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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Gretchen Dutschke-Klotz, 76, war 68er-Aktivistin und Ehefrau von APO-Legende Rudi Dutschke. 50 Jahre später hat die Theologin ihr neues Buch »1968: Worauf wir stolz sein dürfen« veröffentlicht. Mit ZurQuelle sprach sie über ihre Erfahrungen und die Rolle von politischem Aktivismus – damals und heute.

Liebe Frau Dutschke, in Ihrem Buch beschreiben Sie den Einfluss der 68er-Bewegung auf das heutige Deutschland. Was verdanken wir den 68ern?

Am besten muss man das damit vergleichen, wie es davor aussah. Damals war das eine total autoritäre Gesellschaft, viele Nazis waren immer noch in den selben Positionen, die sie zur NS-Zeit innehatten. In der Universität gab es viele Nazi-Professoren, die weiter so redeten wie früher. Frauen hatten nur sehr wenige Rechte. Wenn verheiratete Frauen arbeiten wollten, musste der Mann für sie unterschreiben. Es gab den Kuppeleiparagraph, der besagte, dass unverheiratete Frauen und Männer gar nicht nach 22 Uhr in einem Zimmer sein durften. Wenn irgendein Hausbesitzer das erlaubte, konnten sie ins Gefängnis kommen.

 

Wie stand es damals um die Demokratie?

Demokratie war überhaupt kein Begriff in der Bevölkerung. 1951 gab es eine Umfrage, welche Gesellschaftsform die Menschen am liebsten hätten. Darin waren über 40% für den Nationalsozialismus, über 40% wollten das Kaiserreich wieder haben. Von den Übrigen waren nur 2% für die Demokratie, wie man sie sich damals dachte. 7% waren auch für die Weimarer Demokratie. Die Idee der Demokratie, dass alle sich auf allen Ebenen beteiligen sollen und Kritik an Politik, Wirtschaft und an dem, was einen täglich betrifft, ausüben können – all das kam durch die 68er.

 

Von 1966 bis zu seinem Tod im Dezember 1979 waren Sie mit Rudi Dutschke verheiratet. Mit ihrer Zweierbeziehung entschieden Sie sich gegen das Berliner Kommunenleben.

Das stimmt nicht. Tatsächlich hatte ich schon Anfang 1966 die Idee einer Kommune. Denn ich meinte, dass gerade durch die Kommune die autoritären Strukturen der Kleinfamilie durchbrochen werden könnten. Aber Dieter Kunzelmann stellte sich das anders vor. Ich wollte eine Kommune gründen, in der Frauen und Männer gleiche Rechte hatten – Kunzelmann wollte eine, in der er alles bestimmt. Dass die Männer mit den Frauen schlafen konnten, wann immer sie Lust dazu hatten, war auch wieder Ausbeutung der Frauen. Diese Kommune wollten wir also nicht – stattdessen wollten wir eine, in der wir zusammen arbeiten und politische Ideen entwickeln konnten. In der Kommune I ist das nicht geschehen.

 

Sie gingen dann nach Dänemark.

Nach dem Attentat gingen wir nach Dänemark und haben dort in einer Kommune gewohnt. Auch jetzt lebe ich in einem Gemeinschaftsprojekt von Frauen mit geteilten Bereichen, aber auch privaten Räumen.

 

Gretchen Dutschke

Wie nahmen Sie die Rolle der Frauen in der Studentenbewegung wahr?

Die wurde mir zum ersten Mal im SDS bewusst. Da habe ich gesehen, dass in den seltenen Fällen, in denen Frauen überhaupt geredet haben, die Männer gelacht haben. Das fand ich so unverschämt und unmöglich, da war ich wirklich geschockt. In der Schule und an der Uni in den USA habe ich derartige Erfahrungen, wo Frauen so erniedrigt wurden, nicht gemacht. Beim SDS Kongress im September 68 haben sich die Frauen in Deutschland dann entschieden, sich durchzusetzen. Nach einer Rede von Helke Sander schmiss Sigrid Rüger Tomaten auf die Männer, die vorne auf dem Podium saßen. Das war mehr oder weniger der Ruf: Jetzt geht es los! – Und dann ging es auch los.

 

Was dachte Rudi Dutschke über die Gleichberechtigung?

Er fand das richtig. Als ich ihm zum ersten Mal erzählte, wie schlimm ich es im SDS fand, war ziemlich klar, wie wenig es ihm bewusst war. Er dachte, so seien die Dinge eben. Aber als ich es ihm erzählte, begriff er es und gab mir recht. Aber dann sagte er: »Ich bin ein Mann, ich kann nichts machen«. Ich habe darauf bestanden, dass wir zu Hause die Gleichberechtigung versuchen. Das wollte er, er hat sich auch bemüht. Aber ich glaube, er wollte, dass ich das mit der Frauenbewegung übernehme. Er war zwar keine Frau, aber er hätte die Literatur lesen können. Das hat er aber nicht gemacht.

 

Sie haben Theologie studiert, auch Rudi Dutschke war gläubig. Wie lässt sich der Sozialismus mit dem Glauben vereinbaren?

Jesus war der erste christliche Revolutionär. Ich habe meine Magisterarbeit über die Revolutionsbewegung im Frühchristentum über die Zeit in der Jesus lebte geschrieben. So empfanden wir Sozialismus und Glauben als überhaupt keinen Widerspruch. Problematisch empfanden wir aber, wie sich die Kirche entwickelte, als sie gesellschaftliche Macht wollte. Dadurch sind die Ideale verschwunden – und dass das Christentum viel Scheiße gebaut hat, wussten wir natürlich. Aber wir wollten zurück zu den ursprünglichen Ideen der Liebe und dem Wohl der Menschen.

 

Im April 1968 schoss Josef Bachmann am Kurfürstendamm drei Mal auf Rudi Dutschke. Er überlebte knapp und starb elf Jahre später an einem epileptischen Anfall, einer Spätfolge. Wie erlebten Sie die Zeit danach?

Erst ging es darum, dass Rudi überhaupt überlebt. Als dann klar war, dass er überleben würde, wurde uns allmählich bewusst, dass viel von seinem Gehirn zerstört worden war. Wir haben dann angefangen zu üben, denn er musste alles von Neuem lernen. Sein Freund Thomas Ehleiter hat seine Arbeit aufgegeben und ein Jahr mit uns zusammengelebt, damit er jeden Tag mit Rudi üben konnte. Danach hatte Rudi wegen der Verletzungen trotzdem noch viele Probleme. Damit mussten wir irgendwie zurechtkommen. Es war nicht immer einfach.

 

Die Bild-Zeitung wurde zum Teil mitverantwortlich gemacht für das Attentat – wie sehen Sie den Einfluss der Springerpresse?

Ich glaube schon, dass sie einen großen Einfluss hatte. Es gab ständig Hetze gegen die Studenten, speziell gegen Rudi, das fing schon 66 oder 67 an. Unheimlich viele Menschen haben das gelesen und waren beeinflusst davon.

 

Die APO zersplitterte schließlich in verschiedene Gruppen, unter anderem die RAF. Auf der Beerdigung des RAF-Terroristen Holger Meins rief Ihr Mann damals »Holger, der Kampf geht weiter!«, was einen großen Skandal auslöste. Wie stand Dutschke damals zu den militanten Aktionen der RAF?

Sie haben die Grundideen der antiautoritären Bewegung aufgegeben. Rudi traf sich schon mit Ulrike Meinhof und Horst Mahler, bevor die beiden in den Untergrund gingen, und warnte sie: Macht das nicht, das ist eine totale Dummheit! Die haben ihm einfach nicht zugehört. Er hatte verstanden, dass das die Bewegung zerstören würde. Mit dem Ausruf »Holger, der Kampf geht weiter!« hat er nicht den Terrorismus der RAF gemeint – sondern er meinte den Kampf, der in den 68ern mit der antiautoritären Rebellion angefangen hatte. Rudi kannte Holger Meins von früher und war sehr traurig darüber, dass er diesen Weg eingeschlagen hatte. Und dann natürlich darüber, dass er gestorben war. Das war also sehr emotional. Er hat später in einem Leserbrief an den Spiegel versucht, das zu erklären – aber da denkt natürlich niemand dran.

 

Wie sehen Sie den heutigen Straßenaktivismus wie den rund um die Rigaer Straße?

Ich wohne ganz in der Nähe. Meine Enkeltochter ist acht und muss da vorbei gehen, um zu ihrem Klavierunterricht zu kommen. Und sie hat wahnsinnig Angst. Die Leute sind nicht freundlich, sie greifen einen an, machen einer Achtjährigen Angst – also das finde ich falsch. Wie soll man eine Gesellschaft ändern, wenn man einer Achtjährigen Angst einflößt? Das ist absurd!

 

Einige der früheren Kommunarden und Freunde Rudi Dutschkes, zum Beispiel Bernd Rabehl, sympathisieren heute mit rechtsextremem Gedankengut. Wie kommt es, dass so viele der Aktivisten von 68 ins rechte Lager gewechselt haben? Was hat die antiautoritäre Revolte ins Autoritäre kippen lassen?

So viele waren das nicht. Rabehl ist nur eine Person – der steht nicht für Millionen von Menschen, die ganz anders sind. Es gibt aber einen Unterschied zwischen dem, was mit Bernd Rabehl passiert ist und dem, was in den 70er Jahren geschehen ist. Warum diese K-Gruppen entstanden sind, ist mir etwas rätselhaft. Ich denke, es hat vielleicht etwas mit der Geschichte zu tun. Diese Leute waren immerhin in der Nazizeit geboren, ihre Eltern waren zumeist mit der Nazigeschichte einverstanden. Es war sehr schwer, sich damit auseinanderzusetzen. Auch zu erkennen, das man eine erfolgreiche antiautoritäre Bewegung nicht mit einer autoritären ersetzen kann.

 

Die Aufstehen-Kampagne präsentierte sich in diesem Jahr als »linke Sammelbewegung«. Wie stehen sie zu dem Projekt von Sahra Wagenknecht?

Ich bin der Meinung, dass eine Bewegung von unten entstehen muss, und die Menschen, die selbst betroffen sind, sich organisieren müssen und protestieren sollen. Was Sahra Wagenknecht macht, geschieht von oben. So finde ich, hat es elitäre und autoritäre Elemente.

 

Wie sehen Sie die heutigen Positionen von Wagenknecht, die meint, ein flüchtender Mensch könne sein »Gastrecht verwirken«?

Solche Statements von sich zu geben ist ein Versuch, Menschen die an den AfD verloren gegangen sind zurückzugewinnen. Das wird nicht gelingen. Es gibt natürlich einige Flüchtlinge, die Kriminelle sind. Das ist aber eine sehr kleine Minderheit. Immerhin ist es ein Problem, dass viele von den Flüchtlingen junge Männer sind, die kaum Bildung genossen und viele Kriegserfahrungen gemacht haben. Ich denke, Deutschland könnte das Problem lösen, Kriminelle wie solche zu behandeln – aber den anderen eine Chance zu geben. Ich denke Deutschland hat viel demokratisches Potenzial, auch solche Probleme zu lösen. Wer nur mit Hetze reagiert zerstört letztenendes die Demokratie.

 

Was kann man tun gegen die erstarkende Rechte in der heutigen Zeit?

Man muss sich auf jeden Fall organisieren und Netzwerke schaffen. Wenn es Menschen gibt, die sich rechten Bewegungen wie PEGIDA anschließen, im Prinzip aber keine Rassisten sind sondern sich nur abgehängt fühlen, dann muss man versuchen, mit denen zu reden. Man kann einige vielleicht überzeugen, dass Hetze gegen Ausländer ihre Probleme nicht lösen wird. Wie man die Probleme angehen kann, dass es zum Beispiel Nazis in der Polizei oder der Armee gibt, bin ich mir nicht ganz sicher. Auf jeden Fall muss man Druck auf die Regierung machen, dass sie das nicht einfach wegreden. Andererseits finde ich es auch nicht richtig, dass die Presse die rechten Hetzer immer hervorhebt. Dadurch bekommen sie zu viel Aufmerksamkeit.

 

Haben Sie noch einen Tipp für den studentischen Aktivismus von heute?

Also, organisieren! Eine richtige demokratische Initiative von unten. Vielleicht gibt es das schon – aber wenn es das noch nicht gibt, sollte man anfangen, sie zu bilden!  All die verschiedenen bestehenden Protestorganisationen sollten sich in einer erkennbar anti-neoliberalen, antikapitalistischen Bewegung vernetzen.

 

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