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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Selbstbestimmt studieren, wie geht das? Unser Autor, selbst ein ehemaliger Langzeitstudent, suchte im Buch „Warten auf Foucault“ von Tom Kraftwerk nach Antworten.

Braucht man eine Anleitung, wenn man nicht studieren möchte? Tom Kraftwerk impliziert das mit dem Titel seines Buches „Warten auf Foucault – Anleitung zum Nicht-Studieren“, auch wenn er das Versprechen, diese zu liefern, nicht erfüllt. Die Stärke des Buches liegt auch ganz woanders.

Der Weg zum Erfolg

Nach 17 Jahren könnte alles vorbei sein. Dann saß man zwölf Jahre in der Schule, drei im Bachelor-Studiengang und nochmal zwei im Master. Die Bildungsbiografie des durchschnittlichen deutschen Mittelklasse-Kindes endet erfolgreich. Es hat viel Wissen im Kopf und ist sich sicher: Der Arbeitsmarkt will mich. Tom Kraftwerk hat ein Buch darüber geschrieben, dass er seine Bildungslaufbahn nicht so organisieren wollte – und dass der Arbeitsmarkt während des Studiums nicht sein vorrangiges Ziel war.

Auf dem Buchrücken zitiert der Verlag einen Tweet Kraftwerks: „Abitur mit 17, Bachelor mit 20, Master mit 22: Es ist offenbar nicht bei allen angekommen, dass die Lebenserwartung über 36 gestiegen ist.“ Lol. Kraftwerk ist als Twitter-König bekannt geworden und so auch an seinen Buch-Deal geraten, wie er im Buch ausführt.

Enttäuschte Erwartungen

Wer die pointierten, meistens lustigen und oft gewitzten Tweets kennt, erwartet von dem Buch Comedy. Vielleicht auch eine Art dummer Albernheit, wie etwa ein Buch, das Mario Barth als Autoren führt: „Deutsch-Frauen; Frauen-Deutsch“ oder so. Gerade wegen des Titels: „Anleitung zum Nicht-Studieren“. Man wird enttäuscht.

Denn statt kleiner Texteinheiten, die alle auf einen frauenverachtenden oder blödeligen Gag hinauslaufen, erzählt Tom Kraftwerk seine Lebensgeschichte aus der Perspektive des (Ex-)Studenten in prosaischer Form. Er erzählt, wie toll die Studienzeit war und wieso er die Regelstudienzeit nicht einhalten konnte oder wollte.

Bildung gegen Leistungszwang

Aber Kraftwerk inszeniert sich nicht als Leistungsverweigerer, als Säufer oder Versager. Stattdessen erzählt er, wie er sich lieber individuell, jenseits von Lehrplänen, gebildet hat. Er hat Freude am Werk von bestimmten Soziologen gefunden, deren Erkenntnisse er in dem Buch auch immer wieder auf seine jeweilige Lebensrealität anwendet.

Man merkt so schnell, dass Kraftwerk ein beflissener Student war, der sich viel Mühe gegeben hat, diese Theorien zu verstehen. Nur eben nicht im Rahmen von Seminaren, sondern im Selbststudium. Außerdem berichtet er von den Nebenjobs, die er ausprobiert oder dem sozialen Netzwerk, das er sich aufgebaut hat.

Ein Kapitel beleuchtet etwa seine Zeit als Teil einer Drückerkolonne am spanischen Strand, ein anderes seinen Job im Weinladen oder die Geschichte, wie er zu Fame gelangt ist – über Twitter nämlich. Nachdem er bei einer Frau übernachtet hatte, sperrte die ihn in ihrer Wohnung ein, als sie zur Arbeit ging. Er protokollierte das in Echtzeit in dem Sozialen Netzwerk, ging viral und wurde anschließend zu tausend Talkshows eingeladen.

Runter wie Butter

Erfrischend ist an dem Buch weniger eine kreative Sprache, sondern wie einfach diese ist. Klar, sie enthält Allgemeinplätze und überrascht selten. Aber man kann die Sätze runterlesen, als wären sie Butter, die man sich in den hungrigen Rachen gießt. Hinterher ist man dick und müde, aber auch satt und glücklich.

Kraftwerk gibt sich  bescheiden und unprätentiös. Immer wieder reflektiert er und relativiert seine Erfolge, auf denen er sich durchaus ausruhen könnte. So bleibt ein authentisches und vor allem: sympathisches Bild.

Am Ende gibt es also wenig wirklich Lustiges in “Warten auf Foucault”. Stattdessen liefert Kraftwerk die Bildungs(auto-)biografie eines jungen Mannes, der es zu Ruhm und Ehre gebracht hat, ohne sich den starren Strukturen des Bachelor-/Master-Systems zu beugen.

Ist Tom Kraftwerk ein guter Ratgeber?

Für eine Anleitung ist die Geschichte dann aber doch zu individuell. Außerdem hat Kraftwerk nicht nicht studiert – er hat einfach nur länger gebraucht – und darüber hinaus sogar mehr gemacht, als von ihm verlangt wurde. Auch wenn er weder mit Delfinen schwamm, mit Loona sang oder Mario Barth verprügelt hat.

Er ist also ein Beispiel und dringend nötiger Repräsentant für die Verweigerung gegenüber dem neoliberalen Bildungsideal. Das legt es darauf an, Menschen so schnell wie möglich mit unbedeutenden Abschlüssen zu versorgen, um sie dann dem kalten Arbeitsmarkt zu überlassen. Dort stehen sie dann bibbernd und sind allein auf sich gestellt. Nicht mal den wärmenden Schutz einer angemessenen Qualifikation hat ihnen das Studium mitgegeben. Völlig überfordert erfrieren sie im Blizzard der Arbeitswelt.

Leider bietet Kraftwerk genau für dieses Problem keine Lösung. Am Ende war es weder das Studium, das Kraftwerks Erfolgsweg bahnte, noch das Nicht-Studium: Es war eigentlich vor allem sein Talent, pointierte Botschaften zu artikulieren. Er ist wahrhaft ein Twitter-König. Trotzdem hätte man sich ein paar tröstliche Worte gewünscht, die über ein “Studium ist nicht alles” hinausgehen. Schließlich kann nicht jeder twittern – der Autor dieses Textes versagt darin zum Beispiel regelmäßig.

Trotzdem ist Kraftwerks Botschaft eine wichtige, mutige und überfällige: In zehn Semestern Studium wird niemand zum selbstbestimmten, kritisch denkenden Menschen. Wer seine Studienzeit nutzen möchte, um als Individuum zu wachsen, muss sich von den Strukturen des Lehrplans freimachen und auch mal ein bisschen den Kopf gegen die Wand hauen, bis er merkt, dass es nicht das ist, was er aus seinem Leben machen möchte.

Was ihr sonst noch wissen müsst

Tom Kraftwerk ist nebenberuflich auch noch ehrenamtlich Juror des Vierkommanull-Awards für außerordentliches akademisches Scheitern. Der wird am 9.12. feierlich verliehen. Kommt alle!

Der Autor dieses Textes hat übrigens stolze 16 Semester für seinen Bachelorabschluss gebraucht. Er ist ein selbstbestimmter Mensch geworden und sehr toll.

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