, auch. Doch erst, als mich die RTL-Frau nach vorne schiebt und mir vor laufender Kamera eine trainierte Hildmann-Hand entgegengestreckt wird, weiß ich: it´s a trap. Die Pommes-Falle ist zugeschnappt, jetzt läuft die Hildmann-Show, das wird das Finale Grande einer lange aufgebauschten Imagekampagne. Es geht los:

Emotionalität ist heute alles

Attila Hildmann ist gut vorbereitet. Ruhig und freundlich dankt er der Presse fürs Kommen und erklärt, warum er “so emotional” reagiert hat in der Auseinandersetzung über labbrige Pommes. Emotionalität ist heute alles. In bescheidener Nationalhymnenstellung steht er vorne und möchte auf einmal den Fokus auf das wirklich Wichtige lenken. Auf das, was die ganze letzte Woche keinerlei Rolle gespielt hat: Tierschutz, Welthunger, Antibiotika und die Verantwortung des Einzelnen. Seine Stimme bricht. “Hat er eben kurz geheult?”, will die Frau neben mir wissen und drängt weiter vor. Ich bin irritiert. Während dieser ganzen PR-Farce hat niemand Veganismus infrage gestellt. Auch in der Tagesspiegel-Kritik wurde nicht Veganismus kritisiert, sondern die Labbrigkeit der Pommes. Jeder Mensch in diesem Raum kennt die Zahlen, die Gruselvideos, die eigene Verantwortung und hat sich in seinem Leben für oder gegen Fleischkonsum entschieden.

“Ich hab genug Aufmerksamkeit, ich hab doch Schlag den Star gewonnen.”

Mit Medienaufmerksamkeit habe das alles aber nichts zu tun, sagt der Promikoch mit der Frustrationsgrenze eines Fünfjährigen, der unverhältnismäßig herumprollt und eben dieses eigentliche Anliegen zwischen Wut-Postings, Autobahnrasereien und Shootings auf der Erotikmesse dann und wann zu vergessen scheint. “Nee, nee, ich hab genug Aufmerksamkeit.”, sagt er als wir dicht gedrängt im Gang seines Junggesellen-Bistros stehen. “Ich hab doch Schlag den Star gewonnen.” Achso, dann bitte zurück zum Burgertesten. “Ihr seid doch alle gespannt auf die Wabbelburger! Und wer will, kriegt hinterher noch ein Scheiß-Matcha-Eis!” Gelächter aus der RTL-Ecke.

Wird der vegane Burger die Journalisten vom Fleischkonsum abschwören lassen?

Wer testen möchte, kriegt Uni-Evaluationsbogen-gleich einen Zettel ausgeteilt, der dazu dienen soll, um den Geschmack des Burgers mit dem altbewährten 1-10-System zu bewerten. Weiterhin wird danach gefragt, ob man trotzdem weiterhin den Fleischburger bevorzugen würde. Ich frage mich, warum Hildmann davon ausgeht, dass alle Journalisten Fleischesser sind und ob er tatsächlich heiß auf ein Steak ist, wenn er diese dummen Bewertungskriterien aufstellt. Dass für Fleischesser ein Burger eher mit Hackfleischgenuss zu tun hat ist ja klar, da kann der vegane Käse gülden glänzen wie er will.

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© Yana Duckwitz

Uuuuund?

Die Journalisten filmen und kauen gelegentlich. Geschmacklich scheinen alle sehr zufrieden zu sein. Warum auch nicht? Wir sind nicht im Kaff hinter Wuppertal, jeder Berlin-Bewohner hat gefühlt zwölf Burgerläden mit veganen oder vegetarischen Alternativen vor der Haustür und hat auch schon die eine oder andere nächtliche Falafel verspeist. Wann setzt der Aha-Effekt ein?

Attila Hildmann rastet nicht aus

Es kommt zur Auszählung. Wie bei solchen Bewertungskriterien nicht verwunderlich, bewertet die Mehrheit der Journalisten den Burger sehr positiv, entscheidet sich aber trotzdem dafür, weiterhin die fleischige Variante zu bevorzugen. Attila hat die Wette verloren, wirkt aber nicht gerade desillusioniert. Er müsse sich nur noch kurz um das Steak kümmern. Während er zum Telefonieren um die Ecke geht und seinen giftgrünen Porsche mit Ledersitzen aus dem Weg fährt, unterhalte ich mich mit einer süßen Tierschutz-Omi, die plötzlich mit selbstgebasteltem Schild auf dem Bürgersteig steht. Wir beide schütteln den Kopf ob der Tatsache, dass der Veganer ungefragt ein Rindersteak verspeisen möchte. Bringt das irgendjemandem was?

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© Yana Duckwitz

“Wer von Euch bringt dieses Tier um?”

Als dann der muhende Transporter vorfährt, sind viele der Journalisten sprachlos und ich sterbe vor Fremdscham. „Ich habe gesagt, ich werde das Steak essen, aber ich werde es nicht umbringen.” ruft Attila mit bebender Stimme vom Transporter. Er hält ein Messer in die Lüfte und fragt: “Wer von Euch bringt dieses Tier um?” Selbst wenn das Schlachten von Kälbern auf offener Straße legal wäre, möchte das weder jemand sehen noch selber tun. Denkt er, wir haben vergessen, dass Fleisch aus Tieren ist? Hildmanns süffisantes Grinsen ist nicht zu ertragen. Für ihn läuft das Event rund. Wieder folgt ein floskelhafter Sermon über Wahres und Gutes. “Mit Messer und Gabel können wir die Welt beeinflussen.” So oder so ähnlich steht das auch an der Restaurant-Wand.

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© Yana Duckwitz

Genug Gutmenschen-Gelabere für heute

Mein Speicherplatz auf dem Handy ist voll und meine Sensationslust auf dem Tiefpunkt. Die Botox-Frauen, die zu Hildmanns Einrichtung zu gehören scheinen, umarmen sich erleichtert. Sie hatten scheinbar große Angst, einem Gemetzel beizuwohnen.

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© Yana Duckwitz

Desillusionierung und ein fettiger Magen

Die kostenlosen Fritten liegen schwer im Magen, das Haar riecht nach Bratenfett. Der Walk of Shame zurück in den Laden zu Matcha-Eis und Goodie-Bags fühlt sich falsch und nuttig an. Und absolut nicht nach Weltverbesserung.

Kennst du schon unsere Sneak-Review zu Lady MacBeth?

Wenn man Attila Hildmann eins zugutehalten kann, dann die Tatsache, dass er Veganismus aus einer freakigen Ökolatschen-Ecke geholt und der breiten Masse zugänglich gemacht hat. “Die Leute würden meine Seite entliken, wenn ich nur Tiervideos posten würde. Du musst sie dir angeln. Mit Fitness und Eigennutz geht das nun mal besser.” Dies dann gleich mit Gangstertum, Macho-Pöbelei und schnellen Autos aufmöbeln zu wollen, darf sauer aufstoßen. Auch wenn ein mediengeiler, selbstverliebter Veganismus noch immer besser ist als ein nicht praktizierter.

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