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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Ralf Neuhäuser hat sich zwei Chips in seine Hände implantieren lassen. Um Türen zu öffnen, Netzwerkdrucker zu benutzen und seine Notfalldaten zu speichern. Und um Teil einer Bewegung zu sein, die womöglich die Zukunft bestimmen wird.

Die Re:publica ist ein wildes Getümmel aus Technikfreaks, Networking-Freunden und Silicon Valley-Hippies mit Glitzer im Gesicht. Roboter tanzen hier den Macarena oder bemalen Fingernägel. Zwischen Virtual Reality und Blockchain-Vorträgen döst man barfuß an der Mainstage oder nutzt die Zeit, um anderen seine lebensverändernden Zukunftsstrategien zu erklären.

So macht das auch Ralf Neuhäuser. Der ist ein Cyborg – auch wenn er selbst meint, das sei nur ein Türöffner oder »Buzzword«, wie man hier sagt. Er hat keine Scheu, jedem von seinen lebensverändernden Chips in der Hand zu erzählen.

Am Donnerstagmorgen setzen wir uns in der knalligen Sonne des Hintergartens auf eine Bierbank, um uns zu unterhalten. Ralf Neuhäuser – etwas älter als der Endzwanziger-Durchschnitt hier, Vollbart und Brille – hat schon einige Interviews gegeben. Er nutzt Gelegenheiten wie die Re:publica  zum Erfahrungsaustausch, um Leute kennenzulernen – und um die Message in die Welt zu tragen. Denn seit seinem ersten Chip hat sich sein Bewusstsein verändert. Nicht so, wie die Silicon Valley-Hippies, die ihr LSD stolz »mikrodosieren«. Eher fühlt es sich wie eine dauerhaft neue Körpereigenschaft an. Klingt cool, finde ich. Gleichzeitig irgendwie gruselig und ein bisschen nach Terminator.

Ralf auf der Re:publica

 

Ein bisschen mehr wie Superman

Ralf Neuhäuser hörte damals auf einer Veranstaltung den Vortrag von Dr. Patrick Kramer, einem Experten für BioHacking, Human Upgrading und Body Enhancement. Live auf der Bühne wollte er seiner Assistentin einen Chip einpflanzen. Neuhäusers Reaktion nach einem kurzen Gespräch war ziemlich spontan »shut up and take my money«. Dann ließ auch er sich auf der Bühne chippen.

Begeistert von seinen neuen Körperfähigkeiten bestellte er sich noch einen zweiten Chip, dieses Mal von der Firma I Am Robot. Ein Freund von ihm, der eigentlich ein auf Echsen- und Schlangen spezialisierter Tierarzt ist, setzte den Chip in seine andere Hand. Dafür zahlte sogar Ralf Neuhäusers Chef.

Wenn man Neuhäusers Hände anschaut, sieht man zuerst gar nichts. Ein Chip, so erklärt er, ist nämlich nur circa zwei Millimeter dick und zwölf Millimeter lang. Ein kleiner Zylinder aus medizinischem Glas, in dem ein Kupferdraht mit Antenne und Speicherchip steckt.

Völlig unschädlich, sagt er. In Versuchen habe man den Chip in Hühnerfleisch gesteckt und mit dem Hammer drauf gehauen. Nichts sei passiert. »Wenn der Chip wirklich kaputt ginge, dann hätte ich ein anderes Problem als ein paar Glassplitter in der Hand. Dann wäre sie nämlich auch massiv kaputt«, sagt er.

Ralfs Hände. In der Mitte sieht man die beiden Spritzen, mit denen der Chip unter die Haut gepiekst wird.

Aber was ist mit den ganzen Daten, die Ralf Neuhäuser darauf speichert? Name, Geburtsdatum, Adresse, Blutgruppe – Cambridge Analytica freut sich? Darüber spricht auch Cyborg Enno Park bei seinem Vortrag auf der Re:publica. Er meint, Implantate sollte man nicht mit dem Internet verbinden. Denn hackbar seien sie wie jedes andere technische Gerät auch.

Für Ralf ist das aber kein Problem, denn er bleibe kritisch: »Ich entscheide ja, welche Daten ich darauf schreibe und wie ich sie schütze. Ich kann sie mit einem Passwort schützen oder kryptifizieren und dann ja auch entscheiden, wem ich sie gebe«. Seine Geo-Position könne auch nicht lokalisiert werden. Und schließlich trage man auch im Portemonnaie oder auf dem Handy sensible Daten, die gehackt werden könnten – und die seien leichter zu klauen als eine Hand.

Behindert und optimiert?

Enno Parks Implantat ist anders als das von Ralf Neuhäuser. Das Cochlea-Implantat verhilft ertaubten Menschen dazu, (wieder) zu hören. »Cochlea« ist die medizinische Bezeichnung für Hörschnecke. Das Konzept wird seit den sechziger Jahren erforscht und mittlerweile gern bei Menschen eingesetzt, die erst nach der Spracherwerbsphase ihr Gehör verloren haben.

Enno Park bei seinem Vortrag über das Chochlea-Implantat

Aber obwohl Enno sein Implantat schätzt, ist es ihm wichtig, Gehörlose nicht als kaputte Maschinen zu betrachten, die man nur »reparieren« müsste. Denn die Frage, ob ein Mensch behindert ist, sei zu weiten Teilen auch eine der Perspektive.

Viele Gehörlose empfinden sich als Teil einer eigenen Kultur, mit einer eigenen Sprache und Kommunikationsform, die durch diesen Ansatz zerstört werden könnte. Dass Nicht-Betroffene alles nur gut meinen, mache es nicht besser. Den Unterschied zwischen Implantaten wie dem von Ralf, um neue Körperfunktionen zu erlangen, und dem Cochlea-Implantat bezeichnet Enno als graduell. Denn beide Entscheidungen werden bewusst getroffen und verändern Wahrnehmung und Körperfunktionen.

Insgesamt kann man überlegen, ob nicht jedes Gerät oder Werkzeug unsere Wahrnehmung irgendwie erweitert. Brillen, Schuhe, Handys – jedes Objekt gibt uns die Möglichkeit, mit unserer Umgebung anders umzugehen, als »die Natur es vorgesehen hat«. Vielleicht ist der Unter-der-Haut-Faktor für uns einfach besonders faszinierend.

Immer dabei und Teil seiner selbst ist auch, was Ralf Neuhäuser sich für die Zukunft seiner Implantate wünscht: »Perspektivisch will ich, vereinfacht gesprochen, meinen Schlüsselbund und mein Portemonnaie loswerden«. Und im Prinzip damit dem Trend einfach ein bisschen vorangehen. »Ich möchte eben nicht der Mainstreamer sein, der solange wartet bis es alle haben und sich dann erst traut. Ich trau mich halt ein bisschen eher.«

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