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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Wir waren für euch auf dem Tag der Brandenburger im Tierpark Berlin, damit ihr nicht hingehen musstet. Nun müsst ihr allerdings diesen Text lesen und bereuen, nicht dagewesen zu sein.

Als Loona auftritt, ist Felix‘ Hose wieder trocken. Wer weiß, ob sie sonst auf seinen Schultern reiten würde. Doch bevor wir zu Loona kommen, etwas Grundlegenderes.

Am Anfang steht Die Schöpfungsgeschichte. Die begann vor 6000 Jahren, als Gott Himmel und Erde, Tag und Nacht, Tier und Mensch und damit auch – mittelfristig – den Brandenburger schuf. Doch was ist das, ein Brandenburger? Und warum widmet der Tierpark Berlin ihm einen ganzen Tag?

Den hat der Brandenburger nämlich. Den Tag der Brandenburger. Was hat es mit diesem Feiertag auf sich? Um elf Uhr in der Früh treffen wir uns, um es herauszufinden. Felix trägt sein ausgewaschenes Bernie Sanders-Shirt, auf das er stolz ist, weil es jedem zeigt, dass er sich durchaus ironisch mit seiner linksextremistischen Gesinnung auseinandersetzen kann. Lisa ist dabei und wird heute Fotos machen. Sie hat ein Gespür dafür, immer dann den Auslöser zu drücken, wenn mein Doppelkinn gerade ganz besonders prominent hervortritt. Und Conny ist in erster Linie wegen der Tiere da und interessiert sich nur wenig für die Brandenburger.

Kinder, Kinder, Kinder

Die Schlangen vor den Ticketschaltern sind lang und werden die einzigen bleiben, die wir heute sehen. Reptilien sind nämlich die unsüßesten Tiere der Welt. Wir sehen viele Familien, große und kleine. Und Kinder, jede Menge Kinder, alle klein und klebrig. Wieso auch nicht? Tiere sind süß, Loona auch und Brandenburger sowieso.

Der Planet der Affen – Brandenburg. Foto: Lisa Ziegler

The History of Brandenburg

Denn Loona hat versprochen da zu sein und das sollte den meisten ja schon reichen, um sich auf den Weg gen Osten zu machen wie einst Napoleon. Ohne dessen Ostzug gäbe es heute nämlich gar keine Brandenburger. Bevor der Brandenburger nämlich Brandenburger wurde, war er Preuße. Es brauchte napoleonische Kriege und eine preußische Verwaltungsreform im Jahr 1815, um das zu ändern. Der Brandenburger, so sehr man es ihm gönnen würde, ist keine Selbstverständlichkeit.

An die Schöpfungsgeschichte schlossen sich nämlich viele, viele brandenburgerlose Jahre an. Gut 5100 Jahre hat es gedauert, bis auf die Weltenschöpfung die Brandenburggründung folgte. Das war im Jahr 1157. Der Vorname Brandenburgs war damals noch »Mark«. So heißt auch Loonas Boyfriend, Manager und Tontechniker mit Vornamen. Deswegen wurde Loona eingeladen, am Tag der Brandenburger auf die Bühne vor dem Café Kakadu zu treten und ihre  besten Sommerhits vor einer Traube aus schokoeisverschmierten Kindern vorzutragen. Umso aufgeregter bin ich, dass ich an diesem Ereignis teilhaben darf, genau 961 Jahre nach der Gründung Marks.

Die Kinder haben Spaß! Foto: Lisa Ziegler

Wer fördert die Brandenburg GmbH?

Der Tag der Brandenburger wird von der Mittelbrandenburgischen Sparkasse gesponsort. Tatsächlich wurde er sogar von der Bank erst ins Leben gerufen, wie einst der Mensch von Gott. Zehn Jahre ist das nun her. Zum zehnten Mal bereits versammeln sich heute also Menschen, um den Brandenburgern ihren Tribut zu zollen.  Auseinanderhalten kann man uns Berliner und Brandenburger allerdings nicht. Überhaupt: Für Menschen von außerhalb ist der Brandenburger nur ein Berliner mit schlechter Öffi-Anbindung.

Kontemplation. Foto: Lisa Ziegler

Investigative Recherchen und teures Bier

Doch auch unsere journalistische Neugier will befriedigt werden. Was hat es auf sich mit diesem Tag?

Als wir im Café Kakadu ankommen, dem kulinarischen Zentrum des Tierparks, bemerken wir die Alliteration des Namens und freuen uns ob der Wortgewandtheit der Namensgeber. Dann machen wir auch noch ein Schnäppchen: Kostet das Bier im Außenbereich 3,90 Euro für 0,4 Liter, ist es drinnen einige Cent günstiger. Ich esse also eine Bratwurst für 3,50 Euro zum Frühstück und rechne im Kopf bereits durch, wie viele Biere ich an diesem Tag trinken kann.

Das Café Kakadu ist gegen 11.30 Uhr noch nicht besonders voll. Obwohl die Sonne scheint, ein Coupon den Eintrittspreis in den Tierpark halbiert und Loona auftreten wird, sind die meisten Sitzplätze noch frei. Lediglich einige Kinder toben auf der Hüpfburg oder kreischen zu den zuckersüßen Texten der Kinderlieder, die ein strubbeliger Mann auf der Bühne performt.

Ob die Menschen den Brandenburgern ihren Tag neiden und deswegen fernbleiben? Zumal es ja bereits der zweite Tag für Brandenburger ist (der erste ist der Brandenburg-Tag, der Brandenburger ist in der Namensgebung seiner Tage weniger gewitzt als der Tierpark, der aber ja auch kein Brandenburger, sondern Ost-Berliner ist) und, wenn man das Baumblütenfest in Werder mitzählt, eigentlich sogar ihr dritter.

Wer ist wohl der glücklichste Fan auf diesem Bild? Foto: Lisa Ziegler

Tiere und Tierchen!

Es ist also noch vormittags, als wir beschließen »Tierchen gucken« zu gehen, wie Conny sagt.

Die Tierchen sind allesamt viel zu niedlich. Die Ziegen im Streichelzoo sind unvergesslich zutraulich, wenn man eine Packung Futter dabeihat, was wir nicht haben.  Auf einem Schild am Eingang wird darauf hingewiesen, dass das »Umklammern« und »Verfolgen« der Tiere »Verboten« sei und ich weiß ziemlich genau wieso.

Die Brandenburger sind ebenso fasziniert von den Tierchen wie wir, das sieht man gleich. Liebevoll zeigen sie dem staunenden Nachwuchs auch die verstecktesten Tierchen und erklären ihm all das, was sie vom Biologieunterricht noch nicht vergessen haben.

Der Wille zu lernen und zu trinken

Da ich erst vor kurzem in Namibia war, können mich viele Tiere einfach nicht mehr beeindrucken. Dafür kann ich meine Begleiter mit spannenden Informationen und dem Satz »die gibt‘s auch in Namibia!« begeistern. Felix ist fasziniert und schlägt vor, dass ich mein Wissen mit den Brandenburgern teile: »Robert, geh doch einfach ein bisschen vor. Vielleicht findest du ja jemanden, der noch nicht weiß, dass du in Namibia warst.« Auf weitere Namibia Storys reagiert Felix mit interessiertem Schweigen.

Um eins im Café Kakadu: Felix und ich freuen uns nun über ein zweites Bier, Lisa bestellt sich ein Radler und Conny Hugo. Felix ergötzt sich außerdem an Spargelnudeln, die nicht einmal zehn Euro kosten. Lisa schießt Fotos, die festhalten, dass Felix Spargelnudeln isst. Neben uns kehren die ersten Familien ein, um gemeinsam zu mittag zu essen. Sie packen Lunchboxen aus und zum Nachtisch dürfen die Kleinen sich ein Eis aussuchen. Cola gibt es aber keine.

Robert ist der tierliebste Mensch der Welt. Die Ziege ist die robertliebste Ziege der Welt. Foto: Lisa Ziegler

Wir kaufen ein Haus!

Es sind noch zwei Stunden bis Loona, der Queen of Latin Pop, der Sommerhit-Maschine und Königin der guten Laune. Wir können es kaum erwarten und trösten uns über den peinlich langweiligen »Clown Celly« (super kindisch irgendwie) mit ein paar Bier hinweg. Der Außenbereich des Café Kakadus ist umringt von Ständen der Mittelbrandenburgischen Sparkasse – und wenn jemand weiß, warum dem Brandenburger gleich ein ganzer Tag gebührt, dann der Hauptsponsor.

Wir checken einige Immobilienangebote, die an dem Stand ausgestellt werden. Sie wirken verdächtig günstig. Aber wenn man sich überlegt, wer freiwillig nach Brandenburg geht, dann fällt einem allerhöchstens Theodor Fontane ein, und der ist nicht nur lange tot, sondern auch ein trauriger Langweiler ohne Autoverfolgungsjagden in seinen Geschichtchen.

Der Mensch, der uns bald anspricht, ist muskulös, was er mit seinem engen weißen Hemd genauso wenig zu kaschieren versucht, wie die wasserstoffblonde Igelfrisur auf dem Kopf mit – zum Beispiel – einem Hut, einer Mütze, oder aber auch, zum Beispiel, einer anderen Frisur.

Haus und Hof und der Tag der Brandenburger

»Na, überlegt ihr, eins zu kaufen?«, fragt er ernsthaft. Eigentlich wollen wir den Sponsor sprechen, den Filialleiter oder wie das bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse heißt, und nicht den Staubsaugervertreter. Er gibt nicht auf, will uns ein Haus andrehen, in Werder an der Havel, oder in Buckow. Werder – ok, da fährt ja noch die Regio und okay, einmal im Jahr kommt da ganz Brandenburg zum Saufen hin, aber Buckow. Gibt’s da nicht einen Journalisten, der so heißt?

Wir entscheiden uns gegen das Haus und für Bier. Felix lässt sich von Conny eins mitbringen, verschüttet jedoch beim Versuch, einen Schluck zu nehmen, die Hälfte auf seiner Hose und lacht hysterisch aber beschämt. Ich bin ein wenig neidisch, weil mir das doch sehr brandenburgisch vorkommt.

Auf den Tischen liegen Flyer der Sparkasse. »Höchstpreisgarantie« steht darauf. Sie werben dafür, dass man der Bank sein Haus verkauft. Ist der Tag der Brandenburger etwa eine perfide Strategie, um eine Umvolkung zu vollziehen? Sollen verelendete Brandenburger aus Brandenburg herausgekauft werden, um den edlen Großstädtern das Landleben zu ermöglichen? Was sagt Felix‘ marxistisches Gewissen dazu? Widerspricht diese reaktionäre Form der Enteignung nicht seinem linksfaschistischen Gemüt?

Was hat dieser Chaot nur vor? Foto: Lisa Ziegler

Endlich: herrH! Loona!

Doch Felix‘ Gewissen hat jetzt Pause. Er freut sich über herrH. Denn es ist halb zwei und damit wieder Zeit für den Kinderliedermacher von Radio Teddy. So wie fast alle Acts, die an diesem Tag auftreten, muss herrH zweimal auf die Bühne. Nur Loona, die Headlinerin, muss kein zweites Mal ran. Aber herrH und seine Show bieten durchaus genug Stoff für mehrere Auftritte.

herrH ist im Prinzip Rolf Zuckowski mit Tieren und Techno-Beats. Er singt von Pinguinen, von Enten und hat sogar einen Song für das Elefantenbaby geschrieben, das 2016 im Tierpark geboren wurde (Titel: Edgar). Nicht nur Conny und Lisa blicken befremdet auf die beiden Männer an ihrem Tisch, die zu Kinderliedern mitsingen und –klatschen. Auch die Eltern am Nebentisch, die anfangs noch belustigt darüber schienen, dass zwei Männer mit ungepflegten Bärten zu den Klängen des Lieblingssängers ihrer Kinder grölten, wirken nun ein wenig angewidert. Nach wenigen Minuten stehen sie auf und gehen.

Bailando, Bailando! Foto: Lisa Ziegler

LOOOOONAAA!

Und dann kommt Loona. Sie singt und singt und bekundet, wie sehr sie sich freut, heute, am Tag der Brandenburger, im Tierpark in Berlin zu sein und wir freuen uns auch. Denn Loona ist nicht alle Tage in Berlin. Normalerweise verschlägt es sie eher nach Brandenburg, als wäre sie Theodor Fontane.

»Vamos a la playa« singt Loona und »Hijo de la luna« und »Mamboleo«. Nachdem sie alle Kinder auf die Bühne geholt hat, kommt das große Finale.

Hierfür brauche sie einen starken Mann, sagt sie. Sie zeigt auf den bestaussehenden Fan im Publikum, der aber wehrt ab und schiebt Felix vor. Dieser wird bis zur Bühne geschubst, wo Loona schon auf ihn wartet. Sie wirft ihre Beine um den schlanken Hals des Felix und bedeutet ihm, nun loszutraben. Das tut er. Sie lenkt die Kutsche mit sanften Berührungen der Wangen des jungen Mannes. Linke Wange: Links herum. Rechte Wange: Rechts herum.

Auch Brandenburg macht mal zu

Felix macht das großartig. Nur seinen großen Moment verpasst er. Da hält Loona ihm das Mikro an den Mund, damit er den Refrain des »Latino Lovers« singen kann. Doch mehr als ein schüchternes Krächzen ist aus Felix‘ Kehle nicht zu holen. Loona ist betrübt und lässt sich zurück zur Bühne tragen. Hinterher gibt es trotzdem ein Selfie, Armbändchen und einen Handschlag mit Mark.

Nach dem großen Finale ist alles nichts mehr. Warum sollte man im Kino sitzenbleiben, wenn der Film vorbei ist? Warum auf der Party bleiben, wenn das Bier alle ist? Warum nach dem Sex  liegenbleiben? Wir gehen deshalb nochmal Tiere gucken, was erneut sehr süß ist.

Um sechs aber schließen die Häuser, die Tiere haben einen weiteren Tag alles gegeben, um uns glücklich zu machen und gönnen sich nun den Beginn des gottesfürchtigen Ruhetags, der morgen anbricht. Aus der Ferne hört man einen Bärenpups, der klingt, als gönne sich ganz Brandenburg nun einen stolzen und rechtschaffenen Feierabend. Es hat der Welt einen Tag geboten, den sie so schnell nicht vergessen wird. Voller Bier und Tiere und Loona.

Robert Hofmann schwebt im siebten Himmel. Foto: Lisa Ziegler

Brandenburg – das Alpha und Omega

Was also ist das – ein Brandenburger? Wenn man dem Tag der Brandenburger folgt, dann ist er ein ganz besonderer Mensch, voller Kreativität und Tatendrang. Voller Süßheit im pelzigen Herzen, mit einer bezaubernden Stimme und goldgelockter Mähne auf sonnenbankgebräunter Haut. Der Brandenburger ist tier- und kinderlieb und will sein Haus loswerden und aber auch eines kaufen. Der Brandenburger ist all das, was Berliner nicht sind. Und andersherum.

Doch eine Reduktion wird dem Brandenburger nicht gerecht. Er ist mehr. Immerhin hat er zwei Tage nur für sich. Und einen dritten, der gleichzeitig das zweitgrößte Volksfest Deutschlands ist. Kaum ein anderes Bundesland kann das von sich behaupten. Heute, 6000 Jahre nach Weltenbeginn, ist der Brandenburger also wieder dort angekommen, wo Gott ihn haben wollte. Oben, als Krönung der Schöpfung.

Du fühlst dich noch nicht genug Brandenburg? Schaut hier!

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Eine verdiente Abreibung für Slackline-Arschlöcher.

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