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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Rustikaler Industriecharme, große Fenster, alte Mauern. Dieses Ambiente der »Alten Münze« in Mitte (ein ehemaliges Münzprägewerk) nutzen Kunstschaffende regelmäßig. Lea Langenfelder und Sophie Lichtenberg haben bis Samstag in ihrer Ausstellung den wechselseitigen Einfluss von Realität und Fiktion, sowie die Macht inszenierter Erfahrungen dargestellt. Ihre Inspiration? Die Bundeswehr.

Grundlage Leas und Sophies Rauminstallation war die fünftägige Beobachtung eines Trainings des Ausbildungszentrums der Vereinten Nationen der Bundeswehr in Hammelburg. Dort werden Journalisten auf Aufenthalte in Krisen- und Kriegsgebieten vorbereitet. Die intensive zehnmonatige Recherche wurde begleitet durch einen Blog.

Es folgte ein Arbeitsbuch mit Interviews und Essays. Laut Lea ging es ihnen vor allem darum, zu zeigen, wie die Bundeswehr dort Realität kreiert und was für eine Realität das ist. Sie wollten sehen, welche Akteure es darin gibt und wie die Mittel der Immersion verwendet werden, also wie die Leute dazu gebracht werden, diese Realität anzunehmen.

Lea Langenfelder und Sophie Lichtenberg

Die Schafe stehen unter ständigem Beschuss

Sophie betont die Bedeutung von den Begrifflichkeiten der Realität und Fiktion:

»Wir verorten uns auf diesem Gebiet und wir reden davon, dass wir eine Fiktion innerhalb der Realität haben, denn man braucht die konkrete Definition eines Realitätsbegriffs und Fiktionsbegriffs, damit man erzählen kann, was wir erzählen möchten. Und da gehören die zivilen Darsteller dazu, die sogenanntes ‘Füllmaterial’ sind, die halbtags Krieg spielen, oft aber auch schon einen kriegsgeprägten Hintergrund haben und gleichzeitig auch die Schafe, die auf dem Gelände als Rasenmäher agieren – vollkommen Unbeteiligte sind und in diesem fingierten Kriegsgebiet unter ständigem Beschuss stehen.«

Die beiden Künstlerinnen veranschaulichen über Installation und Performance die Praktiken der Bundeswehr. »Wir beide arbeiten in Theaterformaten, die sehr ähnlich funktionieren, wie das, was die Bundeswehr macht, nämlich eine andere Realität zu bauen oder eine abgeschlossene, kleine Welt für sich zu inszenieren, in der bestimmte Regeln gelten.«, erklärt Lea.

Deutlich wird das an einer sich wiederholenden Performance oder einer Anspielungen auf blaue Granaten-Attrapen, die beim Bundeswehrtraining verwendet werden. Von der Decke hängen Kopfhörer, gedruckter Text schmückt die Wände und den Boden. Man ist Teil einer inszenierten Welt, eines Raumes im Raum, in dem man die Eindrücke und Erfahrungen der Künstlerinnen mitnimmt. Als bloßer Betrachter tritt man aus der Realität in die Fiktion ein. Es beginnt ein Bombardement aus Stimmengewirr, das aus vereinzelten Boxen strömt; einem Kugelhagel im Kriegsgebiet gleich. Man wird Teil der Kunst, fühlt sich wie ein Darsteller, der Darsteller bei ihrer Darbietung beobachtet.

Performance: Tabea Panizzi, Georg Weislein und Edith Kaupp

Niemand kann Krieg so darstellen, wie die Bundeswehr

Lea sagt, dass sie mit ihrer Arbeit dazu anregen wollten zu reflektieren, welche Deutungsmacht die Bundeswehr eigentlich besitzt. Die Macht ihrer Inszenierungsmethoden zeigen:

»Nur dadurch, dass Leute auf einer sehr einfachen und körperlichen Ebene getriggert werden und ihnen Angst gemacht wird, kann eine intuitive Reaktion hervorgerufen werden. Dadurch, dass sie immens unter Druck stehen, wird die dort erzeugte Realität, schnell als Wahrheit angenommen. Niemand kann Krieg so darstellen, wie die Bundeswehr – die Granaten, Panzer, entvölkerten Dörfer – da ist eine Menge Geld dahinter.«

Wir sind gespannt, was da noch kommt…

Es gelang Lea und Sophie mit der Ausstellung den Besucher zu entführen, sie oder ihn für einen Moment aus der Realität zu ziehen. Die eigene Auffassung von Realität und Fiktion, der Macht der Erfahrung und Inszenierung zu hinterfragen. Wir dürfen nun gespannt sein, was sie als nächstes Projekt entwickeln und welche neuen Gedanken Unterschlupf im 2. OG der »Alten Münze« finden.

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