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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Gedichte auf Hauswänden scheinen das neue Arschgeweih zu sein: Als hübsche Aufwertung einer kahlen Stelle gedacht, entpuppen sie sich früher oder später als Fehler – mit dem Potenzial für ordentlich Gesprächsstoff.

Der Entschluss steht: Die Berliner Alice Salomon Hochschule wird das Gedicht „avenidas y flores“ von ihrer Fassade entfernen. Das Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer ließe eine sexistische Darstellung von Frauen vermuten, so die Begründung. Eigentlich ist die Diskussion ja nicht neu – schon im September verteilten wir an dieser Stelle ein Herz für Stalker mit Rosen.

Neu ist jedoch die Leidenschaft, mit der sich gerade konservative Politiker und Journalisten für den Erhalt des Gedichts einsetzen. Für sie scheint sich das Ende des (männlichen) Abendlandes anzukündigen. Mit schier unermüdlichen Kräften verbreiten sie die Verse über sämtliche Kanäle.

Den Anfang machte der CDU-Politiker Jens Spahn, der das Gedicht unkommentiert twitterte:

Zur Einordnung: Das ist der Typ, der sich letztens in der ZEIT über zu viel Einfluss der englischen Sprache in Berlin aufregte. Jetzt soll ein spanisches Gedicht übermalt und die Hauswand mit deutscher Lyrik geziert werden. Wo liegt das Problem?

Der Untergang von Kunst und Freiheit

Die WELT findet drastische Worte: „Dieses Gedicht […] wird übermalt, also ausgelöscht.“ Als Reaktion habe man es in der letzten „WELT am Sonntag“ ganze 16 Mal abgedruckt. Besonders makaber: Zusätzlich ließ man die Kampagne um den in der Türkei inhaftierten WELT-Redakteur Deniz Yücel fallen. Stattdessen brachte man das Gomringer-Gedicht am Verlagsgebäude an.

Mittlerweile fragt man sich schon, warum eine hochschulpolitische Entscheidung so viel Empörung bei Springer auslöst. Denn ein Gedicht hat nicht nur einen Verfasser oder eine Verfasserin, sondern auch einen Betrachter. Auch das ist lyrische Freiheit. Ein Gedicht nicht zu mögen, es zu interpretieren, wie man es will.

Selbst wenn die Vorwürfe über Sexismus in dem Gedicht weit hergeholt sind: Vielleicht sollten Jens Spahn, WELT, etc. sich wieder den wirklich wichtigen Dingen widmen. Dem Einsatz deutscher Panzer in der Türkei zum Beispiel! Da würde uns die Meinung eines CDU-Politikers tatsächlich interessieren.

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