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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Auch beim Couchsurfing stellt sich die Frage: Kann etwas wirklich kostenlos sein, wenn man das Gefühl hat, eine Gegenleistung erbringen zu müssen?

Zwei junge Frauen packt die Reiselust. Mit magerem Geldbeutel planen sie eine Städtereise durch Europa. Ausschau nach Übernachtungsmöglichkeiten im gemischten 20-Betten-Schlafsaal zu halten, darauf verzichten sie dabei. Schließlich ist im Jahr 2016 Couchsurfing bei weitem nichts ausgefreaktes mehr.

Die Chance auf einen Schlafplatz, der mit nichts als seiner puren Anwesenheit bezahlt wird, ist schon länger bekannt. Doch da es sich als frustrierend langatmig herausstellt, einzelne Personen mit positiven Bewertungen direkt anzuschreiben, erstellen sie ein eigenes Profil mit offener Anfrage: »We are two girls from Berlin on a trip through Europe!«

Das Ergebnis: Es melden sich grundsätzlich nur Männer, die gerne auch andere Aktivitäten mit den beiden unternehmen wollen. Muss man wirklich nichts geben für diesen Schlafplatz? Geht es hier wirklich nur um einen kulturellen Austausch, wie auf der Webseite angepriesen? Weibliche Gäste, denkt sich so ein Männerhirn, werden mich wahrscheinlich nicht im Schlaf zusammenschlagen.

Sie sind womöglich ganz hübsch anzusehen, vielleicht sogar willig, und ich ›kann‹ bald mal wieder, denkt es und macht sich Hoffnungen. Der widerliche Onanist! Fremder Männerhirne Gedanken sind ein offenes Buch für die beiden Couchsurferinnen. Bleibt nur die Frage, wie sie bei der Sache dieses »Verkaufe ich hier gerade meinen Körper?«-Gefühl loswerden können.

Couchsurfing: Nehmen ohne Geben?

Erster Halt: Amsterdam. Pieters Profilbild trügt nicht. Der Mann hat Kohle und bestätigt nicht das ›Ich teile meine schmutzige Matratze mit dir in meiner 15qm-Wohnung‹-Klischee, an das man bei Couchsurferinnen vielleicht denken mag. Worum geht es ihm? Mit ihrem Berliner Sofa müssen sie ihm jedenfalls nicht kommen, er kann sich ein Hotel leisten.

Er spendiert Bier und legt bevorzugt Arme um Schultern und Hüften. Am nächsten Morgen will Pieter die beiden auf seinem Boot mitnehmen. Das klingt gut, aber lieber würden sie die Stadt auf eigene Faust erkunden. Sag das mal einem Mann, der dir gratis eine luxuriöse Unterkunft anbietet!

Gleiches Spiel mit Bastian in Paris. Andere Gestalt, aber das Gefühl bleibt creepy. Der Gastgeber zittert, starrt und ist partout nicht aus dem Zimmer zu bewegen. Lieb und unbeholfen wie er ist, sind sie auf einmal in der Position, ihm in seiner eigenen Wohnung Grenzen aufzeigen. Geht das oder ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man wider Willen Zeit mit dem Gastgeber verbringen muss?

Immer die Angst, dass die Caprisonne im Rucksack ausläuft und die Lateinhausaufgaben unleserlich macht
Immer die Angst, dass die Caprisonne im Rucksack ausläuft und die Lateinhausaufgaben unleserlich macht

Europa auf der Couch

»Wir holen uns die Welt auf die Couch!« ervorragend klingt das! Doch Europa besteht nicht nur aus lustigen Hippies ohne Hintergedanken. Die Realität sieht so aus, dass schwitzende Ü-40 Glatzköpfe entscheiden, wer wohin darf.

Wer aufnimmt, entscheidet, wer reinkommt. Vorzug bekommt immer nur die, die eine bestimmte Schiene bedient. Im globalen Kontext sind das dann die Syrerinnen mit akademischer Laufbahn, in der Couchsurfing-Bude junge, attraktive Europäerinnen.

Noch verrückter ist es bei José in Barcelona. Mit einer blonden Swetlana im Schlepptau gibt er gleich einen Drei-Tages-Plan vor und entführt die Couchsurferinnen in ein abgelegenes Haus, das viele leere Schlafzimmer und ebenso viele verstaubte Kinderfotos aufweist.

Nachts verbarrikadieren die beiden ihre Zimmertür mit ihren Rucksäcken und entscheiden, dass José Swetlana am nächsten Tag allein auf den Fischmarkt ausführen darf. Warum aus Nettigkeit bleiben, wenn von Anfang an die Alarmglocken schrillen? Das sind die eigenen Grenzen, die man setzt. Bei einem Blick zu viel, einem übergriffigen Tagesplan und einer leeren Wohnung der toten Oma.

Die Flucht ist vollzogen, doch in weiser Voraussicht haben sie sich noch mehr mittelalte Männer mit dubiosen Motiven und dünnen Matratzen warmgehalten. So treffen sie auf Nuno, bei dem das Gefühl vielleicht deswegen ein besseres ist, weil sich in der Wohnung noch weitere Couchsurferinnen tummeln.

Auch wenn die Serbinnen nachts Bäume zersägen, das 2-Mann-Bett eigentlich nicht für vier Menschen gedacht ist und man die schimmeligen Ecke nicht näher beschauen will, stellt sich zum ersten Mal das ein, was wir uns unter wahrem Couchsurfing vorgestellt hatten: gemeinsames Kochen, Balkongeschichten und sich nachts Michael Ende vorlesen. Hier wollen sie bleiben. Und tun es auch einfach.

Eine Woche und einen Tag lang, anstatt der angekündigten drei Nächte. Wenn es nach Nuno ginge, hätten sie noch länger bleiben können, auch wenn mittlerweile »echte Mitbewohnerinnen« eingezogen sind, die weniger glücklich über die deutschen Schmarotzerinnen sind, die nachts lauthals Rolf-Zuckowkis Kinderlieder schmettern.

Omas Schrankwand
Omas Schrankwand

Ein Abgesang auf das Couchsurfing

Sind die beiden einfach fiese Nutznießerinnen ohne Anstand? Weder Geld noch Körper wollten sie geben, nur eine gute Zeit und selbstgemachten verkochten Kartoffelsalat. Die Datinganfragen, die noch Monate später auf der Plattform der Studentinnen eintrudeln unterstreichen den Eindruck, dass hier nicht mehr wirklich die kostengünstige Multikulti-Reiselust im Vordergrund steht.

Vielleicht sind die Tage des Couchsurfing gezählt und Gratis-Reisen ohne Körper-Hergabe eine Utopie, ebenso wie offene Grenzen für alle. Als behütete EU-Kids können wir uns das leisten. Wir warten an keinen Zäunen, haben ein sicheres Heim. Zwei Wochen Urlaub, ohne je für eine Übernachtung zu zahlen, außer vielleicht mit dem schlechten Gewissen, bedeutet so viel Freiheit wie Egoismus.