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Beim Klimawandel sind sich die meisten einig: Der ist blöd. Da muss man was machen. Findet Al Gore auch, klar. Aber er redet auch gern über sich. Am 18.01. ist »Immer noch eine unbequeme Wahrheit« für die heimischen Wiedergabegeräte erschienen.

Es hat seinen Charme, wenn Al Gore zur unwissenden Masse predigt. Er, der Klimapapst, der es verstanden hat. Ja, es gibt den Klimawandel und er ist menschengemacht. Fast alle haben das Grundproblem verstanden. Aber Al Gore geht auf Nummer sicher und zeigt noch ein paar Diagramme und schmelzende Gletscher. Vielleicht hilft’s, wobei sich die Frage stellt, ob die Klimawandelleugner dieser Tage noch mit sachlichen Argumenten zu überzeugen sind. Trotzdem ist es doch ganz liebenswürdig, wenn ein Balken des Säulendiagramms sich zu pathetischer Musik in die Höhe erhebt. Fast schon ein gewisser Phallozentrismus.

Al Gores Forderungen sind, wie seine Grafiken und Statistiken, selten neu und selten radikal. Immerhin geht es um erneuerbare Energien; Wind, Sonne und so weiter. Müsste halt alles billiger werden, Investoren und so.

»Alle Räder stehen still, wenn der starke Al es will.« (Bundeslied)

Innovative Konzepte wie Postwachstumsökonomie oder Ressourcengerechtigkeit sind nicht erwähnenswert und auch Bewegungen, die sich für Klimagerechtigkeit einsetzen, finden keinen Platz in Gores One-Man-Show. Dafür wird die Klimabewegung angeblich von den »tausenden« Trainers angeführt, die der charismatische Solarzellen-Opa ausgebildet hat (»Climate Leaders«).

Seine Kinder führen die Bewegung an. Al Gore wird auch schon mal wütend. Dann schreit er rum und sagt mit viel Pathos »tut mir leid… ich werde gerade sehr wütend…« Alle klatschen. Die kollektive Katharsis der linksliberalen Kopfschüttler, die endlich wieder mal erinnert werden wollten, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Darauf erstmal einen Schluck Fair-Trade-Kaffee und dann mit dem SUV nach Hause.

Auch bei der UN-Klimakonferenz in Paris in 2015 spielte Big Al die entscheidende Rolle. Er brachte die indischen Delegierten in bester neokolonialer und paternalistischer Manier zur Vernunft. Wie regelte der mächtige Mann das? Indem er mit SolarCity telefonierte und einen Hammerdeal für Indien aushandelte.

Das entscheidende Telefonat sieht man im Film. Und Al macht den Deal klar: Solarzellen für umsonst. Oder in den Worten vom indischen Verhandlungsführer Ajay Mathur: »I don’t recall an offer of solar technology being discussed at all.«

»Wäre es möglich, ein Weltparlament zu wählen, dann wäre IMMER NOCH EINE UNBEQUEME WAHRHEIT ein Wahlwerbespot für die Al-Gore-Klima-Awareness-Partei.« (indiekino.de)

Was haben wir also gelernt? Am Ende gibt es zwei Optionen. Erstens: Der Klimawandel eskaliert und wir sind am Arsch. In diesem Fall ist Al Gore Schuld, denn er hat nicht genug getan. Schuldbewusst wird er auf den Boden schauen und schluchzen »ich war einfach nicht überzeugend genug!«

Variante zwei: Die Welt wird gerettet, alle Klimaziele erreicht, Halleluja. Dann ist das alleine Al Gores Verdienst. Er hat die Weltenretter ausgebildet, hat die Überzeugungsarbeit geleistet und sich nicht unterkriegen lassen. Hoffen wir also auf Al und beten, er möge uns alle erlösen. Wie heißt es schon im Text von »Die Internationale«: »Es rettet uns ein höheres Wesen, aber kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, kann nur Al Gore heut’ tun.«

Beitragsbild: imdb.com

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