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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

ZurQuelle hat Assira auf der Venus getroffen. Zwischen Mehl und Milch hat sie sich einige Zeit für uns und unsere mega deepen Fragen genommen.

Was haben Porno- und Liebesfilme gemeinsam, Assira?

Assira (5) studiert in Hamburg Soziologie und Philosophie im dritten Semester. Nebenbei arbeitet sie als Erotikkünstlerin. Eigentlich wollten wir ihr Alter in Klammern hinter ihren Namen schreiben. Gefunden haben wir die “18”. Das glauben wir nicht. Stattdessen steht hinter ihrem Namen nun die Anzahl der Finger, die sie sich auf einmal reinstecken kann. (fünf, fünf Finger und eine halbe Hand).

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Wir trafen Assira auf der Erotikmesse Venus, die Mitte Oktober 2015 in Berlin veranstaltet wurde. Assira reflektiert kritisch ihren Job und widersetzt sich damit dem Klischee von Erotikdarstellerinnen. Sie macht sich Gedanken und lässt uns daran teilhaben.

 

zQ: Assira, Wie bist du zur Pornobranche gekommen?

A: Ich war mit dem Abitur fertig und wollte nicht sofort anfangen zu studieren. Ich war mir unschlüssig, was ich machen möchte. Also suchte ich nach einem Job und habe in der Zeitung eine Annonce gelesen „Jetzt Webcam Girl werden“. Ich war schon immer ein bisschen angezogen von allem, was mit Erotik zu tun hat. Man sieht dazu ja viel im Fernsehen und in den Medien. In Berichten über die Erotikbranche habe ich die Frauen, die dort zu sehen waren, immer sehr bewundert und habe mir heimlich auch gewünscht, irgendwann mal so etwas zu machen. Also habe ich mir gesagt: Wenn nicht jetzt, wann dann? – Und habe angefangen.

Hast du als Soziologin ein Problem mit dem Frauenbild, der Objektifizierung von Frauen in der Pornobranche?

Es sind nicht nur die Frauen, die als Objekte dargestellt werden. Auch Männer müssen in den Filmen immer einen stehen haben, müssen immer funktionieren. Außerdem muss man bedenken, dass Porno immer Fiktion ist – genau wie ein Roman oder ein Spielfilm. Wer nicht in der Lage ist, Realität und Fiktion auseinander zu halten, sollte mal grundlegend über sich nachdenken. Man kann dieses Frauenbild, das im Porno gezeigt wird, nicht eins zu eins in die Realität übertragen, genauso wie man die Aussage eines Liebesfilms nicht in die Realität übertragen kann.

Gleichzeitig gibt es den Trend, Pornos für Frauen zu machen. Wäre das für dich auch eine Option?

Ja, dazu wäre ich auch bereit. Ich drehe allerdings nicht sehr viele Pornofilme. Ich bin meist vor der Webcam tätig. Aber wenn ich für ein solches Projekt angefragt würde, würde ich da natürlich gerne mitmachen.

Ist die Erotikbranche im Moment eher dein Lebensmittelpunkt, oder dein Studium?

Das ist schwierig. Ich muss ehrlich sagen, dass ich im Moment mehr Zeit in den Job investiere und daher im Studium auch weniger schnell vorankomme als die meisten meiner Kommilitoninnen. In den Semesterferien vergesse ich manchmal völlig, dass ich überhaupt Studentin bin. Dann konzentriere ich mich drei Monate auf meinen Job. Trotzdem habe ich eine größere Leidenschaft für mein Studium, insbesondere für die Philosophie. Das würde ich, wenn ich Prioritäten setzen müsste, über meinen Job stellen.

Sagst du deinen Kommilitonen immer direkt, was du beruflich machst?

Damit warte ich immer lieber ein bisschen. Wenn ich jemanden besser kennenlerne und die Sprache darauf kommt, sage ich schon, was ich mache. Aber wenn ich von Fremden gefragt werde, sage ich, dass ich in einer Firma arbeite, die Online-Inhalte produziert und verkauft. Ich lüge dabei nicht, halte das ganze aber eher oberflächlich, so dass sich niemand was darunter vorstellen kann.

Wenn du privat Sex hast, vermischst du das mental mit deinem Job oder schaffst du es, Job und Privatleben dahingehend zu trennen?

Gewissermaßen spielt mein Job da schon eine Rolle, weil ich dadurch deutlich offener und entspannter geworden bin, auch was mein privates Sexleben betrifft. Aber ich habe privat wirklich ganz anderen Sex als den, den ich vor der Kamera zeige. Das ist dann keine Show und ich achte nicht auf Sachen wie: „Sieht diese Pose jetzt gut aus?“ oder „Dreh ich mich jetzt lieber so herum?“ – sondern lasse mich einfach gehen. Das ist der größte Unterschied dabei.

Wie stehst du zum Verhältnis der Pornoindustrie zur Homosexualität? Für alle scheint lesbischer Sex völlig Okay zu sein, wohingegen schwuler Sex…

… tabuisiert wird, ja. Ich kann nicht erklären, wo das herkommt. Es gibt natürlich auch eine große Szene für Schwulenpornos, die aber dann ja auch nur von Homosexuellen konsumiert wird. Ich weiß nicht, woher diese Tabuisierung kommt. Ich denke, dass es auch mit ästhetischen Aspekten zusammenhängt. Zwei Frauen sind für das Auge vielleicht ansprechender als zwei Männer. Eigentlich finde ich es sehr schade, dass Männer sich nicht so offen ausleben können und sich immer noch verstecken müssen, wenn sie Homo- oder Bisexuell sind. Das ist in der Realität schade und es ist auch schade, dass das auf die Pornoindustrie so übertragen wird.

Sarah Bender, Alexander Hilckmann, Robert Hofmann

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