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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Es ist ein wenig wie der Big-Brother-Container: 200 Studentinnen –  zum ersten Mal für längere Zeit im Ausland und ganz auf sich gestellt – zusammengepfercht in den WGs einer fremden Stadt. Unter dem Vorwand, ihr Studium im internationalen Rahmen fortzuführen, lernen sie sich auf Speed-Dating-artigen Einführungsveranstaltungen und schlechten Bumspartys kennen. Was wird geschehen? Wer mit wem? Bleiben die Nationen unter sich? Und geht irgendwer in die Uni?

Loona (Name nur geringfügig geändert; Anm. d. Red.) ist seit sechs Monaten in Lissabon. Vier weitere sind yet to come. Die Ex-Bonnerin, Ex-Potsdam-Studierende und derzeitige FUlerin hat hier die Zeit ihres Lebens. Die Zauberdroge, die das möglich macht, heißt Erasmus. Wie „Eraschmusch“ klingt es, wenn die Portugiesinnen das aussprechen. Nach anfänglichen BAföG-Problemen und Zeiten, in denen sie sich zwischen Alkohol und Spaghetti entscheiden musste, einer WG mit einer fünfzigjährigen Brasilianerin, die fröhlich die Zimmer durchkramte und nach dem Vermissen nicht weniger Menschen, ist sie zu einer Profi-Erasmitin geworden. Auch wenn es mit dem Portugiesischlernen bisher nicht so weit her ist: In betrunkenem Zustand funktioniert die Kommunikation einwandfrei. Sangria und Bier gibt’s in der Malle-artigen Partyaltstadt ab einem Euro in verschiedenen Größen gestaffelt und ausschließlich in Plastikbechern (Umweltschutz wird hier mehr als klein geschrieben, geradezu unleserlich ist er).

Die verrückte Mexikanerin mit dem Bulldoggengesicht erzählt, dass sie demnächst heiraten wird. Nach ein paar XXL-Sangriarunden spricht sie nur noch Spanisch – beide nicken, lachen und verstehen. Wenig später knutscht sie mit dem dritten Typen, der ein rosa Hemd trägt und aussieht wie Neville Longbottom. Erasmus, du alte Puffmutti! Was machst du mit den braven Studentinnen und ihren ehemals vorbildlichen Beziehungen?

Von der ersten Germanistikprüfung in der Uni erfährt Loona nur zufällig. Als sie eintrifft, sitzen alle schon da und schreiben. Wer hatte nochmal gesagt, dass die Portugiesinnen derbe entspannt seien? Sie quält sich durch zwei Fragen über Sturm und Drang und Emilia Galotti, durchforstet ihr Hirn nach Restinfos aus der zehnten Klasse. Dafür ist der Sprachkurs witzig. Die professora ist Anfang dreißig, heiß und hat was mit dem Italiener aus der zweiten Reihe. Einmal kam eine Ärztin in den Kurs, die über Geschlechtskrankheiten aufklären wollte – inklusive kostenlosem Chlamydien-Schnelltest! Ihr merkt, woher der Wind weht.

Doch abgesehen vom Sich-gegenseitig-Tripper-Beibringen können auch ganz andere Skills erworben werden. Loona klaute schon immer wie ein Rabe und Lissabon ist das perfekte Pflaster, dieses Hobby zu perfektionieren. Ein Kumpel weiß riesige Käselaibe unbemerkt aus dem Supermarkt zu transportieren und will von nun an härter mit Loona trainieren. Im August, wenn sie dieses neue Leben der Dinnerparties, phony Bekanntschaften, Herzensmenschen und dem Hamster Joao verlassen muss, veranstaltet sie einen Flohmarkt mit ihrem Diebesgut.

Yana Duckwitz