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von und für Zaubernde

Dass der Drogenkrieg täglich tötet, ist uns egal, solange wir günstig weißes Glückspulver durch die Nase ziehen können.

Es gibt da zwei Zahlen: 124.000 und 185.000. Die erste ist die Menge an Kokain in Kilogramm, die jährlich in Europa konsumiert wird. Die zweite Zahl ist die Anzahl der Menschen, die seit 2006 in Mexiko im Drogenkrieg ihr Leben verloren haben. Beide Zahlen steigen.

Einmal in der Woche arbeite ich in einer Bar, einer hippen Bar in einem hippen Stadtteil und bin während der Arbeit ebenso Passiv-Hipster wie ich Passiv-Raucher bin. Bevor es um Kokain geht, das auch in der Bar konsumiert wird, ein paar Worte zum Tabak: Rauchen ist unfassbar dumm.

Tabakkonzerne sind falsch und schmutzig

Nicht etwa, weil es schädlich für die Gesundheit ist, unnötig Geld kostet oder Zigarettenqualm stinkt und dergleichen mehr, sondern allein deshalb, weil Raucherinnen (und dazu gehören gerade auch viele Menschen unterster Einkommensschichten) ihr Geld an Konzerne geben. Konzerne wie etwa Philip Morris International, der jährlich um die 80 Milliarden Dollar Umsatz einfährt, indem er 15,5 Prozent der weltweiten Tabakprodukte vertreibt.

Gerne treibt PMI Geld aber auch über andere Ecken ein, etwa indem Länder verklagt werden, Uruguay zum Beispiel. Philip Morris fordert tatsächlich 25 Millionen Dollar Schadensersatz für zu scharfe Nichtraucherschutzgesetze in dem südamerikanischen Land.

Mit TTIP haben Konzerne wie PMI noch weitreichendere Möglichkeiten zu solchen Schritten. Dass wir freilich gefangen sind in einer von Konzernen gesteuerten Welt, sei hier dahingestellt. Es ist klar, dass jeder Einkauf im Supermarkt bedeutet, Geld in die Hände der Wirtschaftsmächtigen zu geben, aber das Rauchen ist insofern eine andere Sache, da es, anders als etwa Nahrungsaufnahme, für den Menschen alles andere als notwendig ist.

Was hat das Rauchen mit dem Drogenkrieg in Mexiko zu tun?

Auf den ersten Blick hat das alles wenig zu tun mit Mexiko. Aber ich will erklären und wieder mit Zahlen veranschaulichen: Der Konsum von Kokain hat sich in Europa von 1998 bis 2008 von 63 auf 124 Tonnen nahezu verdoppelt. Weniger Menschen rauchen – abgesehen von Berlin, wo jeder raucht – mehr Menschen leben vegetarisch und vegan, aber illegale Drogen wie Kokain sind heutzutage angesagter als je zuvor.

Das merke ich natürlich auf der Arbeit in der Bar. Plötzlich verschwinden ganze Gruppen auf den Toiletten, um sich wenig später wieder an den Tresen zu setzen – ihre Unterhaltungen führen sie dann schreiend und bis um 7 Uhr morgens. Nicht selten kommt auch das Drogentaxi vorbei.

Familienclans übernehmen Städte, Drogenkartelle ganze Staaten

Der Konsum von Kokain ist noch offensichtlicher mit einer kriminellen Parallelwelt verbunden als etwa bei Cannabis. Viele Fahrerinnen stammen aus dem Milieu gewalttätiger Familienclans, die mit dem Geld ihre Macht nur weiter ausbauen. Tatsächlich liegen 60% des Gewinns am Kokainhandel bei den Dealerinnen, die an die Endverbraucherin verkaufen.

Aber das ist natürlich eine andere Geschichte und damit zurück zu Mexiko: Das meiste Kokain stammt aus Kolumbien, Peru und Bolivien. Mexiko selbst produziert nicht sonderlich viel Kokain, sondern transferiert vor allem aus Kolumbien und in die USA. Dort liegt der Verbrauch übrigens bei 267 Tonnen deutlich über den europäischen 124. Auch in Kolumbien herrscht seit nunmehr 60 Jahren ein asymmetrischer Krieg, an dem auch Drogenkartelle beteiligt sind und die auch nach Europa liefern. Gleichwohl expandieren auch die mexikanischen Kartelle immer stärker auf den europäischen Markt.

Beendet die Legalisierung von Drogen den Drogenkrieg?

Angesichts der Gewinne, die sich mit Kokain machen lassen, ist dies leider wenig wahrscheinlich. Denn wo zu viel Geld auf dem Spiel steht, da wird in der Regel auch böse gehandelt, das lässt sich beobachten von der FIFA bis zu den amerikanischen Vorwahlen. Würden nun also Drogen legalisiert, so würden die großen Drogenkartelle nun eben in ein legales Geschäft einsteigen, genug Startkapital bringen sie ja mit.

Wahrscheinlich würden die verschiedenen Akteurinnen sich in gewohnter Weise weiter gegenseitig bekriegen, um den je eigenen Gewinn zu maximieren, denn so wurde bisher auch vorgegangen und ob legal oder illegal verdient: Geld bleibt Geld. Auch würde illegal produziertes Kokain weiterhin auf den Markt gebracht werden, neben etwa staatlich produziertem oder eingekauftem.

Legalisierung ist Quatsch, kontrollierte Abgabe einen Versuch wert

Es könnte zudem wahrscheinlich billiger produziert werden und würde am Ende weiterhin im gesündesten Fall mit Paracetamol und Milchzucker gestreckt werden (tatsächlich werden so jährlich 500 Tonnen reines Kokain zu über 850 Tonnen verkauftem Kokain).

Eine wirklich wirksame Strategie gegen Drogenkriminalität wäre eigentlich nur eine staatlich kontrollierte Abgabe von Drogen. Aber ohne diese ist es vorerst nur die Verringerung des Konsums. Jede, die des nachts in hippen Bars in hippen Bezirken das Drogentaxi bestellt, sollte sich also zweierlei Dingen bewusst sein: Ihr Konsum spielt Geld in die Taschen von Kleinkriminellen, von mittelgroßen Familienclans und von großen Drogenkartellen, letztere sind auch in andere Geschäfte verwickelt, etwa Menschenhandel.

Und apropos Menschen: Der Konsum kostet vor allem viele Leben und es gibt zwei Zahlen: 185 und 124. Beide hängen zusammen, beide müssen gesenkt werden.

Christopher Gripp