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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Wie eine junge Liebe gegen die Treue zur Studentenverbindung verlieren muss.

Wo die Liebe hinfällt, da wächst kein Gras mehr? Verliebt hatte ich mich in Nils*. Was ich nicht wusste: er ist Verbindungsstudent. Vielleicht dauerte es auch deshalb länger, bis mir klar wurde, dass Liebe wirklich blind machen kann.

Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich nur: »Was für ein Spießer trägt denn ein zugeknöpftes Polohemd und fiese Segelschuhe bei einer Erstifahrt zum Gardasee?« Wie sich später herausstellte, hieß die Pfeife Nils und konnte ziemlich gut küssen. Seine etwas spießige Aufmachung war mir – vor allem als wir uns küssten – mehr oder weniger egal.

Als er mir dann aber erzählte, dass er in einer Studentenverbindung sei, war es mir nicht mehr egal. Hatte ich gerade mit einem Nazi in Segelschuhen geknutscht? Liebe macht blind, das ist ja bekannt, aber macht sie aus Feinden wirklich Freunde?

Um ehrlich zu sein, hatte ich seinerzeit keine genaue Vorstellung davon, was in Verbindungen tatsächlich vor sich geht. All mein Wissen stammte halt vom Hörensagen. Irgendwie reizte es mich, mehr zu erfahren und so beschloss ich, als Frau hinter den feindlichen Linien, die Verbindung zu infiltrieren. Gut, ein wirkliches Infiltrieren war es nicht: Nils hatte mich eingeladen.

Kriegsspiel und Hahnenkampf

Im Verbindungshaus angekommen fand ich keine glatzköpfigen, tätowierten Nazi – Schränke vor, vielmehr waren alle eher so wie Nils. Und ich muss schon zugeben, dass der Abend gar nicht so schlimm war, wie ich erwartet hatte. Dennoch waren die Mitglieder natürlich allesamt mehr als konservativ und bei nicht wenigen Aussagen des Abends schlug mein Gehirn kräftig an die Innenwand meines Schädels.

Nils blickte mich oft nonchalant an und versicherte mir, dass es bei seiner Verbindung nicht vordergründig um die politische Ausrichtung ginge, sondern um ähnliche Werte und eine gemeinsame sportliche Betätigung, wie etwa Segeln, Rudern oder Fechten.

In Nils’ Verbindung war es das Fechten. Vorgestellt hatte ich es mir eigentlich wie das Sportfechten im Fernsehen, in diesen weißen Fechtanzügen, mit vergitterten Masken und stumpfen Degen und mit elektronischer Trefferanzeige. Das traf es nicht ganz: Wie Nils mir erklärte, dürfen bei der Mensur beide Duellanten nur ihren Schlagarm benutzen und schlagen mit diesem rundenbasiert immer abwechselnd. Man trägt ein Kettenhemd und Schutzhandschuhe, die Augen sind durch eine Art Taucherbrille geschützt. Nils sagte, dass man sich eigentlich nicht verletzen könne und es darum auch gar nicht geht.

Das Fechten solle vor allem den Charakter formen und helfen, Ängste zu überwinden, sagt Nils. Außerdem, so berichtet Nils häufig, gebe es nichts Schöneres als im Anschluss mit den anderen zu feiern. Für mich klang das alles eher nach Krieg spielen und Hahnenkampf.

Auf Kneipe mit den Alten

Am Abend sind auch einige alte Männer anwesend. Diese »alten Herren«, wie Nils sie nennt, sind Ehemalige. Sie unterstützen die aktuellen Mitglieder finanziell, zahlen Teile der Miete. Das klingt natürlich auf den ersten Blick gar nicht so verkehrt, immerhin hat man als Student:in wenig Geld: Da lässt man sich doch gerne fördern, oder?

Im Gegenzug kommen die alten Herren dafür bei Veranstaltungen vorbei, um Erfahrungen mit den Studierenden auszutauschen. Ist dann immer nur die Frage, was für Erfahrungen es denn sind, die da so weitergegeben werden.

Zwei Wochen später: Im Verbindungshaus gibt es ein Seminar zum Berliner Flughafen BER. Ein Wirtschaftsexperte ist eingeladen und zählt auf, was so alles bei dem Projekt schiefgegangen ist.

Nils ist hellauf begeistert; jeden Monat geht er zu den Vorträgen, mir gefällt sein Engagement. Nach dem Seminar muss Nils noch in der Verbindung bleiben: verbindungsinterner Kneipenabend. Er würde nachher zu mir kommen. Wenn es nach mir gehen würde, hätte Nils ruhig mal einen Abend schwänzen können, denn irgendwie schien ihm seine Verbindung wichtiger zu sein als ich.

»Habt ihr noch etwas Champagner?«

Ein besonderes Ereignis für Nils war das Stiftungsfest. Das sei der Geburtstag der Verbindung, wie er mir erklärte. Manchmal gebe es auch Feste, um den neuen Mitgliedern beizubringen, wie man sich richtig zu benehmen hat. Nils wirkt sehr ernst, als er mir dies berichtet.

Auf dem Fest tragen die Frauen lange Kleider – ich selbst musste mir erst eines kaufen, etwas anderes wäre nicht in Frage gekommen, wie Nils mir sagte. Die Männer tragen Anzüge, dazu Bänder in den Verbindungsfarben. Es gibt Musik, nahezu unendlich viel zu essen und alles ist sehr förmlich, dadurch ein wenig steif.

Aus irgendeinem Grund fühle ich mich an diesem Abend irgendwie besonders und wichtig, im Rückblick schäme ich mich ein wenig dafür.

Endlich sollte der legerere Teil des Abends beginnen: »Ja, wir können gleich tanzen. Ich muss nur noch eben kurz mit dem Piet reden«, verspricht mir Nils. In Ordnung, dann mische ich mich eben erst einmal allein unter die Feiernden. Nachdem mir aber zum vierten Mal von der letzten Mensur erzählt wurde und die Ausführungen jedes Mal extremer wurden, entscheide ich mich letztlich für die Ruhe an der Bar.

Zwei Weißweinschorlen später immer noch keine Spur von Nils: von wegen »kurz«. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sauer ich geworden bin. Schließlich bin ich dann nach Hause gegangen und nach dem Abend hat sich Nils nicht wieder bei mir gemeldet.

Irgendwie störte mich das nicht, denn der Abend hatte mir gezeigt, dass ich nicht zu den Menschen in der Verbindung passe und damit auch nicht zu Nils, denn die Verbindung ist ihm wichtiger als alles andere.

 

Text: Peter Penis

 

* Anmerkungen:
Alle Namen sind frei erfunden. Figuren und Geschichte basieren jedoch auf den Erlebnissen realer Personen.
Wir gendern im generischen Femininum, natürlich gibt es in Verbindungen jedoch fast nie Frauen (ebenso mag das ähnliche Erscheinungsbild der männlichen Mitglieder auf weitere Aufnahmekriterien schließen, die viele Menschen von einer Mitgliedschaft ausschließen).

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