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von und für Zaubernde

Unser Autor besuchte zwei Gruselkabinette in vier Tagen, einmal davon die Horrornächte Babelsberg. Das eine barg die Todesangst, das andere vulgäre Sprüche und Glühwein. Warum sich beide gelohnt haben.

Ich würde mir in die Hose scheißen, versprach mir Felix. Ich hätte in meinem Leben noch nie etwas Gruseligeres gesehen als die „Horrornächte“ im Filmpark Babelsberg – dabei war ich vier Tage zuvor erst in einem Gruselkabinett in der Westukraine gewesen. Doch was dann geschah war schlimmer, als alles, was ich erwartet hatte. Zweimal innerhalb weniger Tage würde ich durch Gruselszenarien gehetzt werden, beide Male rennen so schnell ich konnte.

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Horror in der Ukraine

Vier Tage vor Felix‘ Hosenschiss-Versprechen hatten wir in Lviv entschieden, erst nachmittags das exzessive Abendprogramm einzuläuten. Stattdessen wollten wir auch mal etwas von der Stadt sehen. Also beschlossen wir, ins Gruselkabinett zu gehen. Das wurde in der Innenstadt von unzähligen Promotern beworben, die in abgewetzten Kostümen Flyer verteilten. Wir richteten uns auf einen großen, herablassenden Spaß ein. Und wurden schon am Anfang nicht enttäuscht.

Insomnia - Gruselkabinett in der Ukraine

„Insomnia“ liegt im Keller eines Wohnhauses. Eine Ukrainerin führte uns in den Warteraum. Darin standen zwei alte muffige Sofas. Vergilbte Plastikspinnweben hingen an der Wand und verfilzte Plastikspinnen in den Ecken. Was wir nicht wussten: All das war ein Trick. Perfide arrangiert, um unsere Vorurteile zu bestätigen und dafür zu sorgen, dass wir uns sicher fühlten.

Was folgte, waren grauenhafte 15 Minuten. Ich war am Hals an einen Stuhl gefesselt. Wehrlos saß ich in einem Raum, während im Halbdunkel eine Gestalt umherschlurfte und immer näher kam. Worte können den Horror nicht beschreiben, den wir erlebten: Metzger mit Fleischmasken, kleine Mädchen, die vor uns davonhuschten, bullige Leichen, die uns durch finstere Korridore jagten. Denn ganz ehrlich: wer weiß schon, ob der Benzingeruch und das Knattern in der Ferne von einem Laubbläser oder einer Kettensäge stammt? Ineinander verschlungen, stetig den anderen feige nach vorne schubsend, rannten wir um unser Leben. Als wir ans Ende kamen, waren wir schweißgebadet. Jeder Muskel war angespannt, wir konnten das Adrenalin auf der Zunge schmecken wie sonst den Vodka. Trotzdem hatte ich mir nicht in die Hose geschissen.

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Babelsberger Horrornächte

Der „Horror“ in Babelsberg bestand vor allem in seiner Inflation. Überall war Horror. Über 200 Erschrecker waren da, teilweise beeindruckend detailverliebt verkleidet. Es gab über 20 verschiedene Attraktionen, das Areal war weitläufig und gleichzeitig ausgiebig dekoriert.

Gruselige Figur in Babelsberg

Außerdem war das Event ausverkauft. Das bedeutet, dass überall Besucher rumstanden. Vor allem im Weg. Die Erschrecker wanderten mit den Besuchern die Gassen entlang und hofften darauf, jemanden überraschend anbrüllen zu können.

Erschreckender als der Schreck waren aber die Sprüche, die da gebrüllt wurden. Die Darsteller berlinerten und brandenburgerten vulgäre Witzchen, beleidigten das Publikum und schienen überhaupt vor allem Freude daran zu haben, einmal kostümiert jede Hemmung fallen lassen zu dürfen. In der Horrorclown-Area ging das so weit, dass ein älterer untersetzter Clown-Boy einem jungen, schlanken Clown-Girl den Gummihammer unter den Rock hielt und „Guck mal – jetzt lasse ich den Hammer verschwinden!“, lachte. Sie lachte zurück.

In der Sneak: Good Time

Die Frei:Wild-Fans nebenan nahmen das nicht zur Kenntnis, sie waren in ihre Currywurst und den großen Plastikbecher Bier vertieft. Gruselig hingegen waren die dunkelgekleideten Glatzkopfgruppen, mit ihrer weiblichen Begleitung, deren Haarfarben entweder mehrere oder extrem grell waren: Blond/schwarz oder pink. All das war gruseliger als die grüne Hexe im Hexenhaus.

Dieses wirkte von außen klein. Gruppe für Gruppe wurde hineingelassen, die Tür geschlossen, dann die Tür geöffnet, Gruppe raus, neue Gruppe rein und so weiter.

Die Horrornächte Babelsberg: Hexenhaus und Schniedelwutz

Die Tour der Gruppe vor uns endete mit einem Schrei. Die Tür ging auf, wir rein, 30 andere rein, Tür zu. Der Raum war so klein wie er von außen wirkte. Aber der Schrei versprach trotzdem Schrecken. Bevor die Tour beginnen sollte, klopfte die Hexe noch Sprüche: „Jetzt komma ren hier, wat warteste denn so lang?“, „Du da, bist du dumm oder wat?“, „Ick werde euch jetzt alle verfluchen. Morgen wachsen euch Schwänze … und du, du da, dir fällt deiner ab.“ Und weil es dann besonders gruselig werden sollte, sollten wir doch bitte einmal alle gemeinsam das Schreien üben. „AAAAAH!“. „So, jetzt hab ick euch verarscht, alle raus mit euch!“ Die Tür ging auf. Die Show war vorbei.

Schlange beim Hexenhaus

Es war nun halb neun und um elf sollte all das schließen. Die Zeit wurde knapp, Felix und ich mussten uns beeilen. Deswegen tranken wir schnell einen Glühwein mit Schuss. Der war sehr gut, weswegen wir beschlossen, bald noch einen zu trinken. Vorher aber wollten wir uns gruseln.

Dann ging es im Bauch süß-sauer gluckernd weiter zu Doktor Caligaris Grusellabyrinth. Felix kannte es vom letzten Besuch. „Super gruselig, mein Highlight“. Nachdem wir zwanzig Minuten in der Schlange gestanden hatten, ging es los, Felix‘ Highligt.

Lea Joy Friedel hat sie alle Mundtot gemacht!

In einer Gruppe von etwa 30 Leuten wurden wir durch einen dunklen Gang geführt. Regelmäßig stellten sich uns Kostümierte in den Weg, in der Hoffnung, wir hätten nicht gesehen, wie sie die kreischende Frau zwei Meter vor uns erschreckt hatten. Dabei waren die Kostüme und Arrangements großteils liebevoll gemacht: Lebendige Leichen in Badewannen, Charaktere aus Silent Hill, wie Pyramid Head oder gesichtslose Krankenschwestern.

Katharsis mit Glühwein

Leider war es aber bereits halb elf. Der Märchenwald war zu, obwohl es hieß, dass um elf erst Schluss sei. Die Fressbude neben dem Märchenwald wurde auch gerade geschlossen und uns kam ein fürchterlicher, ein grauenhafter Verdacht: Konnte es sein, dass wir keinen Glühwein mehr bekommen würden?

Wir rannten so schnell wir konnten, schubsten uns gegenseitig vorwärts und kamen völlig verschwitzt am Glühweinstand an. „Habt ihr noch Glühwein?“ „Ja.“ „Zwei mit Schuss, bitte.“ „Ok.“

Lustiger Clown

Um Viertel vor elf reichte es uns. Felix lallte bereits. Wir wollten gehen.

Am Eingang aber herrschte plötzlich eine überraschend hohe Konzentration von Erschreckern. Da war Leatherface mit seiner Kettensäge, ein riesiger Dämon, Jason Vorhees und all die Geister, Zombies und Horrorclowns, die schon in den letzten Stunden daran gescheitert waren, uns zu erschrecken.

Um kurz vor elf, wechselte die Geräuschkulisse von einer donnergrollenden Horrorfilmmusik zu einem fröhlichen Technodudel. Als dann der Beat droppte begannen alle Darsteller plötzlich wild zu hüpfen, zu tanzen und sich zu benehmen, als seien sie betrunken. Bis obenhin. Noch betrunkener als Felix.

Felix i(s)st ein Baby

Und so, ganz am Ende, erkannten wir die Aufgabe des ganzen Spektakels. Es ging nie darum, dass wir uns gruselten. Es ging immer nur darum, dass die Darsteller einen Riesenspaß hatten. Und das, so betrügerisch es ist, dafür Geld zu verlangen, ist eigentlich ganz geil. Nächstes Jahr jedenfalls bewerben wir uns ebenfalls als Erschrecker. Felix‘ Fäkalniveau gibt das her.

Der zog nach dem Event auch noch weiter in die Kneipe. Vielleicht hat er sich dort noch in die Hose gemacht. Aber wer will das schon wissen?

Die letzte Folge von „Taste the Waste“ könnt ihr hier nachlesen!

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