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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

In Cannes ging der Jurypreis des Jahres 2018 an das realitätsnahe Drama der libanesischen Regisseurin Nadine Labaki, welches von Menschen handelt, die mit illegalem Status im Libanon leben. Als Schauspieler verkörpern Immigranten und Geflüchtete einen großen Teil ihrer eigenen Erfahrungen zum ersten Mal vor der Kamera.

Umgeben von uniformierten Männern wird ein Junge nach seinem Alter befragt. Ausweisdokumente hat er keine, im System ist er auch nicht zu finden. Seine Milchzähne fehlen ihm bereits – so wird er auf zwölf, vielleicht dreizehn geschätzt. Er selbst kann auch nur raten, denn ein Geburtsdatum kannte er nie. Handschellen werden um seine dünnen Handgelenke gelegt.

Capernaum – Stadt der Hoffnung / Nadine Labaki / Libanon 2018

Die Story

Zain (Zain Al Rafeea) lebt mit seinen unzähligen Geschwistern im Slum von Beirut. Zur Schule ist er nie gegangen, dafür arbeitet er als Lieferantenjunge im Kiosk nebenan und verkauft mit seiner Schwester Sahar (Haita Izam) Saft am Straßenrand. Nach Hause kommt er nur zum Schlafen – falls er irgendwo zwischen unzähligen Geschwistern ein kleines Plätzchen findet. Als Sahar zum ersten Mal menstruiert, versucht er ihr vergebens dabei zu helfen, es zu verheimlichen. Doch schon bald wird sie auf ihre Reife hin zwangsverheiratet und Zain läuft daraufhin fort. Seine Zeit auf der Straße prägt ihn in seinem Wunsch, aus dem Land zu fliehen. Er wird mit Menschenhändlern und dem Fakt konfrontiert, dass ohne Papiere seine Existenz – sein Menschsein – ausnahmslos infrage steht.

Und, wie finden wir das?

So greifbar, doch selbstverständlich unsagbar fern. Denn wie soll man etwas verstehen, was man niemals kennen sollte? Schiere Armut oder Illegalität kennen die Amateur-Schauspieler, die selbst einen illegalen Status haben, geflüchtet oder ohne Schulbildung sind, wodurch eine dokumentarähnliche Authentizität entsteht. An Zains Geschichte knüpfen viele reale Schicksale an, die zeigen, dass die Vernachlässigung durch Staat und System keine Einzelfälle sind.

Schlechtester Dialog

Schwer zu sagen, ob der Dialog selbst schlecht war oder nur die Untertitel schlecht übersetzt:

Straßenverkäufer preisen ihre Ware mit Reimen an:

»Frischer Saft für viel Kraft!«, »Mein Mais ist ganz heiß!« und so weiter.

Reaktionen aus dem Publikum

Absolut alle fanden ein Baby besonders süß. Die niedlichen und unschuldigen Taten des Jünglings führten zu einigen »Aaaaw!«-Momenten und verhalfen, das durchgängig präsente Grauen zu ertragen.

Äh, und der Bechdel-Test?

Bestanden! Es geht um alles andere als stupide Liebesbeziehungen. Die eigene Existenz, das Überleben und die Sorge um das Wohlergehen der Sprösslinge.

Fazit

Nichts für Heile-Welt-Fetischisten. Ein berührender Film, der selbst die apathischsten von uns aus ihrem westlichen Alltag mit so manchen Luxusproblemen wachrüttelt.

 

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