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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Warum braucht ein Mensch 16 Semester für den Bachelor? Dem selbstgerechten Langzeitstudent ist klar: Er selbst ist nicht der Grund dafür.  Die wahren Schuldigen sitzen woanders.

Lebensentscheidungen sind meistens die schwersten. Eigentlich solltest du sie nicht in den Momenten treffen, in denen du sie triffst – und immer treffen wirst. Mitten in der Nacht schreckst du dann auf, unter deiner Decke hat sich eine müffelnde Lache gebildet. Die Bilder deines Albtraums sind verschwunden, die Atmosphäre und Stimmung sitzen dir aber noch in den feuchten, nun langsam eiskalt werdenden Knochen. Irgendetwas stimmt nicht. Was es ist, ist schwer zu sagen, doch der Schlaf kommt nicht zurück und so onanierst du eben.

Mit klarem Kopf setzt du daraufhin an, zu denken, zu reflektieren und die einstige Leichtigkeit fängt langsam an zu krusten. Die nächste Hausarbeit muss in anderthalb Wochen fertig sein. Weder warst du in der Bibliothek noch weißt du, worüber du überhaupt schreiben willst.

Außerdem liegen zwischen dem klebrig muffigen Jetzt und dem „Absenden“-Button gen Postfach deines Dozenten noch drei Präsenztage in der Uni. Das sind die Tage, an denen du da sein musst.. Zusätzlich noch zwei Tage Arbeit und unzählige kleine Dinge, ohne die das Leben nun mal nicht funktioniert – unabhängige Magazine, die besten der Welt, erst recht nicht.

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Einsicht ist der erste Schritt zum Tod des Langzeitstudiums – oder?

Und so kommt das bittere Eingeständnis: Das wird nichts mehr.   Und damit nicht genug, denn der Rattenschwanz, sehnig und unbehaart, auf irrationale Art eklig, der daran hängt, glänzt im fahlen Mondlicht aufdringlich pink und fleischig, sehr lebensnah und bedrohlich.

Das wird nichts mit dem Studienabschluss in diesem Semester. Nun also doch sechzehn davon. Das hattest du doch vermeiden wollen. Wie konnte es so weit kommen?

Eigentlich ist die Antwort viel deprimierend einfacher, als es dir lieb sein kann.   Du hast dein Studium von Anfang an falsch aufgezogen, nicht mit vollem Elan deine Pflichten erfüllt, deine Hausarbeiten, sobald es möglich war, in die Ferne geschoben – und sowieso warst du faul und unfähig und hässlich.

Ein guter Langzeitstudent hat eine Rechtfertigung für jedes Semester.

Da war das erste Semester. Da warst du noch so motiviert, warst bis acht Uhr abends in der Uni, bist nicht eine Viertelstunde vor Ende der Veranstaltung heimlich aus dem Seminar geschlichen, um pünktlich deine Bahn zu bekommen. Du warst jedes Mal anwesend, weil mehr als 30 Prozent Fehlzeit dich dein Studium hätte kosten können. Und schließlich studiertest du, um etwas zu lernen.

Dann kam das ewige, das siebenjährige zweite Semester. War es das S-Bahnchaos im Winter? Oder im Sommer? Auf jeden Fall der kalte Winter Berlins. Wer sich da raus traute, musste verrückt sein. Ständige Verspätungen, Glatteis auf den Straßen und die konstante Erkältung. Da konnte man schwerlich von dir erwarten, weiterhin die Motivation aufrechtzuerhalten, mit der du einmal gestartet warst.

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Und das Sommersemester danach. Ständig blühten die Blumen, überall wurde gegrillt und Bier getrunken und die Mädchen trugen kurze geblümte Kleidchen wo man hinsah. Wer setzt sich da in einen unklimatisierten Vorlesungssaal? Zumal es Dozenten gibt, die sich weigern, in einem stickigen, prall gefüllten Vorlesungssaal die Fenster zu öffnen – hat ein solcher das Recht auf eine unbefleckte Anwesenheitsliste?

Das Jahr im Ausland, wer könnte es dir verdenken? Der Berliner Winter ist ja wohl mehr als Grund genug, nicht in Deutschland sein zu wollen. Außerdem, was ist denn mit dem vielbeschworenen Lebenslauf, den es zu gestalten gilt? Und dass du auf Spanisch nur schwer irgendwelche wissenschaftlichen Texte lesen kannst, sollte auch klar sein. „Buenos Dias, quiero estudiar, por favor“ „Si si, senor estudiante erasmus, por favor, dame una cerveza con muchos perros en la playa, si si!“

Strukturelle Probleme des Systems bedingen das Scheitern des Langzeitstudenten

Die Zeit als AStA-Referent folgte, auch der Anspruch, ein wenig Geld zu verdienen. Erasmus erzeugt nämlich aus der einjährigen strukturellen und absoluten Verantwortungslosigkeit gegenüber sich selbst eine Motivation, das Leben in die Hand zu nehmen, es umzukrempeln und endlich etwas daraus zu machen.

Wer aber erwartet von einem AStA-Referenten, dass er sein Studium in gleichem Umfang verfolgt wie ein Nicht-AStA-Referent? Höchstens die eigenen Eltern, alle anderen lassen sich mit einem „Sehr geehrte …, aufgrund wichtiger AStA-Verpflichtungen kann ich heute leider, muss ich leider, wird leider … mfG RH-Referent für…“ abspeisen.

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Und plötzlich dann das letzte Semester. Zumindest das erste letzte Semester. Auf einmal wird die Studienordnung interessant, von der du gerade zum ersten Mal gehört hast. Und schnell wird dir bewusst, dass da einiges nicht so klar und deutlich ist, wie du es dir aus dem Gehörtsagten so in deine eigene fiktiv-akademische Welt hinein konstruiert hast.

Da Fehlen Modulprüfungen, Schlüsselqualifikationen, ein sechswöchiges Praktikum und natürlich eine Bachelorarbeit, die mit Thema versehen, angemeldet und dann noch geschrieben werden muss. Und das alles in einem Semester?

Nein, das geht nicht.

Deshalb eben zwei, das nimmt die Brisanz aus den akademischen Ansprüchen, mit denen du deine kleine erdachte Welt vor eine ernsthafte Zerreißprobe gestellt hast. Denn zerrissene Welten können Persönlichkeiten spalten und Menschen ernsthaft traurig machen.

Und dann stehst du also an dem Punkt, an dem das zweite letzte Semester das erste wirklich letzte werden soll. Vor dir liegt das Praktikum, du hast eine erste grobe Idee für die Bachelorarbeit, zwei Modulprüfungen von vieren hinter dir und ein relativ geregeltes Einkommen. Alles fügt sich perfekt ineinander – bis ein Zahnrad stehenbleibt und der Apparat stillsteht.

Taste the Waste #31: The Witches

Alle Räder stehen still, wenn der starke Arm des universitären Bürokratieapparats es will. Die Modulprüfung soll Ende des Jahres abgegeben werden. Ein dreiviertel Monat, der von sich aus bereits nur ein halber Monat ist, weil er nicht irgendein Monat, sondern Dezember mit all seinen bürgerlichen Genüssen und Ausschweifungen ist.

Mit dem Groschen fällt der Würfel und das holprige Sprachbild gleich mit

Alea iacta est. Die Entscheidung ist getroffen. Die kalte Pfütze unter dir weiß: Dieses Semester wirst du dein Studium nicht abschließen. Du wirst es gar nicht versuchen. Stattdessen machst du weiter wie bisher. Und so zerschellt der Studienabschluss in diesem Semester auf dem Boden  wie ein Elefant, der aus hoher Höhe auf einen Porzellanladen kracht.

Das ist natürlich wirklich ärgerlich, zumal die ewige Faust der elterlichen Finanzierung bereits schmerzhaften Druck auf deinen akademisch ausdauernden Nacken ausübt. Aber wo du nicht drin steckst, steckst du nicht drin. Und wo das Sprachbild nicht stimmt, fehlt eben ein besseres.

Du hast mit Sicherheit nicht von Anfang an dein Bestes gegeben, aber du hast gegeben. Dass der Abschluss in diesem Semester nicht sein sollte, ist ärgerlich, aber besser als mehr Nächte wie diese.

Und solange du noch einen Artikel darüber schreiben kannst, in dem du andere Dinge als dich selbst für dein Versagen verantwortlich machst, ist der letzte Zug nicht abgefahren, das letzte Wort nicht gesprochen und deine bürgerlich akademische Arroganz nicht angekratzt. Gute Nacht.

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