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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Gerhard Danzer ist promovierter Arzt und Psychologe, Chefarzt an der Klinik für Psychosomatik in Neuruppin, leitet dort eine Praxis und lehrt an der Medizinischen Hochschule Brandenburg sowie an der Charité und der Uni Potsdam.

Kennen Sie Loona? 

Nein. Da muss ich eher zurückfragen: Wer ist das? Ist es eine zeitgenössische Künstlerin? An der Stelle bin ich noch in einer anderen Zeit verfangen, die womöglich schon längst vergangen ist. Das ist aber auch ein Teil dessen, was meine Identität ausmacht: Ich erlebe mich in manchen Bereichen meiner Person wie auch der Kultur so, dass ich aus einer anderen Zeit komme und in eine andere Zeit will.

In welche Zeit wollen Sie gern? 

Eine Zeit, die man auch als Utopie bezeichnen könnte. Eine Zeit oder eine Landschaft, eine Region, eine Epoche, wo es um Themen geht, die im Mittelpunkt stehen dürften. Themen wie Erziehung, Bildung, Selbst-, Menschen- und Weltkenntnis. Wenn diese im Mittelpunkt einer Sozietät, einer Kultur stünden, dann könnten viele zur Zeit sehr drängende Probleme deutlich minimiert werden.

Wer sind wir? 

Es gibt eine Formel, die ich in irgendeinem Buch mal verwandt habe, die lautet:
»Der Mensch ist Materie, die nach ihrer Bedeutung sucht.« Das würde ich, glaube ich, immer noch so ausdrücken.

Ihre allwöchentliche Montagsvorlesung heißt »Wer sind wir? Philosophische, psychologische und medizinische Anthropologie«. In Ihrem gleichnamigen Band sind unter den von Ihnen vorgestellten westlichen Autorinnen nur drei Frauen vertreten. Können weiße Männer der Frage am Besten auf den Grund gehen?

Die Schlagseite hin zum Männlichen hatte einen Grund: Meinem Empfinden nach ist der Beitrag der männlichen Ärzte, Psychologen, Philosophen in den letzten Jahrhunderten aus verständlichen, auch aus patriarchalisch geprägten, Kulturentwicklungen heraus größer als derjenige der Frauen. Das gilt allein von der Zahl her, allein von dem, was Männern zur Verfügung stand: sich kulturell zu betätigen, sich Wissen und eine gewisse Form von Souveränität in der Bewegung, in der Kultur zu erobern. Das war jahrhundertelang immer den Männern mehr vorbehalten als den Frauen.

Helfen Ihnen Ihre Erfahrungen als Humanmediziner dabei, das Wesen des Menschen zu ergründen, oder stiften sie eher (neue) Verwirrungen?

Ich bin heilfroh, dass ich Arzt geworden bin und dass ich immer noch ärztlich tätig bin, weil mich das auf eine bestimmte Art und Weise in die Wirklichkeit hineinzieht und gleichzeitig konfrontiert, mit der Wirklichkeit des Menschseins. Das ist der Mensch: oft ein sehr notleidendes, ein sehr hilfloses Wesen. Und dann in der Hilflosigkeit, gerade, wenn Krankheit eine dominante Rolle spielt, ist er noch mal ungemein würdevoll.

Ihre Vorlesung ist sehr beliebt, es kommen auch vermehrt ältere Menschen. Sind das Ihre Bekannten oder Fachkolleginnen?

Ich würde sagen, es sind drei verschiedene Gruppen: die einen, die ich einigermaßen gut kenne, die zweiten, die ich aus beruflichen Zusammenhängen her schon mal gesehen habe, und die dritten, die aus Zufall zu dieser Vorlesung dazu gestoßen sind.

Bei ihrem sogenannten Michelangelo-Prinzip in der Vorlesung gilt: Es wird abgegeben, wenn’s fertig ist. Hat sich das für Sie und Ihre Studentinnen bewährt?

Ob das jetzt alles zu einem bestimmten Zeitpunkt kommt oder nach und nach, für mich ist es so oder so Arbeit. Meist eine schöne Arbeit. Für die Studierenden, glaube ich, ist es ein Aspekt, der ihnen etwas weiterhelfen kann. Mein Impuls ist der Versuch, ihnen das Üben als etwas Lustvolles, etwas Angenehmes, Interessantes und Spannendes erscheinen zu lassen. Nicht als etwas, das von vornherein mit einem Termin versehen ist, zu dem manche es dann doch nicht immer schaffen. Manche kommen dann erst nach zwei Jahren und haben es doch irgendwie hingekriegt.

Was hielten Sie davon, wenn im Studiensystem weniger auf Deadlines und dergleichen gesetzt würde?

Ich halte von Deadlines wenig, wenn sie von Außen vorgegeben werden. Denn mancher braucht für ein und denselben Entwicklungsschritt Wochen, der andere Monate, der nächste Jahre. In der Entwicklung von uns Menschen brauchen wir nicht selten so etwas wie ein Moratorium, eine Zeit, in der wir in Ruhe gelassen werden, wenn wir für uns wachsen und reifen dürfen. Ich plädiere überhaupt nicht für Verwahrlosung, für Nichtstun, für Es-wird-schon-werden; nein, gar nicht. Wir müssen aufpassen, dass sich die Regularien nicht so sehr über die Inhalte her machen. Dass wir zum Schluss nur noch miteinander darüber verhandeln, wann wir wie viele Credits bekommen.

Sie stellen frei, in welcher Form die Abgabe gemacht wird, woran erinnern Sie sich besonders gern?

Vor dreieinhalb Jahren hat einer ein Hörspiel konzipiert. Er hatte sich, ausgehend von der Vorlesung über Ernst Cassirer, in einer ganz ergreifenden Art, überlegt: Wie wäre es, wenn Cassirer auf seiner Überfahrt von Europa nach Amerika auf dem Schiff einen anderen Philosophen träfe und beide anfingen, über Cassirers Philosophie, sein Leben, den Nationalsozialismus und das Exil nachzudenken. Das hat mich sehr berührt. Ich habe auch eine Studentin, die hat einmal einen Kurzfilm über Karen Horney zusammengestellt. Es ging dabei auch um Begriffe und Konzepte von Horney: Wie visualisiert man reales Selbst, ideales Selbst, falsches Selbst? Das Denken ist etwas, was wir an den Universitäten versuchen, miteinander üben, lernen oder erweitern. Man kann es in verschiedenen Medien, in verschiedenen Ausdrucksformen versuchen: den Erkenntnisakt, das Nachdenken, das Vorausdenken, das Probehandeln.

Sie haben dem Interviewtermin am »frühen Vormittag« zugestimmt. Von wann bis wann geht dieser?

Der frühe Vormittag geht von acht bis halb elf. Das ist der frühe Vormittag und dann kommt der späte Vormittag und dann kommt der Mittag und so weiter.

Das Interview führte: Carolin Bodensteiner