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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Mario Barth hat einen Besucherweltrekord aufgestellt und damit ein für allemal deutlich gemacht, dass die Gesellschaft dümmer ist, als man zu hoffen wagt.

 ROBERT HOFMANN

Es gibt viele Titel, auf die man nicht stolz sein muss. Den Titel der größten Leber kann man als 20-jähriger Abiturient, der sich seines verqueren, spätpubertierenden Humors wegen aber gerne als „Abiturensohn“ bezeichnet, mit Stolz tragen. Zukünftige Arbeitgeber, Großeltern und Lehrer aber gucken bei Preisverleihungen solcher Art eher verdutzt. Wirkte der frisch gekürte Preisträger bei Kaffedates und in den ersten Stunden nicht sowieso immer müde? Hatte man sich Gelegenheiten zum Zeigefingererheben und Zumdirektorschicken etwa unbedacht entgehen lassen?

Den Titel des „peinlichsten Berliners 2008“ zu tragen ist vielleicht halb so peinlich, bis man erfährt, dass es die „tip“ ist, die ihn verlieh. Der Titel „Stadtmagazin“ ist nämlich bereits peinlich genug, um Titelvergaben, die mit Peinlichkeit im Superlativ zu tun haben, vorsichtig zu sein.

Vielleicht trifft es peinlich nämlich auch gar nicht, wenn man an besagten Preisträger denkt. Mario Barth, Deutschlands wohl erfolgreichster, auf jeden Fall aber bekanntester und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch erfolgreichster Stand-Up Comedian, hat jeden Superlativ von Peinlichkeit nämlich bereits lange hinter sich gelassen. Peinlich impliziert Schmerz, das einzige, was aber schmerzt, wenn man dem Mann mit dem berliner Akzent und penetranten Dauergrinsen, dessen Affigkeit sogar Stefan Raab irgendwann dazu veranlasst hat, sich auf neue, wenn auch nur wenig intellektuellere Wege zu begeben, sind die Menschenrechte und eigentlich mittlerweile als Common Sense zu betrachtenden Werte, denen er fröhlich über die Bühne rennend einen Fußtritt nach dem anderen verpasst.

Wer im 21. Jahrhundert noch Geschlechterstereotype reproduziert, belächelt und bejubelt, die überkommen sein sollten, seitdem Alice Schwarzer offiziell aus dem Mainstream der feministischen Bewegung geflogen ist, wirft ein dunkles Licht auf sich, viel mehr aber noch auf alle, die Geld bezahlen, um den Mann performen zu sehen. Das waren, den Rekord hält Mario Barth genauso wie oben genannten Titel, 2008 etwa 70.000 Menschen auf einmal. So viele Idioten ließen sich von ihm im berliner Olympiastadion höchst offiziell ihre eigene Dummheit, Verbortheit und reaktionäre Lebenseinstellung bescheinigen. Am Wochenende des 07. und 08. Juni konnte er diese Leistung gar noch toppen, indem er an beiden Tagen zusammen 200.000 Menschen im selben Stadion zusammentrommelte. Die Leute bekamen sogar eine Urkunde mit nach Hause, die sie passend unter ihre Deutschlandfahne hängen konnten, die dann in einem halben Jahr nur noch hängt, weil sie vergessen haben werden, sie endlich runterzunehmen, weil die WM ja nun schon lange vorbei ist, was sich dann aber schon fast gar nicht mehr lohnt, weil die nächste EM ja schon in knapp anderthalb Jahren beginnen wird. Idioten eben. Dan Brown-, Bayern München- und Panzerfans.

„Aber wenn doch auch Frauen den gut finden?“ – Wollen wir gar nicht mit anfangen. Sollen die sich freuen, dass ihre Männer ihnen primitiv auf den Arsch hauen, weil sie selber ja auch Schuhe sammeln. Oder so. Zwei Urkunden nebeneinander, wie romantisch. Passt perfekt neben das signierte AfD-Poster. Die sagen nämlich wenigstens mal was Sache ist und stehen für ein ähnliches Menschenbild wie Mario Barth. Nur in Anzug, das ist zwar langweiliger als ein verschwitztes T-Shirt, aber wenigstens autoritärer.

200.000 Menschen aus Deutschland haben es also geschafft, einem Mann einen Weltrekord zu bescheren, der Berlin für ein Wochenende zur peinlichsten Stadt hat werden lassen. Ein Titel, den ZurQuelle erstmalig vergibt, und der hoffentlich auch erst wieder vergeben werden muss, wenn Mario Barth es einmal wieder darauf ankommen lässt. Herzlichen Glückwunsch Berlin.

 

Männer sind primitiv, aber glücklich. Frauen manchmal auch. Vor allem eben 200.001 am Wochenende des 07. und 08.06.2014.