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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Kannibalismus, Extremismus und unmoderne Werte – sie alle gehören zur Liebe. Doch halten wir kurz inne, nehmen die Zunge aus dem Ohr der Kommilitonin und hinterfragen das mal.

„I want to eat you up, honey.” – wir haben uns zum Fressen gern und am liebsten würde man sein Gegenüber ganz verschlingen. Eine solch kannibalistische Liebesmetaphorik ist im zeitgenössischen Liebesdiskurs nicht selten. Doch ist diese leicht destruktive Form der Einverleibung der geliebten Person nicht originärer Teil unseres modern-amourösen Wortschatzes, sondern taucht bereits in einem ganz anderen Kontext auf, nämlich dem der – Achtung, Concept Dropping – Transsubstantiation. Das meint die Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi: Jesus essen im Prinzip.

Überhaupt weist das moderne Liebeskonzept viele Parallelen zu eine Religion auf. Es hat seine eigene Symbolik und das rote stilisierte Herz ist heute so präsent, wie früher das Kruzifix; es besitzt seine eigenen Hymnen und Choräle und es gibt wenige Songs, die sich nicht um die Liebe drehen („All you need is love …“, „Love is all around me …“); und ihm werden Altäre in Form ausladender Pärchenfotocollagen und dergleichen mehr errichtet. Im Extremfall wird die Liebe zum alleinigen Sinn des Lebens – ein Dogma der Liebe. In diesem Fall wird freilich keine Gegenargumentation mehr zugelassen und auf Kritik folgt eine sofortige mentale Inquisition und die Verfemung.

 

Dionysische Orgien, christliches Orgelsolo

Unsere als selbstverständlich geltende Auffassung der Liebe ist historisch allerdings gar nicht so fest verankert, wie es uns in all dem wohligen Gesäusel erscheinen mag. Tatsächlich etablierte sich das Prinzip der monogamen Lebens- und Liebespartnerschaft erst um 1800, innerhalb der Romantik. In der Antike ging es noch recht ungezügelt zu: Liebesbeziehungen fanden meist außerhalb der offiziellen Partnerschaft statt und Sex unter Männern war mehr oder minder gesellschaftlich akzeptiert. Auch waren sexuelle Ausschweifungen kein gesellschaftliches Tabu, man denke nur an die dionysischen Orgien. Die Christianisierung und der damit verbundene Keuschheitsfeldzug der katholischen Kirche bereitete dem wilden Treiben zumindest auf dem Papier ein Ende. Sex hatte nurmehr der Fortpflanzung zu dienen und ausschließlich im Rahmen einer monogamen Ehegemeinschaft stattzufinden. Selbstverständlich waren diese Reglements für viele nur Formsache. Sexualität wurde von Fürsten und Fronbauern gleichermaßen und auf ziemlich anarchische Weise ausgelebt. Spätestens mit den Fesselspielchen des Marquis de Sade wurde dann noch etwas mehr Selbstbestimmung in den Diskurs eingeführt, womit der Grundstein für unser zeitgenössisches Verständnis von Liebe und unsere so selbstverwirklichende Promiskuität gelegt war.

 

Liebe will klare Entscheidungen

Seitdem ist viel passiert. Doch der Glaube an fortschrittliche Entwicklung und an die Liberalisierung von Sex und Liebe im Laufe des letzten Jahrhunderts, die mit einem Haufen verbrannter BHs einherging, ist im Grunde genommen nur ein Trugschluss. Zwar unterstand die Liebe früher einer strengen kirchlichen Doktrin. Im Dunklen jedoch gab man seinen Trieben in der Regel nach. Heute sind die amourösen Ansichten jeder Einzelnen offengelegt, die sexuelle Orientierung ist auf diversen Onlineplattformen einsehbar. Es wird essenziell, sich dem Urteil der moralischen Metaebene auszusetzen, um Teil des Systems zu sein. Denn wie die Religion neigt auch die Liebe zum Extremismus und verlangt klare Entscheidungen: Nicht mehr die zwischen Protestantismus, Katholizismus, Hinduismus oder Islam, sondern zwischen E-Darling und Tinder, zwischen kompromissloser Monogamie und amourösem Imperialismus.

Wer sich für Letzteres entscheidet und sich von der Idee der Zweierbeziehung zu distanzieren versucht, wird von Amors monogamen Jüngerinnen gnadenlos gelyncht. Und zwar nach Vorbild des bekannten Präzedenzfalles aus der europäischen Literaturgeschichte: Don Juan stirbt einsam und fährt zur Hölle. Ihm wird sein rücksichtsloser Egoismus vorgeworfen.

Doch ist die Glorifizierung einer monogamen Beziehung nicht auch nur ein Egotrip, eine Äußerung im Zeichen permanenter Selbstbeweihräucherung? Die Anderen werden zur Projektionsfläche für die eigene Egozentrik. So argumentieren zumindest die modernen Don Juans jedweden Geschlechts.

Die Forderung nach radikaler sexueller Freiheit und Individualität wirkt fast schon totalitär – alles oder nichts, unser zeitgenössischer Liebesdiskurs ist offenbar der einer hedonistischen Selbstverwirklichungsgesellschaft. So erscheint die destruktive Ebene des metaphorischen Liebeskannibalismus auch nicht mehr so abwegig: Wir fressen unser Gegenüber auf, verschlingen es aus reinem Egoismus. Doch wenn wir uns unsere Liebhaberinnen einverleiben wollen, sind sie dann nur austauschbare Projektionsflächen für unsere eigenen Wünsche? Die Liebe wäre dann eine recht einseitige und einsame Angelegenheit.

In Anbetracht unserer Situation scheint die Frage nach Echtheit und Selbstlosigkeit allerdings nur nebensächlich. Zur perfekten Selbstvermarktung der Generation Y gehört schließlich ein passendes Liebesentwurf: Monogamie, Polyamorie, Libertinage oder agnostische Resignation – aus dem bunten Regal der Konzepte kannst du frei wählen. All you need is – some kind of – love …

Anna Gien

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