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von und für Zaubernde

Uwe Boll: »Ich knalle euch weg, ihr Wichser!«

Vor einiger Zeit hat sich Uwe Boll einen unrühmlichen Namen gemacht, indem er Computerspiele für die Kinoleinwand adaptierte. Trotz großer Fanbase waren die Rechte an den Titeln billig zu haben. Weder Publikum noch Kritiker konnten mit den Filmen etwas anfangen. Als schließlich auch Hollywood erkannte, dass mit solchen Filmen Geld verdient werden kann, musste Boll umsatteln. Er begann, politischere Filme zu drehen: Politischere Filme voll exzessiver Gewaltdarstellung. Nachdem die Finanzierung der Filme immer schwieriger wurde, hat er nun angekündigt, nach seinem nächsten mit dem Filmemachen aufzuhören. 

Uwe Boll lebt in Kanada und führt in Vancouver ein erfolgreiches Restaurant. Das Interview führen wir per Skype. Er sitzt dabei auf seinem Hometrainer. Manchmal kommt auch seine Frau ins Bild und bespricht mit Boll den Tagesablauf: Dann fühlen wir uns kurz als Teil des Lebens dieses berühmt-berüchtigten Regisseurs, der häufig – völlig unberechtigt – »schlechtester Regisseur der Welt« genannt wird.

 

zQ: Ist das mit Ihnen und Ihrem Restaurant so wie bei Rocky 6, wo die Leute vor allem in Rockys Restaurant kommen, um den Champ zu treffen?

Uwe Boll: Naja, ich bin nicht so populär wie Rocky, aber so ungefähr ist es natürlich.

Wie weh würde es Ihnen tun, wenn Sie jetzt ihre Ankündigung wahrmachen und das Filmedrehen an den Nagel hängen müssten?

Ich habe zwischen Rampage 2 und Rampage 3 zwei Jahre lang nichts gedreht und natürlich vermisse ich das Filmemachen. Ich bin aber sehr froh, dass ich Rampage 3 noch durchgezogen habe, auch wenn es finanziell keinen Sinn machte. Aber die Filmbranche ist halt, wenn es um Indie-Filme geht, absolut in der Toilette: Der Videomarkt ist weg, nur wenige Filme werden von den Mini-majors gekauft und Streamingportale zahlen nicht genug. Ich hoffe, dass sich das Preisgefüge in vier, fünf Jahren normalisiert haben wird.

Wie lange haben Sie für die Kämpfe gegen Ihre Kritiker trainiert?

Ich habe während der Drehs zu Seed und Postal trainiert und hatte am Set immer Handschuhe und Mundschutz dabei. Während der Lunchbreaks habe ich mit meinem Stunt Coordinator Sparring gemacht. Der ist Thaiboxer, ein tougher Typ und da ging es auch oft härter zur Sache. Deswegen war ich gut vorbereitet. Leider waren meine Gegner dann allesamt Gurken und ich konnte nicht wirklich glänzen.

Welchen politischen Anspruch stellen Sie an Ihre Filme?

Die Videospielverfilmungen waren einfach nur Unterhaltung. Aber die Filme der letzten Jahre – Darfur, Assault on Wall Street, Rampage – sind zwar alle auch Genre-Filme, aber dabei trotzdem politisch. Bei Darfur wollte ich etwa zeigen, dass hunderttausende Menschen massakriert worden sind und wir nichts gemacht haben. Man kann mit Filmen akut zwar nichts verändern, aber Denkanstöße geben und ein Gewissen entwickeln, sodass Leute in 20 Jahren sagen: Wir wussten es alles und wir haben es passieren lassen. Ich bin eben kein Steven Spielberg, der am Ende einen blauen Himmel zeigt.

Was macht einen guten Film für Sie aus?

Er muss unterhalten. Das ist das Allerwichtigste. Es bringt ja nichts, einen großen Anspruch zu verwirklichen, wenn niemand dann den Film gucken will. Ich habe überhaupt nichts gegen Filme, die einfach nur Genre sind, keine Botschaft haben, dafür aber gut unterhalten. Dafür sind Filme gemacht worden.

Sie haben mit Til Schweiger einen Film gedreht. Wie ist es, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der ein ähnlich großes Ego hat wie man selbst?

Schweiger hat sich sehr kooperativ verhalten, er ist ja auch Filmemacher. Außerdem hat er für den Film in Deutschland Werbung gemacht. Christian Slater oder Jason Statham haben das für Alone in the Dark und Schwerter des Königs nicht gemacht, sondern sich nach dem Dreh wie Arschlöcher verhalten. Auch persönlich hatte ich nie Probleme mit Schweiger. Ich sehe natürlich, was er in Deutschland so macht. Ob das immer so clever ist und ob er das alles intellektuell durchschaut, da kann man mal ein Fragezeichen ranmachen. Aber wenigstens ist er kein Arschloch.

Ihre neueren Filme werden nicht mehr so negativ aufgenommen. Was machen Sie anders?

Wenn man so viele Filme gemacht hat wie ich, wird man auch automatisch besser. Man entwickelt eine gewisse Routine – ich sehe blind, wie lange ich für irgendwas brauche. Wenn die Crew Lampen rumträgt, dann weiß ich: Aha, 17 Minuten noch. Außerdem fühlen sich die Schauspieler oft sehr wohl bei uns, weil wir häufig ohne Drehbuch arbeiten. Ich will, dass sich die Leute mit ihrer Rolle identifizieren. Manchmal klappt das sehr gut: Brendan Fletcher ist da super. Aber manchmal ist jemand eben auch scheiße. In Rampage 3 war einer der beiden FBI-Agenten beispielsweise zu statisch, zu fixiert: Der hat sich selbst ein Drehbuch geschrieben, damit er was hatte, woran er sich festhalten konnte.

(Uwe Boll steigt von seinem Hometrainer und legt sich auf den Boden, wo er für den Rest des Interviews verweilt, halb ein Interview gibt und halb seine tägliche Dosis Rückentraining absolviert. Uwe Boll wirkt sehr fit.)

Was machen Sie dann? Ist es okay, wenn der dann einfach nur abliest?

Nein. Entweder verliert so jemand seine Sätze, indem sie auf andere ausgelagert werden oder ich rufe rein: »Was machst du als nächstes?« und er soll spontan antworten. So habe ich das auch bei Darfur gemacht. In einer Szene sind ein paar Journalisten unter Zivilisten in einem Raum und ein paar bewaffnete ISIS-ähnliche Typen kommen rein. Daraufhin hauen die Journalisten ab. Ich frage dann die Schauspieler: Wer von euch würde zurückgehen, um den Zivilisten zu helfen? Wenn keiner will, dann geht auch keiner und ich drehe eben ein Massaker ohne euch.

Wie wichtig war Ihr Studium für das, was Sie dann später gemacht haben?

Am Schluss war nur der Doktortitel wichtig, wegen dem wurde ich nämlich bei Taunusfilm angestellt. Das Germanistikstudium hat mir beim Filmemachen nur insofern geholfen, als dass ich viel gelesen habe. Dadurch hatte ich etwas mehr Ahnung von Storystructure und so. Und was in der Literatur funktioniert, das funktioniert in abgespeckter Version häufig auch im Film. Aber die Uni war definitiv besser als Schule, denn die habe ich gehasst. An der Uni konnte man wenigstens machen, was einen grob interessiert hat. Wobei – beim Examen musste ich deutsche Grammatik machen, das war katastrophal. Alles nur ins Kurzzeitgedächtnis und sofort wieder vergessen.

Das hat sich bis heute nicht geändert.

Ja, das ist Wahnsinn. Trotzdem lernt man an der Uni das Lernen. Man kriegt eine gewisse Disziplin rein. Auch lernt man, flexibler zu denken und Sachen zu hinterfragen. Wenn etwas für mich keinen Sinn macht, interessiert mich das auch nicht. So mache ich auch meine Filme: Ich hinterfrage die Dinge und wenn es für mich Sinn macht, dann stehe ich auch dahinter. Man muss eben immer beide Seiten der Medaille sehen, alle Fakten abwägen und dann eine Entscheidung treffen. Ob das gegen andere Leute geht, gegen Parteien, Religionen, Nationen oder gegen das Gesetz, steht auf einem anderen Blatt; wie bei Assault on Wall Street: Ist der Protagonist des Films berechtigt, Banker zu erschießen? Ich sage: Natürlich. Er verliert alles, seine Frau bringt sich um, als sie schwanger ist und nun sitzt er allein auf der Straße. Er schaut auf sein Leben, ist ein beschissener Penner, muss betteln und ist für immer verschuldet. Und die scheiß Banker sitzen auf ihrer Yacht. Also sagt er: »Euer Leben ändert sich jetzt auch. Ich knalle euch weg, ihr Wichser.« Da habe ich 100 Prozent Sympathie für ihn.

Nicht jeder kann (und sollte) ja einfach eine Knarre in die Hand nehmen, oder?

Natürlich, aber es ist auch einfach schwer, die alteingesessene Scheiße zu gefährden. Das Problem in Deutschland ist, dass es die totalen Idioten sind, die sich organisieren, wie etwa die AfD. Es gibt in Deutschland keine einzige Organisation von intelligenten Mittelschichtlern, die die Zukunft im Auge haben und sich mit den echten Themen beschäftigen wollen und nicht nur mit Sperenzchen. Die nicht sagen: »Scheißegal, wenn ich tot bin, dann habe ich es eh hinter mir.«

Also meinen Sie, liegt die Lösung schon noch im Parteiensystem?

Ja, ich sehe einfach keine andere Möglichkeit als die Demokratie. Auch wenn man häufiger mal das Volk befragen sollte. Bei der Syrienfrage würden aber sicherlich 70 Prozent sagen, dass niemand mehr reinkommen soll. Das wäre verkehrt. Merkel hat von Anfang an völlig falsch gehandelt: Die einzige Lösung für die Syrienflüchtlinge wäre gewesen, eine Sicherheitszone in Nordafrika einzurichten. Stattdessen werden zwei Millionen nach Deutschland gelassen und dann brennen pro Woche fünfzig Flüchtlingsunterkünfte. Wenn in Deutschland irgendwann sowas passieren würde wie in Paris, dann würden diese Heime allesamt niedergebrannt. Da sind die Deutschen noch mal anders drauf als die Franzosen.

Das Interview führte: Robert Hofmann