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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Wenn in Berlin die Leute zum Feiern oder Demonstrieren um die Häuser ziehen, dann meist am Kotti oder Brandenburger Tor. Dabei gibt es eine Straße, die einst extra zum Demonstrieren gebaut wurde: Die Karl-Marx-Allee. Welche Geschichte sich hinter der »ersten sozialistischen Straße« Deutschlands verbirgt, lest ihr im zweiten Teil unserer großen Marx-Woche.

Pünktlich zum 70. Geburtstag Stalins machte die DDR dem sowjetischen Diktator ein Geschenk, das von Herzen kam: Man benannte eine Straße nach ihm. Am 21. Dezember 1949 wurde die vom zweiten Weltkrieg völlig zerstörte Frankfurter Allee umgetauft in Stalinallee.

Wenn’s dir nichts gefällt, mach neu

Hinter der Umbenennung stand mehr als der stalinistische Personenkult. Die DDR-Führung plante einen kompletten Wiederaufbau der Straße, in der man den Sozialismus nicht nur sehen, sondern leben sollte. Bis Mitte der 50er Jahre entstanden 3220 Wohnungen inklusive Aufzug, Parkettfußböden, Küche mit Einbaumöbeln und Dachterrasse. Top ausgestattet selbst für heutige Verhältnisse also – und das Ganze für 90 Pfennig Miete pro Quadratmeter. Am 21. Dezember 1952, zum 73. Geburtstags Stalins, durften die ersten Mieterinnen und Mieter einziehen.

Als einziger Haken an der Sache (oder großer Bonus, je nach Einstellung) wurde dafür von den Bewohnerinnen und Bewohnern erwartet, sich linientreu in den hauseigenen Parteigruppen zu engagieren, regelmäßig an politischen Veranstaltungen teilzunehmen und fleißig zu demonstrieren. Eigens dafür wurde die Straße 90 Meter breit gebaut und erhielt sogar ein eigenes Stalindenkmal. Die 16 Meter hohe Statue sollte als zentraler Schauplatz für politische Veranstaltungen dienen und den Wind des Sozialismus direkt aus der Sowjetunion in die DDR wehen.

Demonstrieren, aber bitte nur dafür

Pflichtbewusst nahmen die Ostberlinerinnen und -berliner ihr Demonstrationsrecht wahr und begannen am 17. Juni 1953 einen Aufstand, der sich auf die gesamte DDR ausbreiten sollte. Einige Tage lang streikte und demonstrierte man gegen schlechte Arbeitsbedingungen und den zu rasanten Ausbau des Sozialismus.

Quelle: Bundesarchiv, B 285 Bild-L00-00282

Die als ersten antistalinistischen Proteste in die Geschichte eingehenden Auseinandersetzungen endeten mit dem blutigen Niederschlag durch die Sowjetunion. Fünfunddreißig der Demonstrierenden starben. Das Motto der Straße blieb es seitens der SED dennoch, dem »menschlichen Anspruch auf Arbeit, Wohnung, Kultur und Erholung« gerecht zu werden. Dafür gab es dann zum Beispiel eine tolle Sporthalle – die wenige Jahre später wegen mangelhafter Baumaterialien geschlossen und abgerissen wurde.

Weg mit Stalin und her mit Marx

Dass Stalin unter Umständen nicht der optimale Namensgeber für ein lebensbejahendes Straßenprojekt gewesen sein könnte, darauf kam die DDR-Führung drei Jahre nach dessen Tod, als 1956 die ‚stalinistischen Säuberungen‘ ans Licht kamen, denen auch Kommunisten zum Opfer gefallen waren. Bis man sich in der DDR entschieden hatte, wie man auf die grausamen Enthüllungen reagieren sollte, dauerte es nichtsdestotrotz noch einige Jahre.

Beim Prozess der Entstalinisierung verfolgte die SED die gleiche Taktik wie bei der vermeintlichen Entnazifizierung der DDR: Man verbannte alle öffentlichen Hinweise auf die diktatorische Vergangenheit und tat danach so, als seien es eh nur die anderen gewesen. In diesem Zuge wurde das Stalindenkmal abgerissen und »seine« Straße umbenannt: Am 13. November 1961, im gleichen Jahr des Mauerbaus, wurde die Stalinallee zur Karl-Marx-Allee.

Geschichte im Namen

Mit Marx setzte die DDR auf Nummer sicher: Nicht nur hauseigen, sprich Deutscher war er, sondern auch neben Engels der theoretische Begründer des sozialistischen Systems. Auf einen der Schöpfer der »Blauen Bände« (MEW), die in keinen Bücherschrank fehlten, konnte man sich gut einigen. Da Marx 1961 zudem bereits 78 Jahre tot war, steigerte sich die Wahrscheinlichkeit, dass er zukünftig nicht mehr öffentlich in Ungnade fallen und den sozialistischen Straßenstolz der DDR beschmutzen würde.

Nach dem Fall der Mauer wurde heftig diskutiert, ob man die Karl-Marx-Allee erneut umbenennen solle – zum Beispiel nach dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Der Berliner Senat entschied sich letztendlich dagegen. Vielleicht, weil Marx weniger Vornamen hatte. Vielleicht aber auch, weil kaum eine Straße Ostberlins soviel DDR-Geschichte bereits im Namen trägt wie die Karl-Marx-Allee.

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