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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Ob Brotmesser oder Suppenlöffel, ob Geldautomat oder Portemonnaie: Aus der Sicht einer Linkshänderin sind die meisten Dinge schlichtweg falsch konstruiert, nämlich von Rechtshänderinnen.

An manchen Tagen will auch einfach überhaupt nichts funktionieren: Der Schnürsenkel ist gerissen, du verbrennst dir die Zunge an zu heißem Kaffee und bekleckerst damit obendrein noch dein weißes Hemd. An einem solchen Tag beten sie dir dann immer wieder vor, du seiest „heute Morgen  wohl  mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden”. Und wenn du schon motorisch wenig anspruchsvolle Tätigkeiten nicht gebacken bekommst, dann habest du „eindeutig zwei linke Hände”. Diese beiden Beispiele lassen bereits erahnen, worum es im Folgenden gehen soll. Bedeutungsleere Binsenweisheiten sind jedoch nur der Anfang einer schier endlosen Kette von Diskriminierungen der linken Seite. So wird ein zwielichtiger Mensch in Deutschland gerne mit „linker Vogel“ betitelt. Wer ein krummes Ding dreht, der macht „linke Geschäfte“ und unwichtige Sachen lässt man „links liegen“. Die negative Konnotation der unrechten Seite blickt auf eine lange Vergangenheit: Schon das lateinische Wort sinister meint nicht bloß „links“, sondern auch „unheilvoll“.

Die rechte Ordnung

Diese Abwertung findet sich nicht nur in unserer Kultur: In manchen ghanaischen Stämmen ist es Linkshänderinnen verboten, den Thron zu besteigen; im arabischen Raum ist die juckende rechte Hand ein gutes Omen für finanziellen Erfolg. Wem hingegen die linke Hand kribbelt, kann sich schon einmal darauf einstellen, mit dieser demnächst tief in die Tasche greifen zu müssen. In vielen Kulturen rund um den Erdball wird zudem die linke Hand während des Essens unterm Tisch gelassen, da sie als unrein gilt.

Als wäre die verbale und kulturelle Herabsetzung nicht schon genug, nötigt auch der Alltag eine Linkshänderin zu einem ungewollten Hindernisrennen. Bereits allmorgendlich in der Küche begegnen ihr Wasserkocher und Toaster, beide mit der Skala auf der falschen Seite. Das gleiche gilt für die Kaffeemaschine. Die Mikrowelle hat nicht bloß alle Bedienelemente auf der rechten Seite, sondern lässt sich auch noch nach links öffnen, damit sie mit rechts komfortabel befüllt werden kann. Ganz zu schweigen vom einseitigen Wellenschliff bei Brotmessern oder von Suppenkellen mit Ausgusskerbe. Und nun stelle sich mal eine all die Strapazen vor, welche die Linkshänderin in einem für den Rechtsverkehr gebauten Auto erwarten.

Beleuchten wir das Ganze einmal von der finanziellen Seite: Schon der Kauf eines geeigneten Geldbeutels dauert länger als gedacht. Benutzt eine Linkshänderin instinktiv ein handelsübliches Portemonnaie, bekommt sie es schnell mit dem Scheinfach zu tun. Die Scheine tapezieren den Fußboden, denn das anscheinende Scheinfach zeigt nicht nur scheinbar nach unten. Auch Geld- und Fahrkartenautomaten machen deutlich, welche Handseite regiert. Eine lethargische Linkshänderin hat hier ihren Geldbeutel in der rechten Hand und muss nun ihre Geldkarte mit der linken Hand umständlich zur rechten Seite führen, um dort im richtigen Winkel den Kartenschlitz zu treffen. Der Fahrkartenautomat möchte überdies die PIN-Nummer auf der rechten Seite wissen und man mag an dieser Stelle kurz innehalten und sich die hierfür nötigen Verrenkungen vorstellen.

Auch Linkshänderinnen haben Rechte

Hürden begegnen und Erniedrigungen widerfahren der Linkshänderin also in allen denk- wie undenkbaren Lebenssituationen. Und jetzt soll noch eine kommen und dilettantisch behaupten, ich sei mit dem falschen Fuß aufgestanden oder hätte zwei linke Hände; meistere ich doch tagtäglich all jene durch Industrie und Gesellschaft errichteten Fallen und trotze mit meinem Linkshänderinnenlineal, dem Linkshänderinnencollegeblock und einem händigkeitsneutralen Portemonnaie allen Strapazen.

Am 13. August ist übrigens der Weltlinkshänderinnentag, um auf die Diskriminierung motorisch Anderslebender aufmerksam zu machen. Dean R. Campbell rief diesen Tag 1976 nicht grundlos an einem Freitag ins Leben: Es ist eine ironische Anspielung auf die unzähligen Mythen, welche sich sowohl um die Linkshändigkeit als auch diesen traditionellen Unglückstag ranken. Anders als der unsinnige Wiggle Your Toes Day, welcher genau eine Woche früher zelebriert wird, bietet der Tag der Linkshänderinnen eine unverzichtbare Plattform. Gekämpft wird zum Beispiel für die Freiheit, eine Dose Ravioli zu öffnen, ohne dabei lebensgefährliche Verletzungen riskieren zu müssen. Ich schließe mich an und plädiere hiermit für Dosen mit Ringverschluss und natürlich für mehr händigkeitsneutrale Produkte! Seitdem es hierzulande nämlich als Körperverletzung gilt, Linkshänderinnen umzuschulen, gehöre ich ja einem nicht mehr allzu geringen Teil unserer Gesellschaft an.

Nicht zu vergessen: Das Mekka der Linkshänderinnen ist der Stamm der Mofus in Kamerun. Dort gilt die linke als die starke, gute und ehrenwerte Seite und die rechte als die schwache.

Konstanze Stoll

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