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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Dieses Jahr vergeben wir wieder den Vierkommanull-Award. Die schlechteste wissenschaftliche Arbeit wird mit 500€ belohnt. Unser Autor Felix möchte im Vorfeld, während seine Bachelorarbeit in der Schreibtischschublade verwest, einige Gedanken mit euch teilen.

Es war schon ziemlich surreal: Aus einer bierseligen Idee wurden Artikel in den Online-Blogs von die Welt und dem Spiegel. Der Rektor einer privaten Berliner Hochschule kriegt mittlerweile vermutlich Schnappatmung, wenn er »ZurQuelle Magazin« hört und war von der Publicity nicht sonderlich begeistert. Bei so viel Spektakel bleibt die Gefahr, dass die eigentliche Kritik im Gebrüll untergeht.

Studieren als Privileg

»Studieren ist Scheiße« zu brüllen ist relativ leicht, wenn man das Privileg hat zu studieren und sogar die Regelstudienzeit ignorieren zu können. Diese Kritik brachte auch ein Autor der Furios im letzten Jahr gegen uns vor: »Der Besuch einer Uni ist kein Zwang: Für viele ist akademische Bildung sogar immer noch ein Privileg, um das wir von Menschen, die keinen derart leichten Zugang zu ihr haben, zu recht beneidet werden.«

Kritik Vs. Uni-Bashing?

Die Kritik an der neoliberalen Universität, die unter Bologna zur entmenschlichten Lernfabrik mutiert ist, ist berechtigt. Gleichzeitig sollte der Gefahr entgangen werden ein reines Uni-Bashing zu betreiben, das allen denen in die Hände spielt, denen alles Universitäre und vor allem Kritische sowieso zuwider ist. Diejenigen, die bei Bildung nur an MINT-Fächer denken, für die Geisteswissenschaftler sowieso faule Nichtstuer sind und die mit dem Kompetenzbegriff jonglieren oder von Wettbewerbsfähigkeit und Bildungsrendite schwadronieren.

Wenn die AfD sich für eine stärkere Betonung der Fächer Informatik, Mathematik und der Naturwissenschaften ausspricht, birgt das zugleich eine Absage an kritische Lehre, die mit dem Stempel der Ideologie abgefertigt wird. Ungarn läuft stramm voran, verbietet das Fach Gender Studies. Der Spiegel spricht von einer »kulturpolitischen Offensive gegen regierungsunabhängiges Denken«. Dozentinnen und Dozenten aus Ungarn reagierten mit einer Petition.

Empirische Bildungsforscher wollen wiederum alles messbar, outputorientiert und »werturteilsfrei«. Leider ist »Scheitern als Chance« mittlerweile selbst zu einer neoliberalen Parole im Geiste von Entrepreneurship geworden. Der Satz von Gandhi »zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du« passt heutzutage auch bestens in den Pausenraum vom neuen Google Campus in Kreuzberg.

Universität und Selbstverwirklichung

Wir haben in unserem Aufruf die Idee der Selbstverwirklichung betont. Schon der neuhumanistische Bildungsbegriff betonte diese. Bildung solle Selbstzweck sein, der Entfaltung der Persönlichkeit dienen und die Universität ein unabhängiger Ort der akademischen Freiheit – so sah es Humboldt. Heute wird der Begriff der Bildung von Wörtern wie »Kompetenzen« oder »Qualifikationen« umstellt oder ganz verdrängt. Messbar muss es sein, verwertbar und markttauglich.

Adorno sprach von Halbbildung, um eine lückenhafte und oberflächliche Bildung zu kennzeichnen, die nur der Anpassung dient. Wer bei »Wer wird Millionär« die eine Millionen Euro Frage beantworten kann ist nicht unbedingt gebildet. Für Adorno war Halbbildung nicht mal eine Vorstufe von Bildung; vielmehr sei sogar der Ungebilde dem Halbgebildeten überlegen.

Mündigkeit und PISA

Wirkliche Bildung sollte sich mit den Lernenden und ihrer Alltagspraxis verbinden. Begriffe wie »Mündigkeit«, »Selbstbestimmung« oder »Emanzipation«, die Kant eingeführt hat, spielen bei der PISA-Studie keine Rolle. Der Begriff der Entfremdung passt, um zu beschreiben, wie die meisten heute – ob Kinder in der Schule oder Studierende – lernen müssen. Auswendiglernen von abstrakten Theorien, Fakten oder Zahlen, die mit der eigenen Lebensrealität nichts mehr zu tun haben. Die Schüler – oder eben Studierende – sind zurückgeworfen auf eine defensive Abwehr, Wissen muss kurzfristig angeeignet werden, um nicht zu scheitern.

Der kritische Psychologe Klaus Holzkamp hat ein gutes Beispiel: Der Lehrer stellt dem Schüler eine Frage, deren Antwort er selbst weiß und bestätigt ihm dich richtige Antwort; seine Fragen sind »vorauswissende Fragen«. Als Gedankenexperiment, die die Absurdität dieser »Abfragung« deutlich macht, präsentiert Holzkamp diesen Dialog.

Lehrer: Wie spät ist es, Denise?

Schülerin: Drei Uhr.

Lehrer: Sehr gut Denise!

Gegen den Begriff der Entfremdung hat der Soziologe Hartmut Rosa den Begriff der Resonanz eingeführt. Der Stoff, mit dem ich mich lernend auseinandersetze, muss mich berühren, ein Teil von mir werden. In einem Interview mit der Zeit Campus im Jahr 2016 kritisierte Rosa die Uni und ihre Entwicklung dementsprechend: »Die Realität ist vielleicht, dass die Universität zu einer Entfremdungszone wird. Ziel müsste es sein, die Universität zu einem Resonanzraum zu machen.«

Warum der 4,0-Award?

Unser Award ist ein kleiner Nadelstich, ein Pickser in die speckige Hüfte eines bildungsfernen Lehrapparats; einer Oase der Entfremdung. In Verhältnissen, in denen Lernen nur dem Arbeitsmarkt, der employability und der ökonomischen Verwertbarkeit unterworfen wird, wird Lehren meist zur Lernbehinderung für Lernende. Wir sind für eine Bildung, die dem guten Leben und einer demokratische Entwicklung der Gesellschaft verpflichtet ist. Wäre die Universität ein solcher Ort, ein Resonanzraum im Sinne Hartmut Rosas: unser Award würde nicht funktionieren.

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