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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Miley Cyrus’ Image könnte dem von Helene Fischer nicht unähnlicher sein. Bei genauerer Betrachtung verschwimmen aber die Konturen und Vorurteile lösen sich auf.

Helene Fischers Welt blüht, wo man hinschaut: Die Schlagersängerin ist mittlerweile Haushaltsware in deutschen Hausständen, seit sie mit ihrer Familie von Sibirien nach Rheinland-Pfalz auswanderte. Alles, was sie anfasst, scheint sie nur noch berühmter zu machen.

Sicherlich, ihre Karriere lahmte anfangs, nachdem sie 2000 ihren Realschulabschluss machte. Ein paar Engagements hier, eine Rolle in der Rocky Horror Show da, und schon fand ihr Demoband 2004 seinen Weg in die Hände eines findigen Impresarios, der sie abrupt in die oberen Sphären des deutschen Schlagerhimmels katapultierte. Schlagerschmalz, olé!

Helene Fischers weiße Weste

Seitdem gibt es alle zwei Jahre mindestens ein neues Album. Und seit 2011 kaspert die Helene-Fischer-Show am ersten Weihnachtsfeiertag jedes Gefühl von Besinnlichkeit zu Tode und seit 2013 vergeht kein Monat, in dem man nicht wenigstens einmal einen Ohrwurm von Atemlos durch die Nacht hat.

Seit 2013 vergeht auch kein Monat, in dem die Schmutzpresse frei bleibt von einen Namen: Miley Cyrus. Atemlos durch die Schlagzeilen gehetzt, fällt einem auf, dass sich Mileys und Helenes Karrieren zeitlich recht parallel abspielen. Um 2004 herum ging es auch für Miley los, denn da beginnt sie ihre Karriere als Star der Kinderserie Hannah Montana, die ein internationaler Erfolg wird. Bekannt wurde Miley mit vom Country geprägter Musik – also quasi Schlager, nur in amerikanisch, und ohne Florian Silbereisen.

Das Bemerkenswerte an beiden Lebenswegen ist aber weniger diese zeitliche Synchronität, sondern vielmehr der krasse Unterschied in Sachen persönlicher Inszenierung. Helene Fischer hat bekanntermaßen eine weißere Weste als jeder andere Mensch, der je auf einer Bühne stand und ihr bisher brutalster Skandal war ein Kuss. Er galt Florian Silbereisen und der schien sich nicht so recht wohl dabei zu fühlen: Unfassbar! Ein Trauerfall der deutschen Tratschkultur!

Auch schlechte Presse ist gute Presse

Das findet hingegen Miley Cyrus. Allerdings ist es nicht so, als wäre jedwede Berichterstattung über Miley Cyrus hässlich und schlecht! Aber leider ist offensichtlich, dass Mileys übertriebene Selbstsexualisierung alles andere als erotisch ist, dafür umso skandalöser. Und das ist klug eingefädelt, denn wenn man zu jung ist, um verruchten Sexappeal zu haben, dann muss man eben um so lauter schreien, um gehört zu werden.

Und durch die Zerstörung des braven Alter Egos aus den Bergen ist Miley auf dem Weg zu lang anhaltendem Erfolg; egal wie ihre Musik auch klingen mag: In guter Erinnerung wird sie auf jeden Fall bleiben.

Die perlweiße Helene Fischer hingegen ist erst 2013 für Leute unter 50 interessant geworden, als sie es wie durch ein Wunder schaffte, ein hörenswertes Album zu produzieren. Die Schlagereinflüsse sind deutlich, aber nicht deutlich genug, um angewidertzurückzuschrecken. Es ist corny und cheesy genug, um ironisch gehört werden zu können – was den Anschluss an den modernen Hipster-Lifestyle erst möglich macht.

Wenn es aber noch traditioneller würde, hätte es sich bald erledigt mit Helenes three years of fame, so gefährlich nah wie die Lieder jetzt schon am Schmalz sind. Denn ansonsten gibt es nichts, was die neue Heilige der deutschen Schlagerwelt aktuell und relevant hält. Wenn es nicht bald eine ordentliche Schlagzeile gibt, ist es gut möglich, dass sich wieder alle außer ihrer Standardklientel von ihr und dem Genre abwenden.

Der deutsche Schlager ist sauber und rein

Koks im Musikantenstadl, Spatzenjudas und Scheinpartnerschaften einiger Volksmusikerpaare für die Medien: Vielleicht würde also eine arrangierte Partnerschaft mit Flori Helenes Karriere für immer in die Geschichte der Schlager eingehen lassen? Oder wie wäre es bei Helene mal mit einem positiven Drogentest oder einem Nacktkonzert?

Denn wirklich sauber ist doch in Wirklichkeit niemand, nicht einmal die Volksmusik! Gut, Image und Karriere dürften dann für Helene ruiniert sein, aber als legendäre Skandalnudel der Volksmusik bliebe sie länger in Erinnerung. Das zeigt ja zum Beispiel Roy Black, den kennt man noch heute. Aber was ist mit Christian Anders? Ulli Martin? Die kennt keine Sau mehr, zumindest nicht, wenn man nicht schon hundert Jahre alt ist.

Ob natürlich die Schmutz- und Sudelpresse immer bedient werden muss und ob es nicht eigentlich um die Musik geht, darüber lässt sich diskutieren. Aber es soll hier eine vorsichtige Prognose aufgestellt werden: Wer sich nichts von Miley abschaut, hat in der Medienlandschaft bald nichts mehr zu suchen. Die Frage ist nur: Zieht die Volksmusik irgendwann mit? Wir dürfen gespannt sein.

Fynn Dobler