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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Gestern zogen über 70.000 Menschen auf die Straße, hörten Techno, warfen mit Konfetti – und demonstrierten damit unter dem Stichwort »AfDWegBassen« gegen die AfD. Warum sind ausgerechnet Spaß und Liebe so gut gegen rechtes Gedankengut?

War das ein Getöse von Seiten der selbsternannten Alternative für Deutschland: Mit mindestens 10.000 Anhängern hatten sie gerechnet, als sie für den 27.05. eine Großdemonstration im Herzen Berlins ankündigten. Sie nannten es den »Tag der Abrechnung«, also quasi das Jüngste Gericht.

Die Ankläger: Deutschnationalisten, Patrioten, der Gauleiter und sein Storch.
Die Angeklagten: Merkel, Merkel, die Altparteien und sowieso alle, die nicht die AfD wählen.

Über 70.000 Menschen tanzten gegen rechte Volliditioten bei AfDwegbassen.
Foto: Lisa Ziegler

Dafür traf man sich zunächst am Hauptbahnhof, wo man all die 3000 verlorenen Seelen einsammelte, von denen es einige tatsächlich mit 50€ Taschengeld in der Brusttasche nach Berlin geschafft hatten. Dann zog man, »Lügenpresse« und »Volksverräter« rufend, als schwarz-rot-goldenes Flaggenmeer in Richtung Brandenburger Tor. Die Deutschlandfahnen hatte die AfD vorsorglich selbst mitgebracht und großzügig verteilt. Wenn schon Inszenierung, dann eben so richtig.

Popo! Foto: Lisa Ziegler
Liebe liegt in der Luft. Foto: Lisa Ziegler

Wummernde Bässe statt wimmernder Parolen

Es hätte also ein trauriger Tag für die deutsche Hauptstadt werden können. Wurde es aber nicht. Stattdessen zogen mindestens 25.000 Menschen – die Veranstaltenden sprechen von über 70.000 – auf 13 Gegendemonstrationen durch Berlin und feierten. Anstelle von dreifarbigem Einheitsbrei fand man dort Regenbogenflaggen und bunte Schilder, Glitzertattoos, Konfetti und gute Laune.

Vor dem Reichstagsgebäude wurden den ganzen Tag antifaschistische Reden gehalten. Unter anderem vom JuSo-Vorsitzenden Kevin Kühnert, der davor warnte, die Argumente und Sprache der AfD zu übernehmen und mit Blick auf die Teilnehmendenzahlen beider Seiten festhielt: »Die sind nicht die Mehrheit. Also lasst uns auch nicht so tun als ob.«

An anderer Stelle schoben Clubs ihre Boxen auf die Straßen und leiteten mit Technomusik die Ströme an Gegendemonstrierenden an, die ebenfalls zum Brandenburger Tor unterwegs waren. »Ganz Berlin basst die AfD« rief man den Rechtspopulisten so laut entgegen, dass der erste Satz der Rede Alexander Gaulands lautete: »Könnt ihr mich verstehen?«

Sie warten auf ihren Einsatz, um den Staat zu schützen.
Foto: Lisa Ziegler

Zu viel Party, zu wenig Politik?

Dass das Motto der Demonstration vor allem »Bass und Musik« war und dementsprechend mehr getanzt als marschiert wurde, gefällt aber nicht jeder und jedem. Dabei ist es eigentlich ein recht simples Prinzip: Wenn man sich Hass und verschränkter Ideologien entgegenstellen möchte, dann tut man das am besten mit viel Liebe und Offenheit.

Dennoch gibt es Menschen, die genau das nicht verstehen wollen: Man sollte lieber »richtig« demonstrieren, statt einen auf Karnevalszug zu machen. Straßenfeste gebe es doch schon genug in Berlin, lautet des Öfteren die Begründung.

Jetzt stellt sich die Frage, ob es jemals eine Art von friedlichem, antifaschistischem Protest geben kann, der nicht richtig ist. Denn ob man nun gegen Nazis im Gleichschritt marschiert oder gegen Nazis tanzt: Hauptsache, man ist überhaupt gegen Nazis. Und weder das eine noch das andere hält irgendwen davon ab, geile Plakate zu basteln, sich an Sprechgesängen zu beteiligen und sich klar zu positionieren.

Demonstrieren, ja bitte, aber dann nicht so schwul!

Es ist genau die gleiche Kritik, die auch jährlich der größten Partydemo der Welt, dem CSD, vorgehalten wird. Wieso müssen da alle so verrückt sein, so bunt und so laut? Kann man und frau und alles dazwischen nicht ein wenig zurückhaltender für eine tolerante Gesellschaft protestieren?

Gegenfrage: Warum versauern, wenn man auch sich und das Leben feiern kann? Egal wie man an die Sache rangeht, die Gegenseite wird man nicht mit Fakten oder Argumenten erreichen. Und wenn man schon unter sich ist, sollte man so demonstrieren können, wie man sich das Leben ohnehin vorstellt. Frei und lustig und bunt und verrückt.

Da es das Ziel einer jeden (Gegen-)Demo ist, möglichst viele Menschen zu mobilisieren, ist es so oder so eine ziemlich clevere Strategie, auf Party zu setzen. Es macht nun mal deutlich mehr Spaß zu tanzen und gute Laune zu haben, als böse dreinzublicken und wütende Parolen zu rufen. Auch deswegen waren auf der einen Seite 70.000 Personen und auf der anderen nur 3.000.

Noch mehr Glitzer? Schaut her!

10 Bücher, die niemand lesen sollte. Danke Sören!

Eine verdiente Abreibung für Slackline-Arschlöcher.

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