Zum Seiteninhalt

ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Justine lebt den Traum einer Berliner Hipsterin: 150 Quadratmeter stuckbeschmückter Altbau, Abende in Schuhkartonkneipen und ein internationales Flair zwischen Studentinnen aus aller Welt. Im zweiten Semester studiert sie jetzt schon in Warschau, aus Deutschland fehlt ihr eigentlich nur der Quark. Ehrlich. Sonst ist alles perfekt, denn: Warschau ist wie Berlin. Nur kleiner und günstiger.

Man könnte es also auch das Leipzig des Ostens nennen. Das macht zum Glück aber niemand.

Ihr erstes Semester hat Justine ganz im Sinne Erasmus‘ von Rotterdam verbracht, dem alten Hallodri:  Jeden Abend unendlich viel Bier und noch mehr Wodka trinken. Der ist dank Mini-Cocktail-Shots tausendmal leckerer als bei uns. Mittwochs gab es den obligatorischen Flatrate-Saufclub-Besuch: Ins kostenlose Bier, so munkeln ihre polnischen Freundinnen, sei Wodka gemischt. Ähnlich die  Partys, kaputte Betten und Aufblas-Delfine inklusive. Ihr wisst nicht so ganz, wie so etwas von statten geht? Justine weiß es auch nicht mehr. Von der ganzen Sauferei ausgelaugt, hat sich ihr Ausgeh-Programm verlagert. Wenn sie dir heute Warschau zeigt, sieht das anders aus:

Erstmal wird das Standardprogramm abgeklappert: Kultur- und Wissenschaftspalast, Nowy Swiat, Universitätsgebäude, Altstadt. Das Museum of Modern Art ist kostenlos. Abgehakt, endlich wieder trinken. Ganz ohne macht ja auch keinen Spaß, bloß nicht übertreiben mit der Abstinenz. Abends geht es zu diesem Zweck an den Plac Zbawiciela, Hipster-Square genannt, um versammelt an der Regenbogenskulptur in der Mitte Bier zu trinken.

Direkt weiter in die Pawilony, zu den Schuhkartonkneipen. Hier gibt es leckere kulinarische Kleinigkeiten für umgerechnet fast nichts, Bier und Shots für noch ein bisschen weniger. Der gepflegte Einsatz der trinkbaren Wundermittel zum Stimme ölen und mutig machen ist auch wichtig, besonders für Anfängerinnen. Denn  Donnerstags ist Karaoke – nur auf polnisch, versteht sich. Einer Jeden, die aus diesem sprachlichen Härtetest feuergetauft hervorgeht, graut nichts mehr. In diesen Reihen wird bei dem Satz „Ein Club in einem Kraftwerk!“ nur noch gegähnt, denn in Warschau gehen die hippen Technojüngerinnen im  Nowa Jerozolima feiern: ein Technoschuppen in einem ehemaligen Kinderkrankenhaus.

Vielleicht wäre aber auch ein gepflegter Trip die richtige Annäherung, denn die Hoffnung, durch ein Erasmus-Semester automatisch die Kultur und Menschen des Gastgeberlandes kennenzulernen, hat Justine als Illusion entlarvt. Die polnische Sprache übt sie am liebsten bei der Gemüsehändlerin; die Sprachschule wimmelt von Ukrainerinnen, die eh schon alles wissen. Richtig heimelig fühlen kann sich so Manche jedoch an der Uni, denn die in Warschau und Potsdam sind irgendwie Seelenverwandt: Anwesenheitspflicht, dauernd nervende Abgaben und niedriges Niveau. Was wollen wir also noch hier? Pack den Quarkkoffer, bitch und los geht’s!