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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Hey Onkel Marx, alles gute zum 200. Geburtstag! Wir wünschen dir von ganzem Herzen, dass das im nächsten Jahr klappt mit der Weltrevolution. Um zu zeigen wie lieb wir dich haben, hat unsere Autorin Sarah einen Text über erotische Fanfiction mit dir geschrieben.

Die etwas andere Ehrung

Wie jeder echte Superstar begann auch Karl Marx als unterdrückter Außenseiter. Seine Mutter, eine Prostituierte mit Aggressions- und Alkoholproblem, beschimpfte ihn jeden Morgen schreiend als Stück Scheiße, bevor sie ihn in der Schule entsorgte, wo ihn seine Klassenkameraden prompt in den Müll warfen. Auch seine Angebetete Jessica Melons wollte Mobbingopfer Karl nichts von den zwei Melonen abgeben, die sie immer in den Unterricht mitbrachte, um ihrem Namen Ehre zu machen.

Niemand wusste, dass Karl einmal in die Geschichte eingehen und darin so bleibenden Eindruck hinterlassen würde, dass seine Fans noch 200 Jahre später die versäumten heißen Abenteuer seiner Jugend zu sabbertriefenden Schriftstücken aufbereiten. »Take that, bitch.« Was, und vor allem mit wem, erwartet ihn also posthum im virtuellen Darkroom?

Gepostet von Sassy Socialist Memes am Sonntag, 29. April 2018

»Hot proletarian sex«

»Communism makes me hard«, kommentiert TrickyLikesDirtyFFF unter oben zusammengefasstes Werk, das man auf Wattpad.com als »Karl Marx Fanfiction« finden kann; CommieCummer teilt diese Meinung beim Hören des Kommunistischen Manifests, das jemand auf Pornhub hochgeladen hat. Andernorts spielt Karl an Friedrich Engels‘ Seite die Rolle der Anastasia aus Fifty Shades, glaubhaft wie in einem Schultheaterstück, unter dem Titel Fifty shades of Red. Echten »hot proletarian sex« haben sie dann im Archive of Our Own, dem Fanfiction-Schlaraffenland schlechthin.

Aber fangen wir von vorne an. Die sexbasierte Fanfiction begann harmlos in Form romantischer Verwicklungen zwischen Captain Kirk und Commander Spock aus Star Trek, oder besser gesagt mit den homoerotischen Fantasien um die zwei Figuren in den Köpfen vorrangig weiblicher Konsumentinnen der Serie. Der »Slash«-Tag, mit dem heute noch Fanfictions über meistens auch körperliche Liebe zwischen Männern gekennzeichnet sind, entstand aus dem Schrägstrich in »Kirk/Spock«.

Etwas gewagter ist das Konzept, reale Personen literarisch zu verwursten und dann das Resultat im Internet zu präsentieren – besonders, wenn die handelnden Personen nicht jugendfrei handeln. Meist handelt es sich natürlich um Personen öffentlicher Bekanntheit, die für die zweifelhaften Selbstbefriedigungsfantasien der Hobbyautoren herhalten müssen.

 

Gepostet von Banana dog am Dienstag, 25. April 2017

Revolutionäre Aneignung

Ob Karl Marx diese Praxis befürwortet hätte? Gehen wir mal davon aus. Pornos von allen für alle, die Einzelnen erkennen ihre Position als tätige Subjekte im gesellschaftlichen Produktionsprozess. Der erste Schritt zur Weltrevolution. Das anonyme Schreibervolk diktiert das imaginäre Sexleben der Reichen, Berühmten. Kollektiv bestimmt es, dass alle mit allen einvernehmlich Spaß haben dürfen. Eine Machtverschiebung wie aus dem Geschichtsbuch: Der Person des öffentlichen Lebens‘ neue Kleider sind für die Kreativen unsichtbar. Aus unerforschten Tiefen virtueller Bibliotheken blickt ihr eine verzerrte Karikatur ihrer Selbst entgegen und hinterlässt verwirrten Zweifel an der eigenen sexuellen Identität.

Ein Quiet Riot Girl äußert auf ihrem gleichnamigen Blog die Annahme, gerade »Slashfic«, also homoerotische Fanfiction, habe das Potenzial, bestehende Machtstrukturen zu untergraben. Wie genau, erklärt sie nicht. Vielleicht will sie darauf hinaus, dass Machtfiguren durch die Entblößung ihrer scheinbaren Intimsphäre entwaffnet werden können. So, wie selbst völlig grundlagenlose Witze darüber, was jemand angeblich beim Sex falsch macht, deren Subjekt oft kurz verunsichert in die Defensive taumeln lassen.

Vielleicht meint sie auch allein die Darstellung männlicher Homosexualität als Protest gegen Heteronormativität oder deren noch immer verbreitete, wenn auch fragliche Implikation männlicher Weichheit. Jedenfalls leitet sie uns weiter zu einer unveröffentlichten Version des Vorwortes zu Das Kapital, in welcher der alkoholisierte Friedrich Engels sich in seiner Schwärmerei für den verstorbenen Karl, seine unerwiderte große Liebe, verliert.

Gepostet von Sassy Socialist Memes am Donnerstag, 19. April 2018

Friedrich und Karl

Seine vergebliche Sehnsucht erfüllen ihm ein paar barmherzigere Autoren in anderen Welten innerhalb der Archive Of Our Own- und der Wattpad-Galaxie. Dass Karl und Friedrich das One True Pairing (sinngemäß: füreinander bestimmt) sind, wird für den Kenner schnell offensichtlich. Auch wenn nicht nur Lenin und Thomas Jefferson, sondern sogar Robbie Rotten aus der Kinderserie LazyTown Friedrich Konkurrenz macht.

Wie sich die Romanze abgespielt hat, darüber gibt es zwar nicht viele, aber dafür sehr unterschiedliche Erzählungen. Das Ausmaß der sexuellen Vereinigung der Protagonisten im Plot variiert je nach Erregungsgrad des jeweiligen Autors, bzw. der jeweiligen Autorin. Ein wiederkehrendes Motiv bildet Karls dicht wuchernde Gesichts- und Kopfbehaarung, die selbst in intimen Momenten Emotionen verbirgt und direkte Berührung nur dem Prinzen – Verzeihung, Proletarier – ermöglicht, der sich durch die Hecke zu kämpfen weiß. Als Friedrich diese Erstlandung gelingt, zaubert er mit künstlerischem Geschick einen sternförmigen, rot leuchtenden Knutschfleck in die Lichtung auf Karls Hals.

Gepostet von Sassy Socialist Memes am Freitag, 13. April 2018

Abseits der wenigen geschmackvollen, atmosphärisch immersiven, fast schon literaturähnlichen Werke regt vor allem diese Kurzgeschichte eines Autors mit deutlichem Yaoi-Hintergrund zum Denken an. Anfänglich plagen die beiden Urväter der Revolution Gewissensbisse. Behindert ihre Vorliebe füreinander den Weg in die kommunistische Utopie?

Doch Karls Hammer und Friedrichs Sichel können einander einfach nicht mehr fernbleiben. Die revolutionäre Kraft ihrer Liebe sorgt schließlich für den Sieg über den Kapitalismus und die Befreiung der Arbeiterklasse. Karl erwacht mit dem fertigen Manuskript des Kapital im Arm.

Ihr habt die Marx-Woche verpasst? Kein Problem, hier findet ihr alle Texte…

Aus unserem Archiv: Die Rezension zu »Der junge Karl Marx«

Jenny Marx – nur die Frau im Schatten des großen Karl Marx?

Die ehemalige »Stalinallee« (heute Karl-Marx-Allee) ist eine Straße mit einer bewegten Geschichte.

Zuletzt: Auch unsere Evita ist dem jungen Karl verfallen. Wird ihre Beziehung mit Pablo zu bruch gehen?

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