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Das ewige Leben dürfte im eigenen Körper nicht möglich sein. Ein russisches Team um Dmitri Itzkow will unser Bewußtsein outsourcen: Mithilfe von einem Avatar.

Das Leben nach dem Tod ist so eine Sache. Während die einen dem puren Nihilismus frönen und zeitlebens ordentlich auf die Kacke hauen, gibt es diverse religiöse Sichtweisen auf das, was nach dem Tod kommen könnte.

Es ist ja auch verständlich: Wer den größten Teil seines Lebens – 40 Stunden die Woche, 40 Jahre lang – in einer Fabrik Autoteile lackiert, gehaltlose Marketingtexte schreibt oder fette Körper umher wuchtet, freut sich darauf, zumindest im Jenseits die Füße hochlegen zu können. Mittlerweile bröckeln aber die religiösen Strukturen, die über Jahrhunderte die Gesellschaft durchzogen haben. In modernen Großstädten hat der Atheismus den Weltreligionen längst den Rang abgelaufen. Viele Pfarrer haben sich mehr als gut um ihre Messdiener gekümmert. Paradox, dass sich der Papst trotzdem genötigt sieht, ein Rockalbum herauszubringen, um junge Menschen mit der Botschaft Gottes zu erreichen. Womöglich leidet das Image der katholischen Kirche, einst unbefleckt wie der Jungfrau Marias Cocktailkleid, doch.

Avatar in echt

Während die Wirkungskraft des religiösen Opiums also verblasst, sind ein paar gerissene Menschen auf die Idee gekommen, die Frage nach dem Tod einfach aufzuschieben. Denn wieso über einem solchem Problem brüten bis man tot ist, wenn auch ein paar Life Hacks den Zerfall des Körpers egalisieren und das ewige Leben schlüpfen lassen können? Hell yeah – Science: 1, Death: 0! Mit der Theorie, dass unser Geist sich nur in einer Hülle bewegt, lässt sich als Forscher nämlich sehr gut arbeiten.

Und so hat der russische Unternehmer Dmitri Itzkow eine Forschungsgruppe gebildet und beschäftigt circa 30 Wissenschaftlerinnen. Das Ziel dieser Menschen ist es, bis 2045 einen Avatar zu designen, in den ein Mensch sein Bewusstsein laden kann. Dadurch soll es möglich sein, in einer Art Cyborg-Hülle umherzustiefeln. Klingt fast so, als hätte Itzkow als Kind zu viel in den SciFi-Büchern seines Vaters geblättert. Wer James Camerons Avatar kennt, sich die cineastische Zumutung namens Surrogates angeschaut hat oder weiß, dass auch​ in der Matrix-Trilogie Körper und Geist trennbare Einheiten darstellen, kommen die Fantasien von Itzkow nicht unbekannt vor.

Doch scheitert es im Jahr 2015 weiterhin daran, das Gehirn korrekt zu modellieren oder eine digitale Abbildung zu schaffen. Schon in den 1950er Jahren, nach ersten Durchbrüchen bei der Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz, schien die Zukunft für einige Wissenschaftlerinnen zum Greifen nah. Viel getan hat sich seitdem aber noch nicht. Systeme wurden zwar effizienter und die Flut an Daten größer, von einem digitalen Gehirn ist das alles aber noch meilenweit entfernt. Verschiedene Teams versuchen sich also weiterhin an der Gehirnforschung. Es geht um gewaltige Forschungsgelder, die in die Milliarden gehen.

Hat ein Avatar eine Seele?

Interesse an diesen gibt es besonders im militärischen Sektor. Schon im zweiten Weltkrieg waren es die riesigen Walzen der Turingmaschine und Benedict Cumberbatch, die dafür sorgten, dass die Enigma-Codes der Nazis geknackt werden konnten. Auch heute wäre ein digitales Gehirn im Krieg ein riesiger Vorteil. Ein Computer, smarter als ein Mensch, ist gar nicht mehr so weit weg von Skynet und seinem Terminator. Durch Hackerinnenangriffe auf Atomkraftwerke oder die Lahmlegung von Finanzmärkten können riesige Schäden entstehen. Nicht umsonst haben einige Staaten bereits Hackerinnenabteilungen im Einsatz.

Zurück zu Itzkow und seinen Avataren. Im aktiven Militäreinsatz klingt so ein Avatar eher nach einer riesigen Partie Counter-Strike 1.6 in höchster Grafikauflösung. Itzkow hat aber eher zivilere Anwendungen im Sinn. Er möchte komplette Bereiche des Lebens umkrempeln. Wieso 18 Stunden in der Holzklasse zwischen zwei adipösen Kerlen eingeklemmt sein, die nach Knoblauchsoße und Zwiebeln riechen, wenn man sich auch einfach einen Avatar in Neuseeland oder Mexiko mieten kann? Zack. Schon ist der Geist via Glasfaserkabel auf die andere Seite der Erde übertragen und die Entdeckungstour im Bandenkrieg kann losgehen. Wenn was passiert, zahlt die Haftpflicht, Backpacking 2.0 sozusagen.

Teilzeit-Avatare sollen vor allem für Geschäftsleute praktisch sein, die ansonsten den ganzen Tag um den Globus touren und ihr halbes Leben im Flieger verbringen. Mittelfristig sollen die Teile dann so erschwinglich werden, dass sich jede eine neue Hülle leisten kann und nicht mal mehr ihre vier Wände verlassen muss. Doch das Problem, das seit Ewigkeiten in Star-Trek-Foren weltweit diskutiert wird, bleibt bestehen: Diese Szenarien klingen eher nach einer Kopie des Bewusstseins, das in eine neue Hülle überführt wird. Dabei wird also nicht das übertragen, was wir als Mensch verstehen, sondern eine möglichst genaue Kopie von uns.

Es wird noch einige Jahre dauern, bis die Grundlagen geschaffen sind, um Itzkows Fantasien Wirklichkeit werden zu lassen, mindestens ein bis zwei Avatar-Hollywood-Sequels und vielleicht auch noch eine Vorgeschichte über das Leben auf Pandora.

Patrick Reuter

Grafik: Philipp Ledényi