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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

200. Geburtstag. Pah, den hat Jenny Marx schon eine Weile hinter sich. Was ihr über sie und  ihren bärtigen Husband sonst noch wissen solltet, lest ihr jetzt und hier. Unser Einstiegstext zur großen Marx-Woche porträtiert die Frau, die ihre Klasse verraten hat, für ein Leben an an der Seite des süßen Hipsters Karl.

Wenn ein -ismus deinen Namen trägt, ist sicherlich einiges passiert in deinem Leben. Meist geht es dabei jedoch nicht um deinen Familientrubel. Dabei ist der natürlich vorprogrammiert, wenn politisch- philosophische Arbeit deinen Alltag bestimmt und du und deine Frau trotzdem ein Kind nach dem anderen in die Welt setzt.

Die rote Jenny

Jenny Marx, »die rote Jenny«, adlig und »schönstes Mädchen von Trier« war diejenige welche. Die Frau, die dem schärfsten Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft die Treue hielt. Die in den Frauenmagazinen dieser Welt als Anhängsel oder »Frau im Schatten von….« gelten und deren Background aufs Gründlichste nach Gossip durchsucht werden würde. Und da wäre tatsächlich Einiges zu finden.

1814 in die Familie Westphalen geboren, die nach dem siebenjährigen Krieg zu gesellschaftlicher Prominenz aufsteigt, lernt sie ihren späteren Mann schon als Kind kennen.

Die Storyline dieser Liebe ist allerdings nicht so einfach nachzuzeichnen. War Jenny doch schon einem vielversprechenden Leutnant versprochen, doch die belesene und umschwärmte Ballkönigin von Trier konnte mit dem Typen, der nur in Kategorien von Disziplin und Ordnung denken konnte auf Dauer nichts anfangen. Sie wollte einen kritischen Denker. Nach einer beschwerlichen Suche (damals gab es noch keine ZurQuelle-Autoren) sollte sie ihn finden.

Verbotene Liebe: Jenny und Karl

Erst gingen allerdings weitere fünf Jahre ins Land, bevor die jugendliche Freundschaft von Karl und Jenny zu Liebe wurde . Eine Liebe, die wiederum gegen damaligen Anstand verstieß: protestantischer Adel liiert mit jüdischem Bürgertum? Eine Kombination, die Karl, der ja nicht weniger als die Diktatur des Proletariats forderte, dann und wann in Verlegenheit brachte.

Jenny blieb trotzdem bei dem armen Studenten. Dem war das Grübeln über seinen politischen Texten allerdings wichtiger als jede Form von Existenzgründung und so musste Jenny insgesamt sieben Jahre warten bis  sie den vier Jahre jüngeren und politisch unliebsamen Karl heiraten konnte. Mit dieser Ehe entschied sie sich für ein Leben, das bestimmt war von Exil, Erniedrigungen und permanenter Armut. Wegen dieser prekären Lebensbedingungen im Jammertal des Marxschen Alltagslebens starben vier ihrer sieben Kinder.

Leben, Leiden und Weltrevolution

Während der »lendenstarke Familienvater« über seinen Schriften brütete, die sie ihm als gute Frau, Sekretärin und Seelsorgerin  korrigierte und ordentlich abschrieb, rannte sie durch Pariser Straßen von Pfandhaus zu Münzamt und versuchte, die Familie zu ernähren und den Schein eines guten bürgerlichen Haushalts zu wahren.

Zudem  half sie Karl bei der Verbesserung seiner Fremdsprachenkenntnisse, diskutierte mit ihm über Feuerstein und Hegel und  schrieb selbst Texte über die Revolution in Deutschland und Theaterkritiken.

Dass sie trotz ihrer emanzipiert-couragierten Art mit den patriarchalen Strukturen ihrer Zeit zu kämpfen hatte, ließ sie zusehens resignieren:

»Uns Frauen fällt in allen diesen Kämpfen der schwerere, weil kleinlichere Teil zu. Der Mann, er kräftigt sich im Kampf mit der Außenwelt, erstarkt im Angesicht der Feinde, und sei ihre Zahl Legion, wir sitzen daheim und stopfen Strümpfe. Das bannt die Sorge nicht, und die tägliche kleine Not nagt langsam aber sicher den Lebensunterhalt hinweg…«

Doch war es nicht nur die bürgerliche Misere und die Geschlechtergrenzen, an denen Jenny verzweifelte. Ein uneheliches Kind tauchte auf wie nach guter »Bunte«-Manier gezeugt mit der Haushälterin. Engels, die treue Seele,  stand nicht nur regelmäßig mit Finanzspritzen parat, sondern wurde auch noch als Vater für das Kind eingesetzt.

Weiter spekulierte man, dass eine andere Geliebte Marx´ bei einer verpfuschten Abtreibung  starb und Jenny wegen der psychischen Belastung immer häufiger erkrankte. Erst Pocken, die sie entstellten, dann der Krebs, an dem sie 67-jährig starb.

Mehr als eine Randfigur

Jenny war die Geburtshelferin ohne die viele Werke ihres Mannes wohl nie das Licht der Welt erblickt hätten. Unter anderen Bedingungen, wäre ihre eigenständige Rolle in der sozialistischen Bewegung sicher größer gewesen. So verdammte sie die Geschichte zur Randfigur und zur »Frau von«. Sie hätte mehr verdient.

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