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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Bis vor kurzem glaubte ich, YouTube bestehe aus Musikvideos, die ich mir – dank GEMA – nicht ansehen darf und aus Nerds, die mir beim Zocken helfen. Doch als ich aus Gründen der persönlichen Kompetenzerweiterung nach Videos zur professionellen Eyelinerverwendung gegoogelt hatte, eröffnete sich mir eine völlig neue Welt: Das Reich der Beauty Gurus. Sie erinnern an die Charaktere aus amerikanischen Vorstadtserien, in denen selbst die Antagonistinnen so nett sind, dass man nicht weiß, ob man sie liebhaben oder vollkotzen soll. Sie sind immer nett und haben immer Spaß: bei Challenges, beim Schminken, bei der Präsentation ihrer Einkäufe. Ihr größtes Problem ist die Suche nach dem richtigen Concealer für nicht vorhandene Pickel. Dazu gibt es dann noch den süßen Boyfriend und fertig ist das Abziehbild für das Mädchen von heute.

So manche Vloggerin verdient damit gar nicht schlecht, denn dem vielgeklickten Beauty Guru winken einträgliche Deals mit großen Kosmetikherstellerinnen. Doch natürlich geht es vor allem um die Fans. Und die himmeln nun, statt des weit entfernten Stars, das Mädchen von nebenan an, welches sich nicht zu schade ist, wirklich jede Frage zu Lippenstift und Jungsproblemen zu beantworten. Wie konnte ich bisher nur ohne das Wissen leben, wie ich meine Augenbrauen richtig highlighte? Wie hätte ich ahnen können, dass 13-Jährige noch nicht so viel Rouge brauchen wie 18-Jährige, oder dass schlecht liegendes Haar durch Mützen kaschiert werden kann?

Das Gute an dieser völlig sorgenfreien First-World-Realität: Es zeigt mir, wie glücklich ich eigentlich bin – ohne fünf verschiedene Lidschatten, ohne Kamera, ohne Fans. Nach zwanzig langen Minuten leidlicher Lidstrichlehre verlasse ich schließlich ungeschminkt das Haus – die Sonne strahlt mich trotzdem an.

Naemi-Theresa Eydam

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