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Kaum ein Hashtag hat jemals das geschafft, was #MeToo auslöste – eine globale Debatte über Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt gegen Frauen. Manch einer sieht darin jedoch allen voran eine Bedrohung gegenüber dem Mann, Opfer von Generalisierungen zu werden. Ein Kommentar.

»Schäm dich, Mann!« So prangert es heute als Aufmacher auf der ZEIT. »Männer darf man neuerdings nach Herzenslust niedermachen. Alles, was sie tun, ist falsch – als seien sie von Geburt an schuldig.«, heißt es darunter.  Der Autor, Jens Jessen, kritisiert in seinem »Wutausbruch« die vermeintlichen Entwicklungen der #MeToo-Debatte. Männer würden unter Generalverdacht gestellt und selbst der leiseste Vorwurf eines »unsittlichen Betragens« führe dazu, dass Männer ihren Job und ihren Ruf verlieren.

Hartes Schicksal, unter dem allein in Deutschland ca. 40 Millionen Menschen leiden: Mann sein.

Es war unter anderem ein Artikel im ZEIT Magazin, der die #MeToo-Debatte in Deutschland befeuerte. Am 03. Januar 2018 berichteten mehrere Frauen von massiven sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen durch den Star-Regisseur Dieter Wedel. Im Zuge der Berichterstattungen kamen immer mehr Details ans Licht – nicht nur von den Übergriffen an sich, sondern insbesondere von dem System von Vertuschung und Tolerierung des Verhalten Wedels. Der Skandal diente vielen als Beweis dafür, was Männer Frauen jahrzehntelang antun können, ohne dafür mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Gestern wurde außerdem bekannt, dass ein WDR-Korrespondent einer Praktikantin Pornofilme zeigte und einer anderen Kollegin unerwünscht E-Mails sexuellen Inhalts schickte. Bis auf ein Gespräch und einen Vermerk hatte weder das eine noch das andere Auswirkungen auf seine Karriere.

Männer als Opfer des totalitären Feminismus

Jessen sieht das anders. Für ihn habe die #MeToo-Debatte nicht zu mehr Gleichberechtigung geführt, sondern zu einem Generalverdacht gegen Männer. Sie alle seien »potenzielle Vergewaltiger« in den Augen der radikalen Feministinnen. Für Männer führe dies zu einem Klima der Angst: »Heute ist alles, was Männer tun, sagen, fühlen oder denken, falsch – weil sie dem falschen Geschlecht angehören.«

Es ist das eine festzustellen, dass man als Mann in der #MeToo-Debatte in einer unangenehmen Ausgangssituation ist. Unsicherheit zu bekunden oder Angst, etwas Falsches zu sagen – dafür würde aber niemand verurteilt werden. Doch statt Vorschläge zu machen, wie man(n) sich selbstbewusster in die Diskussion einbringen kann, wird mit Anschuldigungen um sich geworfen. Von einem »Hexenlabyrinth« schreibt Jessen, das alles, was Männer zu der Debatte beitragen wollen, in einer Sackgasse enden ließe. Vom System her erinnere das an die »bolschewistischen Schauprozesse«, nur sei die Klassen- durch die Geschlechterzugehörigkeit abgelöst worden. Die Schuld der Angeklagten stehe von vornherein fest.

Frauen, wehrt euch – nicht!

»Aber worauf wollen die Aktivistinnen der #MeToo-Debatte mit ihrem neuen feministischen Volkssturm hinaus, diesem Zusammentreiben und Einsperren aller Männer ins Lager der moralischen Minderwertigkeiten?«, fragt Jessen. Daraufhin höhnt er über die Journalistin Judith Liere, die im Stern darüber berichtet hatte, »immer den Daumen über die Flaschenöffnung“ zu halten, damit ihr keiner K.-o.-Tropfen ins Bier schüttet: »Spontan möchte man sie fragen: In welchen Bars verkehren sie bloß? Kennen Sie die Männer dort?“ Das gleiche Muster, wie beim Victim blaiming nach einer Vergewaltigung . Warum musste sie auch das kurze Kleid anziehen?

Für Jessen ist das Verhalten der Kollegin Liere kein Beweis, wie allgegenwärtig die Angst unter Frauen ist, Opfer von Vergewaltigung oder sexuellem Missbrauch zu werden. Stattdessen sieht er darin einen generellen Vorwurf gegenüber Männern, dass jeder von ihnen zum Täter werden könnte.

Nicht alle, aber einige

Dabei hat die #MeToo-Debatte gezeigt, wie berechtigt solche Befürchtungen sind. Jede Frau kennt eine andere, der sowas schon passiert ist – oder sie selbst ist Opfer geworden. Dabei müssen nicht mal unbedingt K.-o.-Tropfen im Spiel sein. Sexuelle Übergriffe sind gerade im Nachtleben so selbstverständlich, dass sich viele noch nicht mal die Mühe machen, es heimlich zu tun. Wie der Typ, der meiner Schwester letztes Silvester vor den Augen seiner beiden Kumpels im Vorbeigehen an den Hintern griff.

Dass das passiert ist, heißt nicht, dass alle Typen an jenem Abend potenzielle Grabscher waren. Aber: Mindestens einer war dabei und zwei weitere tolerierten sein Verhalten. Jessen selbst zitierte die Publizistin Anne Wizorek, die sagt: »Es sind nicht alle Männer, aber: Es sind Männer«.

Der #MeToo soll Frauen wie meiner Schwester Mut machen, sich wegen solcher Übergriffe nicht zu schämen oder sich selbst die Schuld zu geben. Doch ist es genau das, was Jessen macht. Statt sich zu fragen, welche Erfahrungen Frauen machen mussten, die als Vorsichtsmaßnahme ihr Bier schützen, fragt er sie, wo sie sich denn rumtreiben. Im gleichen Atemzug wirft er ihnen dann vor, mit solch einem Verhalten Männer unter Generalverdacht zu stellen.

Hass, Mann, du Nichts, ich Frau

Darüber hinaus übersieht Jessen, dass die #MeToo-Debatte nicht durch die Auslassungen männerhassender Feministinnen geführt wird, sondern über die ganz alltäglichen Erfahrungen von Frauen berichtet, die Opfer von (sexuellem) Machtmissbrauch geworden sind. Sich ihnen jetzt entgegenzustellen und Männer als das eigentliche Opfer auszumachen, ist blanker Hohn. Genau wie sein Versuch, einen vermeintlichen »Männerhass« mit der tatsächlich in Deutschland grassierenden Fremden- und Islamfeindlichkeit gleichzusetzen. Die AfD ist drittstärkste Kraft im Bundestag und wöchentlich ziehen wütende Demonstrierende durch deutsche Straßen, die sämtliche Muslime als Endgegner des christlichen Abendlandes herabwürdigen. Beispiele von Veranstaltungen, auf denen Männer generalisiert als Vergewaltiger dargestellt werden, fallen mir persönlich hingegen keine ein.

Verdrehtes Verhältnis

Im Grunde zeigt sich in Jessens Artikel vor allem, dass er nicht verstanden hat, was der Unterschied zwischen Widerspruch und Hass ist. In Antwort auf seinen »Wutausbruch« wird er mit Sicherheit viel Kritik einstecken müssen. Das, was einem als Frau passiert, die insbesondere im Netz ihre Meinung äußert, bleibt ihm allerdings verschont: Noch nie beispielsweise habe ich als Frau den Kommentarbereich einer Netzdiskussion verlassen können, ohne dass ich sexistisch beleidigt und mit Vergewaltigungsandrohungen beworfen wurde. Jetzt könnte man kurz innehalten und meinen: Was hat Jessen damit zu tun? Ist das nicht genau das, was er kritisiert – dass die Taten anderer Männer mit ihm als Mann generell in Verbindung gebracht werden?

Ein Beispiel an Nachrichten, die mich erreichen, wenn ich mich als Frau öffentlich äußere.

Einerseits: Ja! Das ist genau das, was Jessen kritisiert. Andererseits: Nein. Denn der Vorwurf zur sexistischen Debattenkultur richtet sich nicht gegen ihn. Das, was hier kritisiert wird, ist nicht seine Beteiligung daran, sondern die Ignoranz, mit der er solche Mechanismen übersieht. Und der Grund, warum vielen Männern eine fehlende Beteiligung an der Sexismusdebatte vorgeworfen wird, ist nicht, weil ihre Schuldigkeit schon von vornerein festgestellt wurde – sondern weil sich die Probleme nur durch Zusammenarbeit beider Geschlechter lösen lassen. Das haben die Frauen (und auch vielen Männer!) erkannt, die mehr männliche Stimmen in der Diskussion fordern.

Jessen unterstellt Frauen in dieser Debatte also genau das, was er selbst macht: das Verhalten des Gegenübers zu generalisieren und sich selbst als garantiertes Opfer auszumachen. Und wirkt dadurch, um es in den Worten meines Mittbewohners auszudrücken, »irgendwie ganz schön butthurt«.

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