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von und für Zaubernde

Man könnte denken, dass es einer Mondlandung gleichkommt, in ein sogenanntes Entwicklungsland zu reisen. Aber nein, ich mache keinen giant leap for mankind, sondern reise bloß nach Uganda, Afrika, Planet Erde, Milchstraße, Universum, um hier mit einer NGO Wasserprojekte zu verwirklichen.

#thestruggleisreal

Eine der ersten Sachen, nach denen ich im Hotelzimmer Ausschau halte, sind Steckdosen. Die fast 24-stündige Anreise hat an den Akkus meiner mobilen Endgeräte genagt. Es gibt nur eine freie Steckdose. Ich aber habe zwei Handys. »#firstworldproblems« schießt es wie eine Sternschnuppe voller Selbstironie durch meinen Kopf. Ihr aber folgt ein zweiter Gedanke, kometenklumpenähnlich fällt er in mein Bewusstsein und hinterlässt einen Krater, der mit Erkenntnis gefüllt werden möchte: »Was ist falsch an diesem Gedanken?«

Kurz darauf treffe ich meine Reisegruppe in der Lobby. Bei der ersten Gelegenheit frage ich nach dem WLAN-Passwort des Hotels. Alle checken pflichtbewusst ihre E-Mails, Fotos werden upgeloadet und Whatsapp zugespamt. »Ich bin in Uganda, bro! Ich rette mit einer NGO die Welt!« Doch das Internet ist zu langsam. »#firstwor…« Darf ich das hier, in der Dritten Welt, überhaupt sagen? Ist das nicht irgendwie exorbitant arrogant? Und überhaupt, wer war eigentlich so dreist und hat die Welt in Erste und Dritte eingeteilt? Und wo ist die Zweite Welt geblieben?

#itisacoolworld

So kalt wie es auf dem Mond ist, so kalt war auch der Krieg, aus dem diese Terminologie hervorging. Die Erste Welt kreist auf westlichen Umlaufbahnen um die USA, die Zweite Welt auf östlichen um die Sowjetunion. Um erkenntlich zu machen, dass sie in gänzlich anderen Sphären schwebt, gibt die Dritte Welt sich eben diese damals positiv konnotierte Bezeichnung.

Die meisten Dritte Welt Länder stehen zudem gemeinsam unter den Sternen von Kolonialismus, Rassismus und wirtschaftlichen Problemen. Die Sterne des Kapitalismus, der Aufklärung, der Bürde des Weißen Mannes und der Sklaverei: Sie alle haben bis heute nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt.

#workinprogress

Was sich jedoch verändert hat, ist die Konnotation des Begriffes Dritte Welt. Es wird als Synonym für ein Entwicklungsland beziehungsweise wirtschaftlich unterentwickeltes Land verwendet, seitdem der Kalte Krieg vom Schwarzen Loch des vermeintlichen Endes der Geschichte verschluckt wurde.

Beide Termini bedeuten für uns das Gleiche. Das geht schon seit 1949 so, als die Dichotomie Entwicklung/Unterentwicklung definiert wurde. So stand auf der einen Seite der scheinbar nie endende Wohlstand und auf der anderen die scheinbar grundlos existierende Armut.

#tothemoonandback

Dass diese Lesart eher in die Zeit, grob um den großen Urknall herum angesiedelt sein sollte, ändert leider nichts daran, dass sie noch immer auf unserem Planeten ihr Unwesen treibt. In Uganda begann ich mich über mich selbst zu ärgern, weil es mir tatsächlich manchmal so vorkam, als wäre ich auf dem Mond gelandet. Ich dachte in Kategorien, als lebten wir alle auf unterschiedlichen Planeten und nicht auf unterschiedlichen Kontinenten.

Damit wir davon loskommen so zu denken, sollten wir schon bei kleinen Dingen wie Hashtags anfangen. Es gibt keine #firstworldproblems. Es gibt aber dekadente #champagneproblems. #oneworld #onelove und so. Schampus kann man schließlich auf jedem Stern sippen, sich dabei durchs Teleskop betrachten und der Menschheit zuzwinkern.

 

Text: Tilla Kross

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