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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Aber Erasmus in Umeå? Erasmus in Stockholm, okay. Aber in Umeå? Zugegeben, ganz oben auf Hellis Wunschliste stand das nordschwedische 100.000-Einwohner-Städtchen nicht. Trotzdem ist sie nun hier.

Wenn schon Schweden, überlegte Helli sich, dann richtig: nass, kalt und dünn besiedelt. Nach nicht allzu langer Zeit aber saß sie in ihrem Zimmerchen im Studentinnenwohnheim, schlug die Beine übereinander, rechnete aus, dass sie noch sieben Monate vor sich hatte und war sich nicht mehr so sicher. Einzig ein Kunstwerk an der Wand spendete Trost: Irgendwas mit Birken.

Die Anfangszeit war nämlich schwierig. So gerne wollte Helli das wahre Schweden erleben: Die Leute, die Sprache und die kleinen roten Schwedenhäuschen. Doch fies wie die Schwedin, blieb sie lieber für sich. Nichts außer »Hallo und Tschüss« in der Wohnheimküche. Um bei minus 27 Grad und permanenter Dunkelheit nicht in Depressionen zu verfallen wie so viele ihrer Kommilitoninnen, musste sich Helli was einfallen lassen.

Die schwedische Gesellschaft hat vorgesorgt, damit nicht alle ihre Angehörigen dem Suizid oder kleinen Vampirmädchen anheimfallen. Helli wählte Vitamin D in Pillenform und regelmäßiges auspowern im Fitnesscenter um die Ecke. Geil auch die Lichträume: ganz wunderbar gemütlich, gratis und vollgepumpt mit UV-Licht. Auf flauschigen Sofas und knuddeligen Kissen machen es sich die Studentinnen hier bequem und bekämpfen ihren Melaninmangel – man hat immerhin den Ruf des schönsten europä-ischen Volks zu verteidigen.

Zur Uni geht Helli natürlich gerne und regelmäßig. Nur manchmal, wenn die schwedische »Du-Reform« in den Seminaren auf sie herniederprasselt, fühlt sie sich wie bei einem IKEA-Besuch und vermisst die deutsche Spießigkeit. Vor einigen Jahrzehnten wurde in Schweden die Förmlichkeit abgeschafft. Einfach so, per Gesetz. Seitdem duzt man sich. Nicht mehr nur Lovergirls, Freunde und gute Bekannte – einfach alle.

Auch mit dem Geld ist das so eine Sache: Nichts, wirklich gar nichts kostet weniger als zehn Kronen, circa einen Euro. Vom Alkohol gar nicht anzufangen. Selbst in der ranzigen Eckkneipe zahlt die Schwedin mindestens sechs Euro für ein mittelmäßiges Bier. Den Absacker spontan zu kaufen, ist auch nicht drin. Die Öffnungszeiten des Systembolaget, dem Alki-Supermarkt, sind alkoholismuserschwerend kurz.

Jenseits von Alkoholgelüsten gibt sich die Schwedin gerne den Süßigkeiten hin und süßes Gebäck wird mit ebenso süßem Kaffee in großen Mengen zu sich genommen. Richtige Schlemmermäulchen sind sie, diese Nordlichter. In den Supermärkten tummeln sich die Süßigkeiten-Liebhaberinnen vor dem riesigen Regal mit unzähligen Varianten an Bonbons, sauren Drops und bunten Lollis.

Samstag heißt Lördag und am Lördag kauft die Schwedin Lördagsgodis, also Samstagssüßigkeiten. Immer! Zu gerne übernimmt Helli diesen Brauch und rangelt vereint mit den Schwedinnen um die besten Leckerbissen.

Nach einigen Monaten lief es dann auch mit ihren Mitbewohnerinnen besser. Vodka wirkt nämlich selbst bei verkrampften Schwedinnen. Wer braucht schon Erasmus-Partylife, wenn es Lördagsgodis und Fredagsmys gibt. Das Freitagskuscheln beschreibt den perfekten Freitagabend: Wein mit den Freundinnen, zusammen kochen, Chips essen und fernsehen. Und Helli kuschelt, was das Zeug hält.

Jetzt kann man langsam wieder rausgehen, ohne sofort sämtliche Glied-maßen an die Kälte zu verlieren. Nach dem Mittagessen scheint sogar noch die Sonne. Die Selbstmordrate sinkt. Bald ist Sommer!

Luna Graffé